Kulturkampf 2.0 – Und die Chancen für die Kirche stehen schlecht

Spätestens seit die Religion hochoffiziell nicht mehr als systemrelevant gilt, sollte dem letzten klar sein, dass ein neue Kulturkampf entbrannt ist.

Mein Verhältnis zu Otto von Bismarck ist, nun ja, durchaus ambivalent. Auf der einen Seite war er zweifellos einer der größten Staatsmänner unserer Geschichte, auf der andern Seite trotz all seiner großen Leistungen kein Mann ohne katastrophale Fehlentscheidungen gewesen. Zu jenen zähle ich auch den Kulturkampf Preußens gegen die Katholische Kirche, der im Angesicht der preußisch-religiösen Toleranzgeschichte zutiefst unpreußisch war. Jedoch dauerte der Kulturkampf nicht ewig, und endete im Bemühen Preußens sich mit der Katholischen Kirche und seinen katholischen Untertanen zu versöhnen.

Kladderadatsch 1875 - Zwischen Berlin und Rom.png
Von Wilhelm ScholzKladderadatsch 16. Mai 1875; wieder in: Bismarck-Album des Kladderadatsch. Mit dreihundert Zeichnungen von Wilhelm Scholz und vier facsimilierten Briefen des Reichskanzlers. Berlin 91890, S. 86, Gemeinfrei, Link

Deutschland und die Welt werden seit Wochen, seit Monaten von Covid-19 im Würgegriff gehalten. Und überall auf der Welt sind urplötzlich Dinge ganz selbstverständlich, die noch vor wenigen Wochen undenkbar gewesen wären. Das in weiten Teilen Europas seit Wochen keine Heilige Messe mehr stattgefunden hat, gehört zu diesen Dingen. Ganz am Anfang fand auch diese Maßnahme vor allem Verständnis, doch mit der Zeit blickten immer mehr Christen mit steigender Missbilligung auf die Selbstverständlichkeit mit der der Staat die Religionsfreiheit aushebelte und auch auf die Willfährigkeit, mit der die Bischöfe dem Verbot von Gottesdienst fast schon im vorauseilenden Gehorsam nachkamen. Vielleicht ist es allein dem Osterfest 2020 zu verdanken, das mit aller Traurigkeit die darin liegt, wohl das Prädikat der Einzigartigkeit verdient, dass zumindest jetzt ein gewisser Druck auf Politik und Bischöfe wächst, diesen Zustand nicht länger aufrechtzuerhalten.

Selbst neutralen Beobachtern müsste der Widerspruch zwischen geöffneten Geschäften auf der einen, und verbotenen Gottesdiensten auf der anderen Seite offensichtlich sein. Es ist alles andere als ein Ruhmesblatt der europäischen Christenheit, dass extra Regelungen, um Abstand zwischen den Gläubigen zu halten, im Angesicht der wenigen, die noch die Sonntagsmesse besuchen, fast überflüssig wirken.

Die europäische Gesellschaft wird zunehmend kirchenfeindlicher

Einer Umfrage der Tagespost zufolge sprechen sich nur 12 % der Deutschen dafür aus, auch während der Coronaviruspandemie Gottesdienste zu erlauben. 69 % jedoch sind der Ansicht, während dieser Zeit keine Gottesdienst besser stattfinden zu lassen. Was an diesen 69 % besonders zu denken geben sollte, ist wohl die Tatsache, dass sich unter diesen auch reichlich Menschen befinden dürften, die sich für Christen halten – für gute, nein, für die besseren Christen muss man hinzufügen.

Anders als unter Bismarck, als der Kulturkampf zentral von staatlicher Seite gelenkt wurde, wird er heute von einer die Meinung bestimmenden Gruppe geführt, die es zunehmend versteht ihre eigenen Vorurteile, ihren Hass und ihr Unverständnis so zu vermitteln, dass das alles auf weite Teile der Bevölkerung überspringt. Anders als in den Jahren zwischen 1871 und 1878 kann die Kirche nicht mehr auf einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung zählen, die sich instinktiv den zerstörerischen Mächten entgegenstellte.

Und noch eines ist anders als damals, vielleicht der schlimmste Aspekt. So schnell sich die deutschen Bischöfe auch dem Staat unterwarfen, so leichtfertig sie die Gläubigen von ihrer Sonntagspflicht freistellten, war ihnen einen Welt ohne Gottesdienste doch nicht so ganz geheuer. Es blieb nicht allein bei katholischen Gemeinschaften, auch die Bistümer bemühten sich mit Hilfe der modernen Kommunikationsmittel den Gottesdienst zumindest zu den Menschen in ihren Häusern zu bringen – wenn die Gläubigen schon nicht mehr in die Kirche durften. Die Reaktion der katholischen Verbände und der Theologen reichte von „das reicht doch“ bis zu „hätte man besser umsetzen können“. Doch nicht wenige entblößten ihr mangelndes Verständnis des Katholischen auch dadurch, den Sinn eines „nur“ von einem Priester ohne Gottesvolk gefeierten Gottesdienstes in Frage zu stellen. Radikale Propagandisten wie die kfd-Vorsitzende Agnes Wuckelt verstiegen sich gar in Aussagen, wie die „Corona-Krise relativiert Rolle von geweihten Männern in der Kirche“.

Der Feind – und ich wähle dieses Wort mit Bedacht – ist nicht nur außerhalb, er ist längst innerhalb der Kirche etabliert. Wer erinnert sich nicht an die schon zu Beginn der Coronapandemie lauthals ausgesprochenen Versicherung, der synodale Weg würde weiter gehen.

Politik agiert offen kirchenfeindlich

Von den deutschen Medien weitgehend unbeachtet, kam es an Karfreitag in Madrid zum offenen Konflikt zwischen Kirche und Staat. Wenn auch keine offizielle Messe, so hinderte der Erzbischof doch nicht eine Hand voll Gläubiger gemeinsam mit ihm zu beten. Die spanische Polizei machte dem ein Ende. Eine passende Maßnahme, regieren dort doch Sozialisten und Radikal-Sozialisten immer offener kirchenfeindlich, während sie gleichzeitig Quarantänebestimmungen für Muslime während des Ramadan mit Ausnahmegenehmigungen abmildern.

Der Freispruch des australischen Kardinals Pell wurde in den hiesigen Medien nicht zur Kenntnis genommen, ohne ihn zu kritisieren. Das Papst Franziskus ausgerechnet an jenem Tag in seiner Frühmesse an die unschuldig Verurteilten erinnerte, kühlte auch das Verhältnis zum Papst ab, von dem man ja schon seit einiger Zeit missmutig zur Kenntnis nehmen musste, dass er nicht gedenkt dem Katholizismus abzuschwören. Dabei ist der Justizskandal um Pell in Wahrheit der prominenteste Fall des mit Mitteln der Justiz und öffentlichen Meinung geführten Kriegs gegen jene verbliebenen Priester und Bischöfe, die weiterhin von Glaubensaspekten sprechen, die hiesige Theologen schon mal abfällig als „Retro-Katholizismus“ bezeichnen. Deshalb lag der Skandal von Beginn an nicht in der Tatsache, dass man Pell seine Schuld nicht nachweisen konnte, sondern in der Umkehr eines der grundlegendsten Prinzipien jedes Rechtsstaates: das die Schuld bewiesen werden muss, und nicht der Angeklagte seine Unschuld zu beweisen hat. Doch längst hat sich eine Allianz in und außerhalb der Kirche gebildet, die den Grundsatz „Unschuldig bis zum Beweis der Schuld“ mit dem Eifer der Rechtschaffenheit verteidigen, ihn jedoch für katholische Kleriker außer Kraft setzen möchten. Schamlos nutzen sie die unsäglichen Verbrechen, die durch den sexuellen Missbrauch ohne jeden Zweifel verübt wurden, zum erreichen ihrer eigenen Ziele. Dabei tröstet auch nicht die Erkenntnis, dass sich sogenannte moderne Theologen hier mit Gruppierungen verbünden, die an der völligen Vernichtung der Kirche arbeiten, also auch einer modernen Kirche – was auch immer das sein sollte. Letztlich zeigt das nur, dass der synodale Weg nicht bei einer Protestantisierung der Katholischen Kirche endet, sondern bei einem gemeinsamen Weg mit der Evangelischen Kirche, an dessen Ende nur ein Überleben als kirchensteuerfinanzierte esoterisch-wellnessorientierte NGO stehen kann.

Einen Kampf muss man annehmen, sonst hat man verloren

Seit jeher war die Kirche immer dann besonders schwach, wenn sie sich der Gesellschaft angepasst oder gar deren Spielregeln unterworfen hat. Ihre glorreichsten und würdigsten Stunden hatte sie jedoch immer dann, wenn sie sich dem Unrecht entgegengestellt hat. Die Zahl der Opportunisten, der Nicht-alles-Glaubenden und der Häretiker war niemals gering, aber bisher hat die Kirche ihnen immer widerstanden. Heute ist ihre Zahl wohl größer denn je, und nicht wenige handeln nicht aus einer Lust an der Zerstörung, sondern weil sie irregeleitet sind. Das die Kirche von ihnen bisher nie in den Untergang getrieben wurde, lag stets daran, dass im entscheidenden Moment der Kirchengeschichte Männer und Frauen, Heilige, aufgestanden sind und den von Gott geforderten Auftrag nachgekommen sind, sich ihnen in den Weg zu stellen.

Auf der ganzen Welt wird in diesen Tagen kein Glaube brutaler bekämpft als das Christentum. Priester wie Laien nehmen das Martyrium auf sich, werden gefoltert und für ihren Glauben getötet. Kann ein Christ in Europa angesichts dieses Opfers sich selbst in die Augen sehen, und nicht mit Begeisterung seinen Teil des Kreuzes tragen, indem er sich aufrichtig zu seinem Glauben bekennt und für ihn eintritt, gleichgültig der sozialen Ausgrenzung, des Spotts, der Benachteiligung im alltäglichen Leben? Wenn die Huldigung des Konsums und das Zelebrieren des Hedonismus öffentlich sind, darf die Religion nicht zu Privatsache werden.

Die Ausgangslage im Kulturkampf 2.0 der modernen westlichen Gesellschaft mögen für die Kirche schlecht sein. Darin liegt aber kein Grund ihn nicht anzunehmen, die Aussichtslosigkeit sollte vielmehr ein Ansporn sein den Kampf gegen die inneren und äußeren Gegner aufzunehmen. Der Glaube an Gott ist keine Schönwettercharaktereigenschaft, er beweist sich dort, wo er auf die Probe gestellt wird. Nutzen wir die Gelegenheit, diesen Beweis zu erbringen.

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