Bonhoeffer’s „Von guten Mächten“ ist kein Trauerlied

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ erklang in diesen Tagen auch in vielen Kirchen, bei Youtube ist es ein Trauerlied geworden.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle nur ein kurzes Video des vertonten Gedichts „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ aus der Feder von Dietrich Bonhoeffer posten. Es begegnet mir beinahe jeden Jahreswechsel, denn auch wenn Bonhoeffer evangelischer Theologe war, wird es zu recht oft ebenso an diesen Tagen in katholischen Kirchen gesungen. Doch bei der Suche nach einer schönen Version, am Ende ist es aber dieselbe wie in jedem Jahr geworden, bin ich immer wieder auf den Begriff „Trauermusik“ im Zusammenhang mit „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ gestoßen. Das mag auf den ersten Blick Sinn machen, weil es sicherlich oft auf Beerdigungen gespielt wird, und doch ist der Text von Bonhoeffer kein Lied der Trauer.


Von guten Mächten wunderbar geborgen

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.


Dietrich Bonhoeffer schrieb dieses Gedicht 1944 im Gestapo-Gefängnis der berüchtigten Prinz-Albrecht-Straße in Berlin. Es war Dezember, fünf Tage vor dem Weihnachtsfest, in einem Brief an seine junge Verlobte Maria von Wedemeyer.

Und dennoch ist der Text nicht von Düsternis oder Trauer über das vergangene und das bevorstehende Leid und den Tod geprägt, sondern von Hoffnung, von Mut und Vertrauen.

Wie Jesus am Kreuz bitten diese Zeilen, den Kelch an sich vorübergehen zu lassen, doch tut er es nicht, „so nehmen wir ihn dankbar, ohne zittern“, in einem tiefen Vertrauen auf Gottes Plan. Geborgen von den guten Mächten schreiten wir ohne Angst voran, denn gleichgültig, was uns dort erwartet, es kann uns nicht schrecken. Und mag uns der Feind auch quälen wollen, dann ertragen wir sie mutig und voller Hoffnung. Denn selbst wenn am Ende das schlimmste und der Tod wartet, so wissen wir doch, er hat die Niederlage erlitten.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ muss aber nicht allein im Zeichen des Martyriums gelesen werden, denn es enthält in seiner letzten Strophe das Versprechen, aus dem heraus wir alle leben können:

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Sein Licht brennt „warm und hell“ auch in unserer eigenen Dunkelheit. Es wärmt uns, und zeigt uns den Weg. Das tut es immer, ununterbrochen, wir müssen es nur annehmen wollen.

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