Dein Golden Globe ist nur eine Abtreibung weit entfernt

Abtreibung ist ein Thema, über das wir nicht mehr diskutieren, sondern eine Seite wählen. Wählen wir die richtige.

Die Golden Globes waren noch nicht vorbei, da trendete der Name des britischen Comedian Ricky Gervais schon bei Twitter & Co. Der Moderator und Gastgeber hatte den Reigen der Preisverleihung mit einer Begrüßung eröffnet, bei der so manchem anwesenden Schauspieler das Lächeln gefror. Und nicht nur ihnen, auch Apple-Chef Tim Cook hatte Mühe die Fassung zu wahren, als Gervais Lob für eine Serie des Apple-Streamingdienstes die besonders gerne Gutmenschentum verkündet, in die Erinnerung umschlug, unter welchen Bedingungen Apple in Asien seine Produkte produzieren lässt. Und Ricky Gervais hatte eine Bitte an die Stars, sie mögen ihre Dankesreden doch nicht zu politischen Statements missbrauchen. Schließlich hätten sie keine Ahnung, was da draußen wirklich passiere. Und die meisten von ihnen hätten „weniger Zeit in der Schule verbracht, als Greta Thunberg“.

Die Schauspielerin Michelle Williams jedoch hatte andere Pläne:

Thematisch ist die Diskussion in Deutschland noch nicht angekommen, aber in den USA laufen die Kanäle deshalb die letzten Tage heißer als heiß. Die einen feiern Michelle Williams für ihr Plädoyer für Gleichberechtigung und ein Recht auf Abtreibung, andere sehen das naturgemäß – na ja, anders.


Versuchen wir erst einmal ideologiefrei zu bleiben. Seien wir nüchtern. In einer säkularen Gesellschaft mag eine Abtreibung am Ende immer eine schlechte Lösung sein, aber es gibt Situationen, in denen sie eine Option ist. Inzest, Lebensgefahr für die Frau.


„I’ve tried my very best to live a life of my own making, not just a series of events that happened to me but one that I could stand back and look at and recognize my handwriting all over, sometimes messy and scrawling, sometimes careful and precise, but one that I carved with my own hand I wouldn’t have been able to do this without employing a woman’s right to choose, to choose when to have my children, and with whom.“

Michelle Williams, Mutter eines Teenagers und in diesem Augenblick schwanger, verkündet hier allen Ernstes, sie hätte diesen Golden Globe jetzt nicht in der Hand, hätte sie nicht zum richtigen Zeitpunkt abgetrieben. Und statt irritierter, schockierter Gesichter wie sie Ricky Gervais zu sehen bekam, applaudiert ihr ein zu Tränen gerührtes Hollywood.

Das nicht nur Nasen-OPs und Brustvergrößerungen, sondern auch Abtreibungen in der Filmindustrie von Beginn an eine Rolle spielen, ist ein offenes Geheimnis. Große Schauspielerinnen wie Judy Garland oder Joan Crawford haben abgetrieben – weil die Bosse der Filmstudios sie dazu zwangen. Das sich Michelle Williams, die als Abtreibungsaktivistin bekannt ist, sich heute derart gebärden kann, wäre eigentlich eher ein Beleg dafür, dass Abtreibung auch deshalb kein Gender-Thema ist, weil vor allem Frauen darunter zu leiden haben. (In armen Ländern natürlich vor allem deshalb, weil Mädchen überproportional häufig abgetrieben werden.) Das die Aussage, man habe für die Karriere abgetrieben, keinerlei Reaktion mehr hervorruft, ist allerdings auch insofern ein Sieg für die Abtreibungsbefürworter, als das es ihnen bei einer großen Gruppe von Menschen gelungen ist, ihr Wording durchzusetzen. Denn diese Aussage kann nur dann nicht schockieren, wenn man von Zellhaufen im Körper der Frau ausgeht, und nicht von einem heranwachsenden Menschen.

Darauf zielen ja auch deutsche Aktivistinnen wie die Ärztin Kristina Hänel, die in ihrem Kampf gegen das Werbeverbot für Abtreibungen gerade versucht vor das Bundesverfassungsgericht zu kommen. Niemand hindert einen Arzt mehr daran, auf seiner Webseite zu schreiben, er führe Abtreibungen durch, aber er muss es eben auch als solches benennen. §219a verhindert nicht die Information, sondern das Darstellen einer Abtreibung als ambulanter Eingriff in Wellnessumgebung, der kaum schlimmer sei, als die Entfernung eines Muttermals.

Während Aktivistinnen bei Demonstrationen gerne den mit roter Farbe verschmierten Drahtkleiderbügel vorzeigen, als ob in Deutschland oder den USA noch solche Abtreibungen vorkommen würden, setzen sie also auf der anderen Seite auf die Verharmlosung durch Worte. Und in dieser Hinsicht ist es besonders wichtig, möglichst lange zu verhindern, dass man in dem Kind ein – na ja, Kind sieht. Wird es als Gewebe definiert, ist das schon eine andere Sache. Gewebe kann man herausschneiden.

Insofern gehen einige Bundesstaaten in den USA den richtigen Weg, wenn sie von dem Moment an eine Abtreibung verbieten, an dem das Kind einen vernehmbaren Herzschlag hat. Lebloses Gewebe hat keinen eigenen Herzschlag, nur ein lebendes Wesen hat einen Herzschlag. Natürlich werden auch diesem Argument kalte, medizinische Argumente von einer Lebensfähigkeit des Kindes entgegengehalten. Allein, diese Argumente treffen auch auf das geborene Kind noch lange zu. Würden wir diesen Argumenten folgen, marschierten wir zurück in die Antike, als man das Neugeborene dem Vater präsentierte, der entscheiden durfte, ob das Kind leben dürfe. Man könnte verbittert feststellen, dass die Emanzipation diese Entscheidung über Leben und Tod nicht aufgehoben, sondern vom Mann auf die Frau übertragen hat. Das mag manche Feministin befriedigen, ein Sieg für die Menschlichkeit ist es sicherlich nicht.

„But thank god or whomever you pray to that we live in a country founded on the principle that I am free to live by my faith and you are free to live by yours so, women, 18 to 118, when it is time to voter please do so in your own self-interest it’s what men have been doing for years.“

Und es ist übrigens auch kein Sieg für die Demokratie, denn diese ist ja nach ihrem Selbstverständnis nur dann vollwertig, wenn sie auch jene schützt, die nicht in der Mehrheit sind, die nicht wählen können. Mal ganz davon abgesehen, dass ich große Zweifel daran hege, das George Washington, Benjamin Franklin oder Thomas Jefferson große Verfechter des Rechts auf Abtreibung waren. Und den lieben Gott wollen wir ganz aus dem Spiel lassen, denn wer zu ihm betet, der weiß um das unendliche Geschenk des Lebens. Man muss schon kalte, vergoldete Trophäen anbeten, um mit Michelle Williams einer Ansicht zu sein.


Als ich heute mit diesen Gedanken durch die Stadt gelaufen bin, musste ich jedes Mal, wenn ich eine Mutter mit einem Kind gesehen haben lächeln. Ja, es hat mich ein Stückchen glücklicher gemacht zu sehen, das Frauen sich für ihr Kind entschieden haben, und nicht dagegen. Kinder sind aufwändig. Und ja, wir leben in einer Gesellschaft, in der sie auch ein Karrierehindernis sind. Aber vielleicht ist die Kinderfeindlichkeit einer Gesellschaft nicht das eigentliche Problem, im Sinne von Idioten, die keinen Spielplatz neben ihrem Haus haben wollen, oder sich beim Kellner beschweren, wenn am Nebentisch ein Kind quengelt. Vielleicht, und auch das hat Michelle Williams deutlich ausgesprochen, passt ein Kind nicht in eine Gesellschaft voller Ich-Individualisten. Ich habe … ich will … ich mache … ich verdiene … ich bekomme … ich … ich … ich … Da ist es nur folgerichtig darauf zu bestehen, dass wenn schon ein Kind, dann nur wenn ich das so entscheide.

Traurig, oder?

Kommentare

Im letzten „Presseclub“ bei Phoenix rief nach der Sendung eine Zuschauerin an. Sie beklagte, dass in Deutschland ca. 100k Kinder jährlich abgetrieben werden. Ob dies nicht auch das Ergebnis einer verfehlten Familien- und Gesellschaftspolitik sei. In der Sendung ging es um die Auswirkungen der demografischen Entwicklung für unsere Gesellschaft.

Die anwesenden Journalisten wirkten pikiert. Kommentieren wollte diesen Hinweis niemand.

Thomas Matterne sagt:

Ich hab mir die Sendung mal in der Mediathek angesehen. Die darauffolgende Frage ging ja in die gleiche Richtung, und die zögerliche Antwort von Nikolaus Blome hat ja auch auf einen Grund hingewiesen, warum vielleicht keiner der ersten Anruferin antworten wollte. Wir haben das Problem, dass man nicht nur einfach für oder gegen Abtreibung ist, sondern gleich in einen Topf mit anderen Dingen geworfen wird. Wer sich gegen Abtreibung engagiert, muss nicht nur für seine Position argumentieren, sondern auch beweisen, dass er weder frauenfeindlich ist, noch ein Rechter. Abtreibung wird als fortschrittlich gesehen. (Im Bezug auf die Tatsache, dass Abtreibungen jetzt eben nicht mehr mit dem Kleiderbügel durchgeführt werden, ist das natürlich auch korrekt.) Und wer will schon als rückständig gelten.

Und wenn die erste Anruferin nicht verstehen kann, wie uns das alles kalt lässt, dann verstehe ich die Verzweiflung gut. Ich glaube, dass jeder, der sich wirklich offen mit der Frage auseinandersetzt, dann eben tatsächlich auch Position beziehen muss – weil das Thema einfach emotional ist, und grundsätzlich, ich meine, was kann für uns Menschen grundsätzlicher sein, als das menschliche Leben. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir, wie du ja auch sagst, nicht darüber reden. Die Neuregelung von §218 vor einigen Jahren war ja letztlich auch nichts anderes als so eine Art Burgfrieden, der lange Jahre gehalten hat, bis einige Aktivistinnen den Kampf gegen §219a aufgenommen und diesen brüchigen Burgfrieden beendet haben.

Es ist unmöglich geworden, eine Position zu beziehen, wenn man nicht gleichzeitig in Kauf zu nehmen bereit ist, an die Wand genagelt zu werden. Soviel zum Thema freie Meinungsäußerung. Das gilt gerade für dieses Thema insbesondere mit Blick auf die Selbstbestimmung der Frau. Wer diese durch ein vom Mainstream abweichende Meinung infrage zu stellen scheint, ist raus aus dem Diskurs. Der wird einfach zur Sau gemacht. Viele tun so, als sei die politische Klasse an Diskursmängeln schuld. Wir tun alle nach Kräften mit.

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