Rezension: „Herr bleibe bei uns“ von Robert Kardinal Sarah

Das der Blick europäischer Katholiken oft ausschließlich nach Südamerika geht, hat nicht allein mit der Herkunft von Papst Franziskus zu tun. Die Katholiken in Afrika und Asien sind ihnen auch deutlich zu konservativ.

Es ist sicher kein Zufall, dass Robert Kardinal Sarah sein Buch gerade in der Woche in Deutschland vorstellt, in der der sogenannte „synodale Weg“ der deutschen Bischöfe und des Zentralkomitees der Katholiken startet. In seine Lesung dürfte sich aber wohl kaum jemand verirren, man ist im Gegenteil fast schon überrascht, dass keine Maria 2.0-Aktion währenddessen stört. Der aus Guinea stammende Kardinal der römischen Kurie gilt als Galionsfigur der Bewahrer innerhalb der Kirche. Jemand, der auch in seinem Buch „Herr bleibe bei uns“ noch voller Dankbarkeit für das Wirken der Missionare in seiner Heimat ist, während in Deutschland manch heimgekehrter Missionar öffentlich sein Tun bedauert. Wie ich finde, ein sehr passendes Bild für den aktuellen Zustand der Katholischen Kirche.


„Herr bleibe bei uns“ klingt nicht nur wie ein Gebet, es ist ein Gebet, dass am Ende des Buches steht. Ein Interviewbuch, bei dem das bewährte Gespann von Kardinal Sarah und der Journalist Nicolas Diat erneut zusammengekommen sind. Ein Buch, ein Gebet, das voller Sorgen ist, um den Zustand der Kirche im allgemeinen, um die Kirche im Abendland im Speziellen.

Von François-Régis Salefran – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39436752

Das es mit der Kirche in Europa im argen ist, diese Sorge trifft bei vielen Katholiken auf fruchtbaren Boden. Die unselige Mischung aus Verbandkatholiken und Bischöfen, deren Glaube Sarah zurecht als „lau“ bezeichnen würde, mag hierzulande besonders deutlich sein, dass sich der Glaube immer weiter verringert, ist allerdings ein westliches Problem an sich. Der moderne Wind bläst all jenen besonders eisig ins Gesicht, die erkennen, dass religiöse Wahrheit und gesellschaftlicher Relativismus nicht vereinbar sind. Es sind derer allerdings auch immer weniger, in einer Zeit in der westliche Theologen und Bischöfe um Anpassung bemüht sind. Anpassung, die Kardinal Sarah als Feigheit entlarvt. Noch ist Europa davon entfernt, dass aufrechte Christen das Martyrium erleiden müssten, wie an viel zu vielen anderen Orten der Welt, aber sie sind oft nicht mal mehr dazu bereit ihren Glauben offen zu verteidigen, aus Angst vor den Reaktionen einer Gesellschaft in der Gott nicht nur tot zu sein hat, sondern in der man immer mehr darauf besteht, dass dies auch jeder glauben sollte.

„Die Säkularisation ist ein furchtbares Phänomen. Wie sollen wir es beschreiben? Man könnte sagen, es bestehe as einer freiwilligen Blindheit. Christen wollen sich nicht mehr durch das Licht des Glaubens erleuchten lassen. […] Schließlich ziehen sie vor, ganz im Dunklen zu leben.“

aus „Herr bleibe bei uns“ von Robert Kardinal Sarah

Man könnte dieses Buch als einen großen Rundumschlag darüber sehen, wie es um die Kirche, um Priester wie Laien, an sich steht. Oder auch, wie es um das einst christliche Abendland an sich bestellt ist, über das Kardinal Sarah quasi mit dem Blick von Außen berichtet. An manchen Stellen tut er dies mit einer Radikalität, die manch Angehörigen der linksliberalen Elite den Nazivorwurf ziehen lassen würde, würde er nicht wissen, vom wem die Zeilen sind. Eine solche Gefahr besteht natürlich kaum, das deutsche Feuilleton der Massenmedien hat das Buch vorsorglich ignoriert. Dabei hätte Sarah durchaus auch einiges Kluges zu sagen, was jenseits des Glaubens ist. Dann etwa, wenn er zu jenen Stimmen gehört, die zielsicher die Allianz zwischen einem radikalen Kapitalismus und der linksliberalen Elite als die Totengräber Europas identifiziert. Einen Niedergang, der auch ihn in Sorge versetzt.

„Das Abendland macht sich damit [Abtreibung] das archaische Gebaren primitiver Stämme wieder zu eigen, die sich selbst das Recht über Leben und Tod ihrer Kinder sowie über einzelne Schichten herausnahmen.“

aus „Herr bleibe bei uns“ von Robert Kardinal Sarah

Und dennoch ist „Herr bleibe bei uns“ in erster Linie dennoch ein Buch, dass sich an die Gläubigen richtet. Oft auch in direkter Ansprache an die Priester, die Kardinal Sarah von nicht wenigen seiner Amtsbrüder im Stich gelassen sieht. Auch weil Bischöfe heute mehr Zeit in die weltlichen Dinge investieren, als in ihre eigentliche Aufgabe. Man möchte sagen, Politik geht heute vor Gebet. Dabei schmälert er etwa den Wert der Caritas um kein bisschen, ebenso wenig, wie er die Verbrechen des Missbrauchs relativiert. Auch wenn Kritiker dies sicher in seine Argumentation hineininterpretieren werden, wenn er auch den sinkenden Glauben als eine Ursache darstellt. Eine Kritik, die in erster Linie auf dem Nicht-Verstehen-Können des Arguments basiert, weil es auf einer Ebene ist, die man selbst nicht mehr verstehen will oder schlicht leugnet. Weshalb wohl auch außer Frage steht, das ein deutscher Bischof so argumentieren würde.

Dabei sollten die Dinge, die der Kardinal schreibt im Wesentlichen eigentlich Selbstverständlichkeiten sein. Zumindest wenn man die Kirche als jenen Mutter Kirche begreift, die einst von Jesus Christus für diese Welt geschaffen wurde. Die Kirche ist kein Verein, aus dem man einfach austritt, wenn einem die Vereinsführung missfällt. Die Kirche ist ein Körper, keine Körperschaft des weltlichen Rechtes.

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