Der deutsche Kampf gegen den Antisemitismus ist wertlos

Der Antisemitismus lauert überall, und er lässt sich nicht mit wohlklingenden Sonntagsreden bekämpfen.

Fragment 1:

Ein oder zwei Mal bin ich in den letzten Jahren eine Straße in Würzburg entlang gegangen, als mir plötzlich zwei breitschultrige Männer in dunklen Anzügen über den Weg laufen, die unschwer als Personenschützer zu erkennen sind. In ihrer Mitte haben sie einen Arzt in der Uniform eines Notarztes im Einsatz.

Der Arzt ist Josef Schuster, ein Würzburger Internist, den man außerhalb meiner Heimatstadt aber eher als den Präsidenten des Zentralrates der Juden kennt.

Eine Szene, die mich nachdenklich bis einfach nur traurig macht …


Fragment 2:

Wir gedenken, oder feiern, an diesem 27. Januar die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Ein Name, der wahrscheinlich wie kein anderer zum Synonym für das Jahrhundertverbrechen der Shoah geworden ist. Das dies vor 75 Jahren geschah, erinnert uns daran, dass wir jetzt auch in der Zeit leben, in der es nur noch wenige der überlebenden Zeugen gibt. Der Tag, an dem die letzte Stimme verstummen wird, und ab dem uns nur mediale Mittel zur Verfügung stehen daran zu erinnern, ist absehbar. Aber keine mediale Wiedergabe wird uns vor Augen führen können, wie tief der Mensch in einen Zustand der Grausamkeit verfallen war, den man nicht einmal wilden Tieren nachsagen kann, und wie viel die Opfer erleiden müssen. Denn jede mediale Darstellung ist nur noch eine Darstellung der Wirklichkeit, und damit bietet sie immer eine Möglichkeit der Abschottung vom Dargestellten für jene, die dies bewusst oder unbewusst tun wollen.

In Hiroshima gibt es ein Projekt, bei dem junge Japaner auf Überlebende des Atombombenabwurfs durch die Amerikaner treffen. Am Ende findet jeder der alten Menschen einen jungen Menschen, an den er seine Erinnerungen weitergibt. Und diese haben sich dazu verpflichtet diese Erinnerungen ihrerseits weiterzugeben, zum Beispiel auch an Schulen.


Nicht nur am 27. Januar eines Jahres sollten sich die Deutschen die Frage stellen, wie ihr Gedenken und ihr Kampf gegen den Antisemitismus aussieht. Wir sind schon länger bei Generationen angelangt, die für die Taten nicht mehr verantwortlich gemacht werden können, die durch die Verbrechen der vorangegangenen Generationen aber die Verantwortung des „nie wieder“ auferlegt bekommen haben. Sicher, auch wenn wir uns eigentlich nicht für etwas entschuldigen können, was wir nicht getan haben, ist dennoch in diesem Fall angebracht. Aber hinter der Bitte um Verzeihung, darf die Verantwortung Antisemitismus auch bis ins letzte Eck zu bekämpfen nicht zurückstehen. Und dieser Verantwortung wird das heutige Deutschland in keiner Weise mehr gerecht.

An der Rede, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor wenigen Tagen in der Gedenkstätte Yad Vashem war wenig auszusetzen. Ihr einziges Problem war, dass es sich um eine Sonntagsrede hielt. Ein Bekenntnis zu etwas, das man im alltäglichen Politikgeschehen nicht mehr ernst nimmt. Man muss sich nur daran erinnern, dass Präsident jenes Landes, für den das Existenzrecht Israels einst Staatsräson war, dem Iran zum Jahrestag der islamischen Revolution gratulierte. Eine Revolution, zu der es immer auch der Wunsch gehörte Israel, den Staat der Juden, auszulöschen. In dieser Sache könnte man eine lange Liste von außenpolitischen Entscheidungen aufstellen, in der sich Deutschland ohne Not und ohne Grund gegen Israel stellte. Es mehr als deutlich, das inzwischen jene Generation an den Schalthebeln der Macht angelangt ist, die die deutsche Verantwortung mit einer Palästinensertuchromantik verdeckt hat. Unter diesem Gesichtspunkt sind Reden wie jene von Steinmeier nicht frei von Heuchelei, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie es die schon länger zurückliegende Rede von Angela Merkel vor der Knesset war.

Die politische Klasse in Berlin ist groß in ihren Worten, die um Verzeihung bitten, aber klein in der daraus eigentlich zu lernenden Lektion. Das Holocaust Denkmal im Herzen von Berlin ist kein Denkmal, wie jedes andere. Es soll nicht nur erinnern, es fordert uns auch auf. Doch in diesen Tagen wird immer deutlicher, dass dieses Mahnmal in Gefahr gerät ein Teil einer ritualisierten Erinnerungskultur zu werden, aus der aber keinerlei Konsequenzen mehr hervorgehen.

Nun mag man natürlich an Halle erinnern. Halle, wo die Tür einer Synagoge getan hat, was Aufgabe deutscher Sicherheitsorgane gewesen wäre. Menschenleben zu beschützen und zu retten. Der sich nach diesem Tag sprunghaft entfaltende politische Aktivismus hält in seinen Ausklängen noch an, das Abebben ist aber schon sichtbar geworden. Immerhin wird der Kampf gegen den rechten Antisemitismus aber noch geführt. Das kann man nicht für jede Form des Antisemitismus sagen.

In der letzten Szene von „Schindlers Liste“ treffen jene Juden, die von dem deutschen Fabrikanten Oskar Schindler gerettet wurden, auf die vorrückenden Soldaten der Roten Armee. Ein Offizier gibt ihnen klar zu verstehen, dass man sie auch nicht haben wolle.

Antisemitismus ist kein rechtes Problem, es auch ein linkes. Es ist kein deutsches Problem, es ist ein westliches Problem. Und es nicht einmal nur ein westliches Problem. Diese einfache Feststellung wird vielleicht in keinem anderen Land weniger verstanden als in Deutschland. Ausgerechnet jenes Land, das die größten Verbrechen am jüdischen Volk begangen hat, findet es inzwischen wichtiger das auch ja nur die richtigen gegen Antisemitismus sind, und die anderen, also die falschen sind Antisemiten.

Ein wenig von dieser ganz speziellen deutschen Erinnerungskultur durfte heute auch CDU-Politiker Philip Amthor kosten. Der politisch ungeschickt, inhaltlich allerdings korrekt, darauf hinwies, das die aktuell größte Bedrohung jüdischen Lebens in diesem Land von Seiten islamischer Radikaler ausgeht. Der Shitstorm, gerade am 27. Januar, war ihm sicher.

Das man ihm mit Statistiken widerlegen wollte, deren Wert längst ad absurdum geführt wurde, weil in ihnen auch ein „Heil Hitler“ eines Arabers als rechtes Verbrechen eingestuft wurde, war noch harmlos. Über diesen Unsinn hat etwa schon im Mai letzten Jahres die Jüdische Allgemeine berichtet. Aktueller glaubhafte Statistiken, die sich mit dem Antisemitismus in Europa beschäftigen wurden ignoriert, wenn auch von Amthor-Verteidiger fleißig gepostet. Das ist auch folgerichtig, denn jene Zahlen, wie hier zum Beispiel das ZDF berichtet, verweisen eben nicht nur darauf, das Täter mit muslimischen Einstellungen mit 30% die größte Gruppe bilden, sondern pikanterweise mit 21% Personen der linken Szene folgen, also noch vor den Rechtsextremisten liegen. Diese Zahlen zu ignorieren gebietet der längst antrainierte Selbstschutz gegen Fakten, den man eben nicht nur rechts hat, sondern auch links perfektioniert hat.

Ich persönlich finde allerdings, dass man diese Zahlen vor allem deshalb akzeptieren muss, um zu erkennen, dass der Antisemitismus überall lauert. Und nur wer sich dem bewusst ist, kann ihn auch bekämpfen. Aber generell ist Antisemitismus vor allem eines, er ist nicht nur einfach dumm, er ist menschenverachtend. Und er gehört nicht hierher. Und ich will in keinem Land leben, in dem fast jeder zweite Jude darüber nachdenkt es zu verlassen.

Kommentare

Die Schilderung der Begegnung mit Herrn Schuster ist echt traurig. Dass es Sicherheitsbeamte an Schulen und anderen Einrichtungen benötigt, um jüdisches Leben wenigstens so gut es geht zu schützen, macht schwermütig. Das alles dürfte nicht sein. Nirgend – aber vor allem nicht in Deutschland. Aber stattdessen streiten wir offenbar lieber darüber, ob der linke, rechte oder muslimische Antisemitismus schlimmer ist. Das sind alles Ausweichmanöver, um uns nicht den Tatsachen stellen zu müssen. Ich habe mich immer ein bisschen damit beruht, dass der Sockel der angeblich antisemitisch eingestellten Deutschen überschaubar ist. Inzwischen muss ich davon ausgehen, dass diese Zahlen viel höher liegen – jedenfalls wenn ich neuen Statistiken glauben möchte. Ich weiß, wie stark der Antisemitismus in Europa und in Deutschland entwickelt ist. Ich verstehe leider nur immer noch nicht, weshalb das so ist und warum wir es trotz unserer ehrlichen Bemühungen nicht schaffen, ihn wenigstens kleinzuhalten.

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