Coronavirus – Die Briten schwimmen gegen den Strom

Während Ausgangsperren und Verbote das Leben auf dem Kontinent lähmen, fährt das Vereinte Königreich eine andere Corona-Strategie.

Wenn in den Medien der außerdeutsche Umgang mit der Corona-Pandemie beleuchtet wird, kommt Großbritannien in den wenigsten Fällen vor. Und wenn doch, dann als eine Art Negativbeispiel, weil man dort von den Maßnahmen auf dem Kontinent weit entfernt scheint. Unwillkürlich fragt man sich, spinnen die Briten? Glauben die, nur weil sie auf einer Insel leben, wären sie nicht betroffen?

Doch auf den zweiten Blick wird einem klar, dass die Regierung von Boris Johnson natürlich auch auf die Bedrohung durch Covid-19 reagiert. Sie tut es nur auf eine andere Weise. Während man in Deutschland die Devise „Flatten the Curve“ ausgegeben hat, es also zum Ziel erklärt wurde, die Ausbreitung so weit wie möglich zu verlangsamen, um Überbelastungen des Gesundheitssystems zu vermeiden, setzt Johnson auf „Herdenimunität“. Denn so vernünftig die Maßnahmen der europäischen Nationen und Bayerns auch sind, sind sie dennoch nicht so alternativlos, wie man meinen mag.

Vor gut einer Woche habe ich lange mit einem alten Freund geskypte, den die Coronakrise besonders hart trifft. Als freiberuflicher Reiseleiter braucht er im Augenblick keine Ausgangssperre, er muss zwangsläufig zuhause bleiben und sieht mit Schrecken seine finanziellen Reserven dahinschmelzen. Miete, eine private Krankenversicherung sind Fixkosten, die monatlich bezahlt werden müssen. Doch die Zahl der Monate, die dies ohne Einkommen möglich sind, ist sehr überschaubar. Als wir uns über Covid-19 unterhalten haben, äußerte er die Hoffnung, dass möglichst schnell eine Immunität in der Bevölkerung wachsen würde, die es ihm wieder ermöglichen würde, zu arbeiten.

Nach Schätzungen der deutschen Experten, für die das hiesige Handeln tatsächlich alternativlos ist, werden 70 bis 80 % von uns am Coronavirus erkranken. Diese hohe Zahl ist auf den ersten Blick ein Horrorszenario, bis man weiß, dass eine große Anzahl davon nicht einmal etwas bemerken wird. 80% der Fälle verlaufen milde. Was man sich allerdings mit Blick auf das britische Vorgehen noch einmal in Erinnerung rufen muss, diese 70 bis 80% werden kommen, wir versuchen es nur so weit hinauszuziehen, dass die Krankenhäuser es stemmen können. Bis dahin gibt es drei Szenarien zum Sieg über Corona.

  1. Die von Experten gedämpfte Hoffnung, das Virus würde ähnlich wie Grippeviren im Frühling oder Sommer verschwinden.
  2. Ein Impfstoff wird entwickelt, was aber wohl erst 2021 der Fall sein wird.
  3. Die Herdenimmunität wird erreicht, so dass es ähnlich wie bei einer ausreichend hohen Impfquote unwahrscheinlich wird, sie zu infizieren.

Sollten sich die Zweifel an Punkt 1 bewahrheiten, dürfte die Herdenimmunität wohl die wahrscheinlichste Lösung sein. Während man diese aber auf dem Kontinent hinauszögert, setzt Johnson – trotz kleineren Kurskorrekturen aufgrund von Kritik – auf die Strategie diesen Punkt möglichst schnell zu erreichen.

Das hat einen großen Vorteil, aber auch einen großen Nachteil. Der Nachteil ist so offensichtlich, wie er tödlich sein kann. Die britische Strategie setzt Risikogruppen, also alte Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen, einer weit größeren Gefahr aus, als die kontinental-europäische. Dem ist man sich in London durchaus bewusst, und versucht diese Risikogruppen zu schützen. Dennoch ist die Sterbequote mit knapp 5% in Großbritannien vergleichsweise hoch. Zudem ist das britische Gesundheitssystem dem Vernehmen nach schon im Normalzustand überfordert, ob es die zusätzliche Belastung stemmen könnte, kann als fraglich bezeichnet werden. Das Johnsons Plan auch nicht aufgeht, darauf deuten auch die aktuell lediglich rund 2.700 bestätigten Infektionen hin. Von einer Durchdringung ist man da noch weit entfernt, daran ändert auch die berechtigte Kritik nichts, dass Großbritannien vergleichsweise wenig Tests durchführt, die Dunkelziffer also weit höher liegen dürfte.

Was aber ist der Vorteil einer solchen Strategie, wenn sie denn funktioniert? Ganz einfach, die Coronakrise ist schneller vorbei. Mit der kontinental-europäischen Strategie jedoch stehen wir erst am Anfang, und niemand sollte sich dem Irrglauben hingeben, dass wir in zwei oder drei Wochen wieder zum Normalzustand zurückkommen. Mit jeder Woche, und ab einem Kipppunkt wohl auch mit jedem Tag, steigen aber die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Risiken an. Zwar hat auch die Bundesregierung begriffen, dass es nicht darum geht eine immer fiktiver werdende Großindustrie zu retten, sondern auch den kleinen Selbstständigen, dennoch wird es zu einer Insolvenzwelle kommen und die Arbeitslosenzahlen werden ansteigen. Wirtschaftsminister Altmeier mag noch davon fabulieren, jeden Arbeitsplatz retten zu wollen. Das eigentlich Ziel aber lautet, die Wirtschaft so weit zu sichern, dass sie nach dem Ende der Pandemie wieder anlaufen kann. Und das ist schwer genug, und wird immer schwerer, je länger Corona aktiv ist.

Wenn am Sonntag der Rest der Republik die bayerischen Maßnahmen nachzieht, wird man das in breiten Bevölkerungsschichten begrüßen. Die Frage ist nur, wie groß hat dabei die irrige Annahme einen Einfluss, dass in spätestens einem Monat alles vorbei sein wird? Und was passiert, wenn den Menschen bewusst wird, dass es länger als einen Monat dauern wird? Die Frage ist weniger, ob die Bundesliga einen Deutschen Meister 2019/2020 ausspielen wird, sondern ob das aktuelle Schuljahr abgeschlossen werden kann. Kann man das Bildungssystem auf Monate hinaus dicht machen? Und wie lange kann eine Gesellschaft es durchhalten, nur auf Geschäfte zurückzugreifen, die Nahrungsmittel verkaufen? Denn viele jetzt geschlossenen Geschäfte oder Handwerksbetriebe bieten vielleicht keine Leistungen an, die man nicht auch zwei oder drei Wochen miesen könnte, aber was ist, wenn das Auto kaputt geht, der Kühlschrank nicht mehr funktioniert oder man sich – so sie denn ab Sonntag auch bundesweit geschlossen werden – mal die Haar schneiden lassen will? So sinnvoll der Shutdown in unserer Strategie auch sein mag, so sinnlos ist die Annahme, das er auf lange Sicht hindurch durchgehalten werden kann. Nüchtern betrachtet ist unser Verhalten ein auf Sicht fahren in der Krise. Die Politik reagiert lediglich auf den Coronavirus, sie agiert aber nicht. In Anbetracht der Tatsache, dass sowohl ein Impfstoff, als auch eine Herdenimmunität eher Monate, als Wochen entfernt sind, wird dies das eigentliche Problem werden, das zu lösen ist.

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