Konservativ, was ist das?

Es gibt eine Geschichte aus dem alten Rom. Schon damals stritt man sich über das Thema Ehe, und wer wen heiraten durfte. Es ab jene Partei, die den Status Quo bewahren wollte, dass nur innerhalb des gleichen Standes geheiratet werden sollte, und es gab jene, die die Ehe an sich verteidigten. Das Wort „konservativ“ mag es damals noch nicht gegeben haben, aber beide Parteien hätten es wohl für sich in Anspruch genommen …

Der Begriff „Konservativ“ verfügt über keine klare Definition, anders als der Liberalismus oder Sozialismus gibt er nicht einmal eine klare Linie vor. Im Gegenteil, beide Strömungen können sogar in den Konservativismus hineinwirken – oder ihn zu ihren Zwecken missbrauchen. Nicht wenige Liberale oder Libertäre vertreten konservative Werte, weil sie insgeheim wissen, dass ihre Ideologie sonst im Chaos enden würde. Und nicht jeder, der von sich etwa behauptet die katholische Soziallehre zu vertreten, oder den man als Herz-Jesu-Marxist verspottet, glaubt an konservative Werte.

Aber was sind konservative Werte überhaupt?

Als Enkel eines heimatvertriebenen Schlesiers und einer alten Ostpreußin, sind es auch tatsächlich preußische Werte, die ich dazuzähle. Seine Pflicht zu erfüllen, Verantwortung zu übernehmen, lieber mehr sein wollen, als mehr zu erscheinen, sich selbst für das Ganze zurücknehmen. Schon allein das eckt in einer Welt an, in der gekonnte Selbstdarstellung Erfolge bringt und jeder für sich das höchste Glück mittels des fleißigsten Konsums erstreben soll. Dabei wusste schon der alte Mann in Königsberg, dass in der Pflichterfüllung mehr Gutes liegt, als in dem nie endenden Streben nach individuellem Glück.

Natürlich gibt es aber auch Begriffe, die unweigerlich mit dem Wort konservativ in Verbindung gebracht werden.

Heimat! Die eigene Heimat mag nicht zwingend die Region sein, in der man geboren wurde, aber dennoch ist es etwas, dass nicht beliebig mit sich herumtragen kann. Man kann auch eine neue Heimat finden, aber man findet sie selten über Nacht.

Familie! Die Familie mag gerade in den letzten Jahrhunderten geschrumpft sein, aber sie ist noch immer der Kern jeder Gesellschaft. Großeltern, Eltern, Geschwister, sie sind das letzte Band, dass auch dann noch hält, wenn all die oberflächlich geknüpften Beziehungen ihre Schwachheit erwiesen haben.

Patriotismus! So wie der Mensch erst Mensch im Kontakt mit anderen Menschen wird, kann niemand das andere wertschätzen, wenn er nicht das eigene zu würdigen weiß. Ein Patriot ist stolz auf das eigene Land, ohne es unkritisch zu überhöhen und auch ohne die anderen Nationen zu erniedrigen.

Nation! In Deutschland ist der Begriff Nation mit einem Gift gleichgesetzt, doch unsere Nachbarn wissen, dass der Nationalstaat die einzige Einheit ist, mit der die Welt zu organisieren ist. Viele Deutsche halten sich ausschließlich für Europäer, ein Franzose jedoch ist Franzose und Europäer.

Glaube! Das Christentum steht der modernen westlichen Gesellschaft im Weg, weil es vielen westlichen Ideen grundlegend widerspricht. Dabei hat es die Grundlagen für eine freie Gesellschaft erst geschaffen, und es hält diese Grundsätze weiter hoch, auch gegen die Revolution, die ihre Kinder nur zu gerne fressen mag.

Geschichte! Jedes Volk hat in seiner Vergangenheit schlechtes getan und Verbrechen begangen. Doch die Geschichte muss als Ganzes betrachtet werden. Aus den Fehlern muss man lernen, sie nicht wieder zu begehen. Aus den guten Dingen muss der Ansporn erwachsen, es noch besser zu machen.

Recht! Recht und Ordnung sind keine faschistischen Begriffe, sie sind die Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens. Sind sie wohlüberlegt, müssen sie auch dann gelten, wenn sich manch emotionaler Einwand gegen sie meldet.

Es gibt Leichteres

Der Konservative könnte es sich leichter machen. Er könnte aufhören sich als konservativ zu bezeichnen, weil ihm die dominierende gesellschaftliche Elite allzu gerne in einen Topf mit Rechtsextremisten und Rechtspopulisten wirft. Auch ich habe schon das ein oder andere Mal mit der Nazikeule eines drauf bekommen. Aber dennoch bin ich der Ansicht, dass die entscheidenden Dinge nicht aus dem fixen Blickwinkel einer libertären oder sozialistischen Ideologie zu bewerten sind, sondern jedes Ding für sich zu betrachten und zu prüfen, ob es wertvoll ist oder schadet. Dabei geht der Konservative natürlich mit einer gebotenen Vorsicht heran. Aber wer auf dem Standpunkt steht, das Neue sei nicht automatisch immer besser, steht eben nicht gleichzeitig auf den Standpunkt, es sei immer schlechter. Es war seit jeher Aufgabe von Konservativen neue Entwicklungen auch zu bremsen, zu reformieren, bis sie die Mehrheit der Gesellschaft nicht mehr gefährdeten oder überforderten.

Dennoch gibt es natürlich auch im konservativen Denken rote Linien. Wie der Schutz des Lebens an seinem Beginn, oder seinem Ende. Abtreibung mag in seltenen Fällen das letzte Mittel sein, aber es ist kein Menschenrecht.

Der Mensch steht im Mittelpunkt jeder konservativen Entscheidung, deshalb ist der Konservative auch ein Anhänger der Marktwirtschaft, aber kein Jünger eines ungezügelten globalen Kapitalismus. Das Wohl der Gesellschaft steht für ihn an erster Stelle. Eigentum verpflichtet, sagt schon das Grundgesetz. Und der Tanz um das goldene Kalb ist ein Ausdruck von Dummheit und Menschenverachtung.

Und die Freiheit? Freiheit ist kein Wert an sich. Der Mensch muss frei sein, aber er darf nicht frei von Pflicht und Verantwortung sein. Absolute Freiheit endet lediglich im absoluten Chaos. Sie kann nicht uneingeschränkt sein, denn die Freiheit des einen muss dort enden, wo sie die Freiheit des anderen einschränkt. Und Konservative wissen auch, dass es kein Instrument der Unterdrückung ist, jene hilfreich an die Hand zu nehmen, die von der ihnen aus ideologischen Gründen aufgezwungenen Freiheit überfordert sind.

Das konservative Gewissen

Wenn die Progressiven mit Hurra nach vorn stürmen, sagt der Konservative „Ja, aber …“. Wenn der Zeitgeist die Säulen der Gesellschaft einreißen will, stellt sich der Konservative schützend vor sie. Er muss oft das zweifelnde, hinterfragende Gewissen sein, wenn andere die Welt verändern wollen. Er muss für die Grautöne einstehen, wenn andere nur Schwarz oder Weiß sehen.

Und er muss sich bewusst sein, dass er gerade jetzt in einer Gesellschaft lebt, in der er vielleicht so dringend wie selten zuvor gebraucht wird.