Flucht und Vertreibung – Das Gedenken das dieser Tage fehlt

2020 ist ein Jahr der runden Gedenktage, doch wie alles heute, sind manche Ereignisse gedenkwürdiger, als andere.

Für uns Deutsche hat das Gedenkjahr 2020 nicht sonderlich gut begonnen. Ein Bundespräsident hielt eine Sonntagsrede, also viele große Worte, wenig Substanz und einige Fragen bezüglich der realen Politik seines Landes. Beispiel gefällig? Gestern beschloss die Koalition es während der Naziherrschaft ausgebürgerten Juden und ihren Nachfahren das Rückerlangen der deutschen Staatsbürgerschaft weiterhin schwer bis unmöglich zu machen.

Wenn sich am 8. Mai zum 75. Mal das Ende des 2. Weltkrieges jährt, werden einige vielleicht einen Mann besonders vermissen. Richard Karl Freiherr von Weizsäcker, der als Bundespräsident im Jahr 1985 in denkwürdigen Rede den 8. Mai als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ beim Namen nannte. Natürlich wird auch Frank-Walter Steinmeier etwas kluges und entschuldigendes zu sagen haben, aber jemanden, der aus einer Ideologie heraus über etwas spricht, was er nicht kannte, verfügt nicht über die Autorität des Ringens eines Mannes, der wusste von was er sprach. Aber warten wir es ab, vielleicht werde ich ja positiv überrascht.

Doch war das alles, was zwischen Januar und Mai 1945 geschehen ist?

Am 30. Januar 1945 versenkte ein sowjetisches U-Boot die Wilhelm Gustloff in der eisigen Ostsee. Für rund 1.500 Menschen einst als Kreuzfahrtschiff im Auftrag der nationalsozialistischen Propaganda gebaut, waren in jener Nacht rund 10.000 Menschen an Bord. Überwiegend Flüchtlinge aus dem Osten, die bis zu ihrem Ende glaubte zu den wenigen Glücklichen zu gehören, die es doch noch schaffen würden. 9.000 von ihnen fanden den Tod in den eisigen Fluten.

9.000 die nur ein Ausrufezeichen für jene Tage markieren, die durch Beginn der sowjetischen Offensive eingeläutet wurden, die die russischen Truppen im April mit dem Erreichen Berlins krönten. Auf ihren Weg dorthin lösten sie eine so noch nicht dagewesene Flüchtlingswelle aus, die für Unzählige ebenfalls im Tod endete. Natürlich hätten es die meisten von ihnen vorgezogen früher nach Westen zu fliehen, doch Flucht war verboten. Die Führung der NSDAP setzte Flucht mit Verrat gleich. Als man dem Gauleiter in Königsberg Evakuierungspläne vorlegte, soll er sie mit den Worten vom Tisch gewischt haben, „wer noch einmal über Flucht redet, wird erschossen“. So konnten 2,5 Millionen Ostpreußen erst dann versuchen sich zu retten, als sich jene Nazis selbst schon in den Westen gerettet hatten.

Der Januar damals war nicht mild, wie in diesem Jahr. Schon gar nicht in Ostpreußen. Temperaturen von -20 Grad wurden gemessen, nicht wenige erfroren. Oder ertranken im zugefrorenen Haff, als sie ins Eis einbrachen. Vielleicht kann man zynisch noch sagen, dass sie einen grausamen, aber im Vergleich zu jenen, die den Russen in die Hände fielen, doch beinahe gnadenvollen Tod hatten. An Bestialität waren sich nicht nur Hitler und Stalin gleich, auch viele ihrer Soldaten hatten kaum noch zivilisatorische Züge an sich. Massenvergewaltigungen, bestialische Rachemorde waren an der Tagesordnung.

Opfergedenken ist selektiv

Hier und da erscheint dieser Tage in Zeitungen und ihren Online-Ausgaben ein Bericht darüber als historische Berichterstattung. Aber offen um diese Opfer des Krieges zu trauen, daran ist offiziell nicht zu denken.

Warum eigentlich? Steckt dahinter die Annahme, das ein Leid, das andere Leid schmälern würde? Oder eher der Vorwurf, die Flüchtlinge von damals seien ja selbst schuld und Nazis gewesen?

Das wäre immerhin ein bekanntes menschliches Muster, schon 1945 hatten etwa die hunderttausenden vergewaltigten Frauen nicht selten mit diesem Vorwurf zu kämpfen. Nur das ihre Schuld darin lag eine Frau zu sein – oder Mädchen. Dieser Vorwurf folgt einem uralten Muster der Unmenschlichkeit, und er kommt stets von jenen, die nicht selbst mit der Situation konfrontiert waren. Und er ist immer schneller zur Hand, je mehr Jahre vergangen sind.

Ich stelle mir wirklich die Frage, warum es Menschen gibt, die Verbrechen, Täter und Opfer nicht auf Grundlage der Tat beurteilen, sondern auf Grundlage einer Ideologie. Diese Haltung sollte eigentlich eine Warnung sein. Sie stellt jene bloß, die in einem (seien wir ehrlich, ungefährlichen) Kampf gegen den Nationalsozialismus, den Wert von Menschen nicht als gleich einschätzen, sondern so unterschiedlich, dass sie dem Denken der Nationalsozialisten verdammt nahe kommen. Eine Warnung ist es deshalb, weil es zeigt, dass dieses Denken unabhängig einer politischen Haltung in vielen Menschen so tief verwurzelt ist, dass es nur noch jemanden braucht, der es erneut für Verbrechen zu nutzen weiß.

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