Der Königin letzte Waffe: Das Wort

Die Ansprache von Königin Elizabeth II stärkt den Kampf gegen den Coronavirus. Sie war aber auch ein Plädoyer für die Monarchie.

Auch wenn die realen politischen Möglichkeiten der europäischen Monarchen bis auf wenige Ausnahmen nur noch sehr begrenzt sind, ein Mittel hat die parlamentarisch kontrollierte Monarchie ihrem Monarchen noch gelassen, das Wort.

Die Ansprache der englischen Königin Elizabeth II an die Briten und Bewohner des Commonwealth, deren Staatsoberhaupt sie noch immer ist, war noch nicht ganz verklungen, als kein Kommentar dazu ohne die Umschreibung „historisch“ auskam. Rein faktisch historisch war sie von vornherein schon, denn erst zum vierten Mal wandte sie sich an ihre Untertanen – außerhalb der üblichen Weihnachtsansprache. Und immerhin regiert sie inzwischen schon weit länger als ein halbes Jahrhundert. Den historischen Bogen schlug die Königin dann selbst, als sie an ihre Radioansprache als Thronfolgerin zusammen mit ihrer Schwester Magarete erinnerte, mit der sie sich 1940 gerade an die britischen Kinder wandte. Eine Rede, die wie ich finde, für den Durchhaltewillen Großbritanniens gegenüber Nazideutschlands ebenso viel beigetragen hat, wie jene auch in diesen Tagen hier und da zitierte „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede von Winston Churchill.

Wenn am Karsamstag Bundespräsident Steinmeier versuchen wird mit einer Fernsehansprache ähnliches zu bewirken, dann hindert ihn nicht allein schon seine Vergangenheit daran. Das Ideal eines über den Parteien stehenden Bundespräsidenten, dass manche Väter und Mütter des Grundgesetzes gehabt haben, haben nur wenige erfüllt. Und jene, die es konnten, mussten einen langen Kampf führen, weil auch sie letztlich immer ein Produkt der Parteipolitik waren. Steinmeier ist insofern nur deshalb ein besonders schlechter Bundespräsident, weil er nicht nur das Produkt von Parteiengeschacher ist, sondern auch das vielbesagte Parteibuch nur rein symbolisch abgelegt hat.

Wenn sich ein demokratischer Politiker in dieser Weise an das Volk wendet, braucht es selten gewordene charakterliche Größe, tatsächlich auch zum Volk zu sprechen. Und nicht zu jenen Teilen, mit denen man die politische Überzeugung, die Entscheidung zu einer Partei teilt. Letztlich wird er meist nicht zum Volk sprechen, sondern zu den Wählern, seinen eigenen.

Der Monarch, der sich in der Stunde der Not an sein Volk wendet, hat jedoch jenseits seiner eigenen, charakterlichen Eignung schon per Existenz eine vollkommen andere Autorität. Er steht über den Parteien und über den Ideologien. Seine Verbindung zum einzelnen Bürger ist somit direkt, nicht von Parteipolitik und der Furcht vor den nächsten Wahlen verfälscht. Egal zu welchen Zeiten und welchen Unterformen der Monarchie, es waren stets die größten Stunden von Völkern, wenn Volk und Thron von nichts getrennt wurden.

Zur gleichen Zeit verfügt der Monarch in Nationen, die sich dieses Teils ihrer Geschichte nicht entledigt haben, selbst in der parlamentarischen Monarchie über einen Grad an Autorität, der in keiner Verfassung niedergeschrieben werden kann, weil er auf der Geschichte der Nation beruht, die die Verfassung nicht bestimmt, sondern von der sie nur ein kleiner Teil ist. In den sich europaweit gespaltenen Gesellschaften, wagt es ein Politiker nur noch selten harte offene Wahrheiten auszusprechen. Oder praktisch formuliert: Während Premier Boris Johnson trotz seiner realen politischen Macht die Briten bittet, kann Königin Elizabeth II es fordern, und erzeugt damit nicht den in unseren Breitengraden üblichen Faschismusvorwurf, sondern eint das Volk im gemeinsamen Kampf gegen die Herausforderung des Coronavirus.

Nur in einem Land wie Deutschland, dessen ironisches Schicksal es ist, gerade aufgrund des masochistischen Drangs alles zu verteufeln, was als patriotisch wahrgenommen werde kann, ein erbärmlich nationalistisch (in Sachen Wirtschaft und Moral) Bild abzugeben, kann man vielleicht nicht mehr verstehen, dass der Monarch nicht nur Staatsoberhaupt ist, sondern das Person gewordene Symbol seines Landes. So bizarr es in demokratischen Ohren klingen mag, mehr als jeder demokratische Repräsentant, erzeugt der Monarch Gleichheit für sein Volk. Als Verkörperung der Nation steht er für die Nation an sich, und damit für jeden einzelnen Bürger, gleich welcher Klasse, Religion, Herkunft oder politischen Überzeugung.

Anti-Monarchisten, wie sie etwa derzeit in Spanien wieder stark sind, offenbaren in ihrer Verachtung für das Zeremoniell nicht allein ihre Geschichtsvergessenheit, sie verkennen auch, dass es der Monarch und mit ihm die königliche Familie ist, die jenseits der Regenbogenpressebegeisterung auch heute noch die schwere Last auf seinen Schultern trägt, seinem Volk in schweren Zeiten voranzugehen. Es ist seine ureigene Aufgabe in diesen Zeiten sich nicht mit Schönfärbereien abzugeben, zu lügen, sondern dem Volk Mut und Zuversicht zu geben dieses schwere Tal zu durchwandern und geeint in bessere Zeiten zu gehen.

Ich gebe zu, ob Monarchist oder nicht, unter den verbliebenen regierenden Häusern sind mir die Windsor jene, die mir nicht von Grund auf sympathisch sind. Aber Königin Elizabeth II hat bewiesen, dieser Verantwortung würdig zu sein.

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