Angela Merkel, eine Lady Macbeth ohne Macbeth

Während es in Dänemark gerade ganz gut läuft, ist im Staate Deutschland etwas faul … überfaul.

Bekanntlich habe ich nie einen Hehl daraus gemacht, dass den 18. Januar 1871 eher zwiespältig sehe. Und dennoch blicke ich mit einer guten Portion an Fassungslosigkeit auf die aktuelle Situation dieses Landes. Schwankte die Wahrnehmung Deutschlands bisher immer zwischen Bewunderung und Verachtung, scheint seit geraumer Zeit die Lächerlichkeit zu dominieren. Seine Repräsentanten müssen Linienflüge nehmen, weil Regierungsmaschinen nicht fliegen. Ihr oberster Repräsentant verschickt aus Versehen offizielle Telegramme. Sein Militär scheint nur noch ein paar Monate davon entfernt wieder mit auf Fahrräder montierten Panzerattrappen ins Manöver ziehen zu müssen, wie nach den Beschränkungen nach dem 1. Weltkrieg. Sein vielgelobter Föderalismus, der seit 1918 ohnehin nur noch eine Farce ist, wird offen demontiert. Politiker einer Partei, die eine der beiden Diktaturen auf deutschem Boden getragen haben, werden bei Koalitionsrunden der Kanzlerin zugeschaltet. Das Führungsduo der Sozialdemokraten ergießt sich in sozialistischen Ideen und grenzwertigen Aussagen, was allein deshalb egal ist, weil sowieso niemand auf sie hört. Die Vorsitzende der CDU will nicht mehr, weil sie begriffen hat, eine Parteivorsitzende unter Angela Merkel ist eine Parteivorsitzende ohne Land (also Partei). Und über allem thront eine Kanzlerin, die die Züge einer tragischen Lady Macbeth angenommen hat. Nur das diese Lady Macbeth sich des eigentlichen Macbeth entledigt hat.

Seit dem Desaster in Thüringen kann man sich die Situation in der CDU-Parteizentrale und im Kanzleramt vielleicht tatsächlich ein wenig vorstellen, wie jene Szenen gegen Ende des großen Shakespeare Stückes. Es herrscht nicht nur Chaos, es zeichnet sich vor allem das Ende ab. Mit zunehmender Verzweiflung versucht man durch Bauernopfer in Form von Ostbeauftragten die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen, und verschlimmert sie dadurch nur. Die Lage erkennenden, kehren die geschassten Figuren auf die Bühne zurück, bereit sich für ihre Niederlagen und Demütigungen zu rächen.

Und dennoch, Angela Merkel bleibt noch immer die Sphinx, die sie in den Jahren ihrer Kanzlerschaft geworden ist. Was treibt sie um, warum macht sie weiter wie zuvor, wo ihre Methoden doch immer weniger Wirkung zeigen? Ist es die Unfähigkeit zu erkennen, dass reines Reagieren und auf Sicht zu fahren, jetzt nicht mehr das adequate Mittel ist? Kann die Physikerin nur in Aktion-Reaktion denken? Knapp 15 Jahre ihrer Regierungszeit legen diesen Schluss nahe. Sie hat die Warnung von Helmut Schmidt, mit Visionen solle man zum Arzt gehen, so gründlich verinnerlicht, wie sie sie missverstanden hat. Der Stratege Schmidt war nicht auf Visionen angewiesen, die Taktikerin Merkel hat nie zu einer Strategie gefunden. Ihr politisches Denken ging nie über die Erhaltung des Status Quo hinaus, ohne zu begreifen, das im Falle der Politik, ein Festhalten am Status Quo gleichbedeutend mit Rückschritt ist.

Klammert sich Merkel also am Ende nur an die Macht, ist das der treibende Instinkt einer Frau, die sonst den Eindruck macht rational und abgeklärt zu handeln, jeder Emotion oder Instinkt fremd zu sein? Der Machterhalt um jeden Preis wäre letztlich wieder mit ihrem Zwang den Status Quo zu erhalten übereinzubringen.

Oder müssen wir uns Angela Merkel nicht viel mehr als eine zutiefst tragische Figur der deutschen Geschichte vorstellen? Die wie alle demokratischen Politiker, deren Zeit sich dem Ende zuneigt an ihren Platz im Geschichtsbuch denkt? Und was bleibt als das Vermächtnis Angela Merkels schon? Eine vor einem Untersuchungsausschuss gerettete und in Hinterzimmern zur EU-Kommissionspräsidentin gemauschelte Ursula von der Leyen? Eine aus dem Ruder gelaufene Flüchtlingspolitik, die eine unter ihrer richtungslosen Politik gespaltene Gesellschaft endgültig in zwei Teile zerbrochen hat? Oder jenes Vermächtnis, das Merkel über Jahrzehnte hinaus überdauern wird, die Erschaffung der AfD? Nun mag davon nicht alles allein ihre Schuld gewesen sein, aber ihre Unfähigkeit mehr als einen Schritt in die Zukunft zu denken, war letztlich der Brandbeschleuniger auf all diese Entwicklungen. Das Zugrunderichten der eigenen Partei inklusive.

Unter diesen drei Optionen ist es am Ende wohl eine Mischung aus den ersten beiden, zu wenig deutet daraufhin, das Angela Merkel auch nur ahnt, wie die Geschichte sie beurteilen wird. Der Wille zur Macht hat es ihr ermöglicht jede Gelegenheit zu ergreifen sich der Konkurrenz in der eigenen Partei und auch in anderen zu entledigen. Das einzige, was in der Regierungszeit Merkel tatsächlich alternativlos geworden ist, ist Angela Merkel selbst. Am Ende kann man nicht einmal die größte Ausrede von allen nutzen, die die Demokratie zu bieten hat, denn auch der Wähler hatte im Grunde keine andere Wahl. Was hätte er denn machen sollen? Sozialistische Experimente, rechtspopulistische Ideen wählen? Angela Merkel hat es verstanden, nicht durch ihre Politik zu überzeugen, sondern durch ihre Rolle des geringsten Übels.

Vielleicht trifft die Schuld am Ende dennoch die Deutschen selbst. Denn in kaum einem anderen Land wäre eine Angela Merkel möglich gewesen. Es brauchte eine Nation, die sich selbst zutiefst misstraut, die eigentlich gar nicht sein will. Das Deutschland führungslos vor sich hin taumelt, ist der zur Realität gewordene Wahn, politische Führung hätte etwas mit dem Führer zu tun. Nachdem Nationalismus das Land in die Katastrophe geführt hat, arbeitet die De-Nationalsierung an seiner endgültigen Abschaffung. Freilich ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was denn danach kommt. Mehr als realitätsfremde Vorstellungen hat die post-nationale Elite nicht zu bieten, realitätsfremd, weil man vielleicht sieht, dass niemand sonst diesen Weg mitgehen will, man aber noch immer vom deutschen Größenwahn besessen ist, es besser zu wissen. Die bittere Ironie einer angestrebten Selbstvernichtung.

Schreibe einen Kommentar