Die fliegenden Geister von Ragnit

Man sollte sein Haus nicht nur nicht auf einem Friedhof bauen, sondern auch nicht zwischen zwei Friedhöfe.

Im alten Ragnit in Ostpreußen gab es zwei Friedhöfe. Am südwestlichen Stadtende lag der Friedhof der deutschen Bewohner, gegenüber im Norden jener der Litauer. Einer alten Legende nach besuchen sich die dort Begrabenen allerdings hier und da, um ihre Freundschaften über den Tod hinaus zu pflegen. Sie tun das in besonders stürmischen Nächten, oder vielleicht sind die Nächte auch so stürmisch, weil die Geister hin und her fliegen. Sie tun das praktisch in einer geraden Linie, weil sich die Friedhöfe genau gegenüberliegen.

Die Bewohner von Ragnit wussten, dass nichts und niemand die fliegenden Geister aufhalten kann. Als achteten sie darauf, keinen Baum oder ein zu hohes Haus in den Weg zu stellen.

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Die Ruine der alten Ordensburg von Ragnit (Bild von Ballupoenen, CC BY-SA 3.0, Link)

Bis eines Tages ein Ortsfremder nach Ragnit zog, der davon keine Ahnung hatte. Er baute ein großes schönes Haus, das sich jedoch genau auf dem Weg der fliegenden Geister befand.

Es kam, wie es kommen musste. Die Geister beschlossen sich wieder gegenseitig zu besuchen und ein schwerer Sturm zog über die Stadt hinweg. Doch nur ein Haus wurde zerstört, das des Neuankömmlings. Doch der gab nicht auf und baute das Haus einfach wieder auf. Eine ganze Weile ging das gut, bis die Geister auf dem litauischen und dem deutschen Friedhof wieder beschlossen, es sei Zeit sich zu besuchen. Ein neuer Sturm zog auf und wieder war es nur ein Haus das zerstört wurde.

Da kam ein alteingesessener Mann zu dem Neuankömmling und erzählte ihm die Geschichte von den Geistern, die sich in den stürmischen Nächten gegenseitig besuchen würden. Jetzt wurde das Haus etwas weiter links neu aufgebaut und überstand die stürmischen Nächte.

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