Die Corona-Lerneffekte, die wir wohl nicht haben werden

Krisen sind seit jeher auch Gelegenheit zu lernen, um nicht zwei Mal die selben Fehler zu machen. Doch wie viel werden wir aus der Coronakrise lernen? Wenig, ist zu befürchten.

Lange schweigend holt der Vizepräsident des italienischen Parlaments die EU-Flagge in seinem Büro ein. Geradezu gespenstisch, mit einer Atemschutzmaske.

Fabio Rampelli, dass sollte man bei diesen Bildern wissen, gehört der Partei Frateli d’Italia an. Einer Partei, die zu den natürlichen Koalitionspartnern des Lega-Chefs Salvini gehört, selbst aber noch weit rechts der Lega positioniert ist. Und trotz allem, haben diese Bilder eine erdrückende Symbolik.

Die Coronapandemie hat den traurigen Beweis erbracht, wie weit es mit dem menschlichen-solidarischen Zusammenhalt der realexistierenden Europäischen Union tatsächlich her ist. Das über Wochen Nichthandeln von Brüssel wird man in Rom so schnell nicht vergessen. Ebenso wenig, wie das wochenlange Zusehen der Deutschen, bis hier die Frage immer lauter wurde, warum zum Teufel wir den Italienern nicht helfen, wenn wir es doch jetzt noch können, bis zumindest vereinzelt Coronaintensivpatienten eingeflogen wurden. Es brauchte erst apokalyptische Bilder und über die Grenzen des eigentlich Möglichen hinausgegangene Helfer, ehe man sich dann doch zum Handeln entschloss. Das über die Grenzen des rechten Spektrums hinaus die Europäische Union auf Jahre hinaus beschädigt sein wird, kann niemand den Italiener verübeln. Und wer den niederländischen Finanzminister hört, wie er in seiner Arroganz jetzt schon klarstellt, Italien hätte ja erst einmal seine Hausaufgaben aus der Finanzkrise machen müssen, ahnt, nicht alle haben den Schuss gehört. Für jemanden der wie ich weit von der in Deutschland weitverbreitenden Zweiteilung zwischen Land und Menschen entfernt ist, und nicht nur Italien, sondern auch die Italiener mehr als schätzt, hat Wopke Hoekstrat einen guten Moment verpasst einfach mal den Mund zu halten. Viva Italia!

Damit wären wir allerdings lange nicht am Ende der Erkenntnisse, die uns die Coronakrise bitter vor Augen führt. Zweifellos würden jetzt auch viele Unternehmen auf die Produktion von Atemschutzmasken und anderen Schutztextilien umstellen, wenn wir nicht quasi die gesamte Produktion aus reinen – und nur aus reinen – finanziellen Erwägungen nach China verlagert hätte. Das scheinbar mehr oder weniger alle in Deutschland gebrauchten Medikamenten in Indien oder China hergestellt werden, erwies sich zudem schon vor Corona als großes Problem. Anfang des Jahres mussten etwa viele Patienten in Deutschland um ihre Versorgung mit Antidepressiva bangen. Womit eigentlich klar hätte sein müssen, dass die Verlagerung von lebensnotwendigen Industrien aus Kostengründen ins außereuropäische Ausland eine, mit Verlaub, außergewöhnlich dumme Idee ist.

Wenn Linke jetzt noch etwas lauter als zuvor ihren geschichtsvergessenen Traum von einer Wiederkehr des Sozialismus verkünden, werden sie nicht selten von Vertretern eines globalen Kapitalismus bekämpft, die auch jetzt behaupten ihre Ideologie sei nicht schuld, sondern die einzige Chance auf Rettung. Da mögen noch so viele Lieferketten nach und nach zusammenbrechen, einen treuen Jünger von Menschenfeinden wie Hayek oder Friedman kümmern solche Realitäten ebenso wenig, wie die Verbrechen des Kommunismus die Linke kurieren konnten.

Dabei sollte uns der Coronavirus vor Augen führen, dass eine Welt ohne Handel nicht möglich, ein aber nicht nur im Bezug auf Landesgrenzen grenzenloser Freihandel Mitverursacher der Krise ist. Man muss kein Sozialist sein, um zu wissen, dass eine Wirtschaftsideologie, die nicht den Menschen im Mittelpunkt hat, sondern nur den ins nicht mehr greifbare gesteigerten Gewinn einer globalen Finanzelite, nur mit einem Wort zu beschreiben ist. Falsch! Das es erst einer öffentlichen Empörung bedurfte, um etwa finanziell propergesunden Unternehmen wie Adidas dazu zu bewegen ein Gesetz nicht schamlos auszunutzen, das ganz andere schützen sollte, ist unter diesem Gesichtspunkt wenig überraschend. Die weltweite neoliberale Politik einer Unterwürfigkeit unter das Kapital, musste bei Managern zwangsläufig den Glauben auslösen, auch diese Möglichkeit Geld auf Kosten anderer zu sparen und damit zu verdienen, sei ja eigentlich auch wieder nur für sie erlassen worden.

Das ebenfalls gesetzliche Regelungen und Rettungsschirme gespannt werden mussten, um Klinken vor dem Absterben in einer Zeit zu bewahren, in der sie so notwendig wie nie zuvor gebraucht werden, offenbart hingegen die Folgen der Ökonomisierung des Gesundheitsbereichs. Das Bewusstsein, dass der Staat gewisse Dienstleistungen, wie den Gesundheitsbereich, sicherstellen muss, ohne damit eine Gewinnabsicht zu verfolgen ist spätestens mit dem neoliberalen Schwenk der Regierung Schröder-Fischer verloren gegangen. Auch wenn im Angesichts der Krise ein funktionierendes Gesundheitssystem ebenfalls so schnell wie möglich aufrüsten müsste, lassen sich doch nicht wenige der Opfer, die wir heute beklagen, auf genau diese Politik zurückführen. Alten- und Pflegheime in Würzburg und Wolfsburg sind das Fanal für Jahre einer Politik, die erst vor wenigen Monaten zumindest begonnen hat umzusteuern. Zu spät!

Hier und da reden jetzt viele davon, dass es eine Zeit vor Corona und eine Zeit danach geben wird. Ob jedoch langfristige Änderungen und Lerneffekte eintreten werden, darf bezweifelt werden. Schon bald wird die Produktion von Masken oder Medikamenten in Deutschland die Gewinne der Konzerne belasten. Der Coronavirus wird vergessen sein, man wird sich an ihn erinnern, wie man sich an die Dinge aus der Geschichte eben erinnert. Schaut, was wir damals überstanden haben. Aber das ist lange her, und heute ist heute.

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