Das Wunder der verborgenen Christen in Japan

Über 250 Jahre wurden die Christen in Japan brutal verfolgt, ganze Familien wurden ausgelöscht. Doch sie bewahrten den Glauben in ihren Herzen.

Es ist der Abend des 17. März 1865, als Pater Petitjean aus dem Fenster auf den Eingang der vor einem Monat erbauten Kirche im japanischen Oura sah. Die Japaner nannten die Kirche einen „französischen Tempel“, denn nachdem sich das Land von der Außenwelt abwandte, war das Christentum verboten und mit aller Brutalität bekämpft worden. Doch jetzt, gut zehn Jahre nachdem die USA mit Kriegsschiffen Japan zwangen sich der Welt und dem Handel wieder zu öffnen, musste das Land auch wieder den Bau von Kirchen zulassen. Sie entstanden, wie jene in Oura, in Städten, in denen sich europäische und amerikanische Händler niedergelassen hatten – und allein für jene waren sie gedacht. Japanern war es teils noch per Todesstrafe verboten sie zu betreten.

Doch an diesem 17. März stand eine Gruppe Japaner, Männer, Frauen und Kinder, vor dem Tor der kleinen Kathedrale. Niemand weiß mehr wie viele es waren, man spricht von 12 oder 15 Japanern, die respektvoll vor der Tür warteten, bis Pater Petitjean schließlich einem inneren Impuls folgend hinüberging, die Tür öffnete und gemeinsam mit den Japanern hineinging. Er mag gedacht haben, diese Menschen haben vom Christentum gehört, und wollten es trotz der drohenden Gefahr kennen lernen. Er mag gedacht haben, wie stark und mächtig die Botschaft Jesu doch ist. Sie war weit mächtiger, als er es sich vorstellen konnte.

Der Pater kniete sich seiner Gewohnheit folgend vor dem Altar und betete. Hinter sich bemerkte er, wie die Japaner durch die dunkle Kirche gelaufen waren, und etwas zu suchen schienen. Er ging zu ihnen, und sie fragten ihn nach der Santa Maria. Petitjean deutete in die Richtung der Seitenkapelle, wo eine Statue der Jungfrau Maria stand. Schließlich standen sie alle vor der Statue, und eine Frau legte ihre Hand auf ihr Herz und sprach zum Pater: „Alle hier Anwesenden haben das gleiche Herz wie du.“


250 Jahre nachdem die Christenverfolgungen in Japan begannen und die japanischen Christen von jeglichem Kontakt zur Kirche gewaltsam getrennt worden waren, hatte das Christentum in Japan überlebt. Der Glaube hatte allem widerstanden, es kam einem Wunder gleich, was in der Kirche von Oura offenbar wurde.

Die Wiederentdeckung der verborgenen Christen gehört zu den schönen Begebenheiten, die Ralph P. Görlach in seinem kleinen Buch Shinko No Hikari – Das Licht des Glaubens erzählt. Doch die Geschichte des Christentums in Japan hatte lange weit weniger schöne Geschichten zu bieten. Es begann hoffnungsvoll, als der Heilige Franz Xaver die Missionsarbeit dort begann. Das Christentum zog die Menschen an, selbst viele Fürsten bekannten sich zum Christentum und mit ihnen ganze Regionen. Der Zeitpunkt war günstig. Das Kaiserreich hatte zwar einen Kaiser, aber der keinerlei Macht. Die herrschenden Religionen waren in der Krise. Der Shintoismus dämmerte vor sich hin, der von der Elite geförderte Buddhismus war in eine Phase der Dekadenz eingetreten, in der ein Mönchsleben vor allem Macht und Luxus versprach. Die Jesuitenpadres die durchs Land reisten, jedoch predigten nicht nur, sie lebten auch, was sie predigten. Der Unterschied muss für die Menschen Welten betragen haben.

Doch es kam, wie es kommen musste. Den von den Portugiesen unterstützten Jesuiten, folgten andere von Spanien unterstützte Orden, und als die protestantischen Niederländer hinzukamen, war die Zerstrittenheit des Christentums auch in Japan angekommen.

Als sich das Reich unter einem Shogun einigte, begann man das Christentum als Gefahr für die Einheit des Landes zu sehen. Sie folgten nicht nur der Mehrheitsreligion des Buddhismus, sie stellten sogar die Gebote Gottes über den Befehl des Fürsten. Man einigte sich mit den protestantischen Niederländern, denen der Handel wichtiger war, als die Mission, und vertrieb die katholischen Missionare aus Japan.

Das Loch wurde bald eine beliebte Foltermethode, die japanischen Christen angetan wurde.

Im Land selbst wurde das Christentum verboten und bekämpft. Manche regionale Fürsten folgten den Befehlen widerwillig oder sabotierten sie sogar, andere wurden fanatische Christenverfolger, die selbst manches übertrafen, was christliche Märtyrer in der Antike ertrugen. Es wurde sogar eine reichsweite Behörde gegründet, die die Verfolgung überwachte. Die Japaner dachten sich allerlei Dinge aus, um die Christen zu identifizieren – nicht allein, dass sie teils mehrjährige Jahresverdienste als Belohnung aussetzten. In Nagasaki wurde erst 1858 das Fumie abgeschafft, bei der regelmäßig alle Bewohner der Region über christliche Ikonen laufen mussten. Die verborgenen Christen mussten Höllenqualen ausgehalten haben, während es heißt, dass die protestantischen Holländer, für die Ikonen eher Götzen darstellten, die Idee recht einfallsreich fanden. Dennoch blieb gerade die Region um Nagasaki auch in Zeiten der Verfolgung jene, in der die meisten Christen lebten. Als die Amerikaner 1945 die Stadt mit dem Abwurf der zweiten Atombombe ausradierten, war Nagasaki gar wieder die Stadt mit dem höchsten christlichen Bevölkerungsanteil.

Die Heilige Magdalena von Nagasaki in der San Sebastian Basilika in Manila.

Im Vergleich zu manch Folterarten der Japaner, war die Atombombe jedoch fast menschlich. So gab es das Loch, dem auch die Heilige Magdalena von Nagasaki, die dort das Martyrium erlitt. Kopfüber, gefesselt, in einem abgeschlossenen Loch, das mit Fäkalien aufgefüllt war. 13 Tage betete und sang sie, ehe sie heim zu Gott ging.

Als vor wenigen Wochen Papst Franziskus Japan besuchte, habe ich in der Tagespost den interessanten Ansatz gelesen, dass das Vorbild der japanischen Christen heute aktueller denn je ist. Nicht allein deshalb, weil die Christen heute die am schlimmsten verfolgte Religion weltweit sind, ohne das dies groß jemand im ehemals christlichen Westen stören würde, sondern eben genau auch dort. Die Japaner bewahrten ihren Glauben über 250 Jahre lang im Verborgenen. In der Familie gaben sie ihn von Generation zu Generation weiter, selbst das scheint der Westen verlernt zu haben. In einer Umgebung, die ihnen feindlich gesinnt war, hielten sie an ihrem Glauben im Herzen fest. Unverfälscht lebte er in ihrem Herzen weiter, weder der Folter, noch süßen Verlockungen, gelang es diesen Glauben völlig auszulöschen. Manche wurden schwach, manche bereuten, manche nicht. Aber trotz der Folter, trotz solcher Dinge, wie der Tod der gesamten Familie, bei einer Entdeckung, trotz allem hielten diese Menschen allein auf sich gestellt am christlichen Glauben fest.

Zyniker oder Atheisten mögen es anders sehen. Mögen darauf hinweisen, dass die japanischen Christen die Schwachen, die Verfolgten waren, Dummköpfe, die an Hirngespinsten festhielten, obwohl es ihr Leben kosten konnten. Nein, die japanischen Christen blicken heute auf eine Geschichte zurück, die von Heiligen und Helden geschrieben wurde. Sie sollte uns allen Vorbild sein, gerade in diesen Tagen.


Shinko No Hikari – Das Licht des Glaubens von Ralph P. Görlach – Benno Verlag 2019 – ISBN 978-3-7462-5591-0

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