In Coronaviruszeiten braucht es Konservative, keine Liberale

Ausgangssperren, geschlossene Geschäfte und öffentliche Plätze, die meisten beruhigen diese Maßnahmen, andere sind beunruhigt.

Als am Freitagnachmittag Markus Söder die Ausgangsbeschränkungen, die einer Ausgangssperre letztlich gleich kommen, für Bayern in Kraft setzte, war das Echo weitestgehend positiv. Zu viele hatten das schöne Wetter lieber für Party unter freiem Himmel genutzt, zu mächtig waren die Bilder davon. Während auf Twitter sogar FDP-Chef Christian Linder die Maßnahme als „verhältnismäßig“ betrachtet, schon ausgerechnet SPD Co-Vorsitzende Saskia Esken quer:

Fairerweise sei allerdings angemerkt, das der Co-Vorsitzende, dessen Namen sich niemand merken kann, weil die Esken alle PR auf sich zieht, mehr oder weniger das Gegenteil gesagt hat.

Man hätte es wahrscheinlich eher umgekehrt erwartet, aber keine Bange, natürlich gibt es weiter aufrichtige Liberale/Libertäre, etwa Johannes C. Bockenheimer, der in seinem Artikel Ein mieser Tag für die Freiheit schrieb:

„Und es passt nur zu gut in eine Zeit, in der völkisch-autoritäre Parteien in die Parlamente gewählt werden, die für das Individuum nur Verachtung und Misstrauen übrig haben. Der Freitag war ein mieser Tag für den Liberalismus und ich fürchte, es werden noch viele weitere miese Tage folgen.“

Quelle: Salonkolumnisten

Diese Aussage ist auf so unglaublich viele Arten einfach nur dumm. Wer gleich die Nazikeule rausholen muss, sollte inzwischen eigentlich gemerkt haben, dass er keine echten Argumente hat. Natürlich vergleicht der Autor die Maßnahmen nicht mit dem nationalsozialistischen System, aber er versucht seinem Argument Gewicht (oder besser Bedrohungspotential) zu geben, in dem er einen Zusammenhang zum Rechtsextremismus herstellt. Übrigens in einer Art und Weise, die man eher bei der Linken, als bei Liberalen erwarten würde. Gleichwohl formuliert er seine Aussage dennoch so, das die von der demokratisch legitimierten bayerischen Staatsregierung getroffene Entscheidung, diese in eine ersponnene gemeinsame Linie bringt, mit jenen, „die für das Individuum nur Verachtung und Misstrauen übrig haben“. Mitunter argumentiert er damit doch weniger wie die Linke, sondern bedient sich eher der Tricks der extremen Rechten. (Wo meiner Ansicht nach Libertäre weit häufiger, und auch besser aufgehoben sind. Aber das ist Stoff für einen anderen Beitrag).

Geradezu verstörend, wenn auch wenig überraschend, ist die Ignoranz der Realität, die sich in dieser Aussage zeigt. Es mag sein, dass die Mehrheit sich an die Empfehlungen zur Reduzierung der sozialen Kontakte gehalten hat, zu ignorieren, dass es aber zu viele gab, die es nicht taten, bedarf der ideologischen Blindheit. Egal ob sich widersetzende Kneipenwirte, die Antifa in Berlin oder Leipzig, oder gerade die linksliberal-grüne Jugend mit ihren Partys in den Parks, zumindest das Misstrauen dem Individuum gegenüber ist offensichtlich berechtigt. Die pathologische Überschätzung der Vernunft und Einsicht eines jeden Einzelnen, die das Grundübel des Liberalismus darstellt, wurde zig-tausendfach Lügen gestraft.

In einer Hinsicht hat er aber natürlich dennoch recht, der „Freitag war ein mieser Tag für den Liberalismus und ich fürchte, es werden noch viele weitere miese Tage folgen.“ Und dafür sollten wir auch dankbar sein. Die Krise ist immer die Zeit der Macher, der Kümmerer, und mit Verlaub, dass sind in der Regel die Konservativen. Gerade wenn es darum geht, mit Werkzeugen wie der Ausgangssperre sich einer Krise entgegenzustemmen, braucht es keine Liberalen oder Sozialisten. Die einen folgen einer Ideologie, die stets bereit ist für mehr Freiheit nötigenfalls mehr Opfer zu bringen. Die anderen reden viel über Freiheit, treten sie aber zum eigenen Machterhalt schnell mit Füßen. Es braucht jetzt die konservative Fähigkeit zwischen wahrer Freiheit und dem Ausleben individualistischer Egoismen zu unterscheiden. Das schließt mit ein, dass jene, die jetzt über die Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens entscheiden, dies nicht leichtfertig tun, sondern sich der Schwere der Eingriffe durchaus bewusst sind.

Die Freiheit zu sichern heißt jetzt nicht, sich gegen jede Einschränkung aus Prinzip zu stellen. Alles was sinnvoll erscheint, muss auch möglich sein. Sicherungen einzubauen heißt dann zum Beispiel, klar zu machen, dass die Einschränkungen zeitlich beschränkt werden müssen. Wer jetzt rein ideologische Kämpfe für die Freiheit führt, wird nur dafür sorgen, dass sich die Situation verschlimmert, und die Einschnitte dann nur noch härter werden. Und niemand braucht sich der Illusion hinzugeben, das auch die relativ laxen Einschränkungen in Bayern das Ende der Fahnenstange sind. Ein Blick nach Italien zeigt, es kann noch weit schlimmer kommen. Wer jetzt Maßnahmen verhindert, hat in zwei oder drei Wochen italienische Verhältnisse. Dort sah sich die Regierung gezwungen jetzt auch die gesamte Wirtschaft lahm zu legen. (Das müsste doch eigentlich genug Drohpotential für eine Ideologie sein, die den Primat der Ökonomie über den Menschen vertritt.) Vor allem werden wir dann aber auch italienische Verhältnisse haben, was Infizierte und Tote angeht. Und in Militärlaster abtransportierte Tote haben reichlich wenig von der falsch verstandenen Freiheit einer liberalen Elite, die finanziell in der Lage ist sich besser zu schützen.

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