Solschenizyn wusste, was Freiheit wirklich bedeutet

Alexander Issajewitsch Solschenizyn ein Name mit Klang. Literaturnobelpreisträger, Freiheitskämpfer, Exilant und Heimkehrer. Dummerweise ein Mensch, der sich traute die Wahrheit auszusprechen.

„Der Archipel Gulag“ dürfte den Gebildeten unter uns ein Begriff sein, ebenso wie der Name seines Autors, Alexander Issajewitsch Solschenizyn. Er kannte den Gulag, wusste, was es hieß nach Sibirien zu kommen. Doch die Sowjetunion konnte seinen Geist nicht brechen, und manch Genosse war froh, den Genossen Solschenizyn später im westlichen Exil zu wissen.

Von Verhoeff, Bert / Anefo – [1] Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989, Nummer toegang 2.24.01.05 Bestanddeelnummer 927-0019, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29177274

Stolz war der Westen sicher auf seinen neuen Exilanten, der doch inzwischen einen klangvollen Namen trug. Ein Name, der nach Freiheit schrie, ein Name, mit dem man sich schmücken konnte. Doch Solschenizyn machte es ihnen schwer sich vereinnahmen zu lassen, und würde er in einer Zeit wie der unsrigen Leben, in der Diskussionen nicht mehr in intellektuellen Zirkel stattfinden, sondern in sozialen Netzwerken, nicht wenige würden Solschenizyn zuschreien, er solle doch zurückgehen, wenn es ihm hier nicht passt.

Hat es Solschenizyn nicht gepasst? So lässt sich das sicher nicht sagen. Was sich allerdings sagen lässt, er bewahrte sich seinen offenen Blick für die (traurige) Wahrheit.

„Die westliche Welt steht vor dem Scheideweg. Im Laufe der nächsten Jahre könnte sie die bestehende Zivilisation aufs Spiel setzen, aus der sie hervorgegangen ist. Und ich glaube, dass sie sich dessen nicht bewusst ist.“

Solschenizyn schrieb dies in seinem Buch „Der Fehler des Westens“ bereits im Jahr 1980. Man hätte einen Spoilerhinweis auf das Cover drucken können. In der Folge konkretisierte er, was seine Befürchtungen waren. Es ging um die Freiheit – oder was man darunter versteht.

„Die Zeit hat euren Freiheitsbegriff korrumpiert. Ihr habt zwar das Wort behalten, doch es mit einem neuen Inhalt versehen. Das Wesen der Freiheit kennt ihr nicht mehr. Als Europa ungefähr im 18. Jahrhundert die Freiheit erlangte, war das Wort heilig. Freiheit führte zu Heldentum und Tugend.“

Im Jahr 2019 sind Heldentum und Tugend in weiten Kreise Begriffe geworden, die man doch eher in die faschistische Ecke des Sprachgebrauchs abgeschoben hat.

„Das habt ihr vergessen. Für uns ist die Freiheit immer noch Flamme, die unsere Nacht erhellt, doch bei Euch ist sie zu einer verkümmerten, teilweise geradezu ernüchternden Wirklichkeit geworden. Sie ist voller Kitsch und Überfluss, eigentlich eine Leere. Für diese Freiheit könnt Ihr keine Opfer bringen, bestenfalls noch Kompromisse eingehen.“

Ja, aber die politische Elite des Westens kann zumindest versuchen uns weis zu machen, dass der Kompromiss die Lösung aller Dinge ist. Und überhaupt, das verdammt beste, was zu erreichen ist.

„Ihr meint, die Demokratie sei von Dauer. Aber Ihr habt keine Ahnung. Wichtiger als die Politik, ist die innere Einstellung.“


Wahrscheinlich sind für keinen Begriff mehr Menschen ermordet worden, als für die Freiheit. Von Robespierre an hatten die Freiheit alle linken Schlächter im Mund, und ihre rechten Spiegelbilder taten es ihnen gleich. Natürlich könnte man im Gegenzug behaupten, für nichts anderes hätten sich mehr Menschen erhoben. Aber ich glaube, dass es mehr als eine Spitzfindigkeit in der Formulierung ist, wenn ich behaupte, all jene wären für die Hoffnung auf Freiheit aufgestanden.

Nun könnte man Solschenizyn aus heutiger Sicht entgegen halten, noch nie war der Mensch so frei wie heute. Und wer möchte dem widersprechen? Wir sind frei aus einem halben Dutzend Joghurtmarken im Supermarkt auszuwählen. Wir sind frei uns den teuren Urlaub zu leisten, weil es im internen Wettbewerb mit den anderen sonst schlecht für uns aussehen würde. Wir sind frei dies zu kaufen, und hier einen Kredit aufzunehmen. Wir sind sogar frei uns mit wie Sklavinnen gehaltene Osteuropäerinnen in Bordellen zu vergnügen? Wir sind frei billige Kleidung zu tragen und nach einem Monat wieder wegzuwerfen, die von Menschen produziert wurden, die kaum genug Geld haben, um einen Monat zu überleben? Ja, wir waren noch nie so frei, zu tun, was das System von uns verlangt. Wir sind zwar keine Bürger mehr, sondern nur noch hirnlose Konsumzombies, aber wir können uns doch entscheiden, was wir konsumieren wollen.

Die Freiheitserklärung der Moderne, der Kassenzettel.

Aber ich will nicht zynisch sein, natürlich gibt es heute Freiheiten, die sich die Menschen vor 100, nein, vor 50 Jahren in ihren schlimmsten Alpträumen noch nicht einmal vorstellen konnten. Wir sind zum Beispiel frei, von heute auf morgen unser Geschlecht wechseln zu können. Besser noch, wir können uns nicht nur eines aussuchen, wir können es uns sogar selbst ausdenken. Wir sind frei störende Plagegeister, die unseren auf Vergnügen ausgerichteten Konsum nur stören würden, schon im Mutterleib zu töten. Und wer alt und gebrechlich ist, der hat doch auch keinen Spaß mehr am Leben, aber in unserer schönen freien Welt kann er sich ja selbst umbringen lassen. Ein schlechtes Gewissen hilft.

Wie einst zu Zeiten der großen europäischen Imperien versuchen wir diese Freiheit wie neue Kolonialherren auch auf Afrika auszudehnen. Wir würden es auch mit Asien tun, aber dieser neue aufstrebende Kontinent, der dank der westlichen Unfähigkeit für die Freiheit Opfer zu bringen, die neue dominierende Kultur auf dieser Erde sein wird, widersetzt sich erfolgreich. Noch vor wenigen Jahrzehnten blickte man dort mit Bewunderung auf den Westen, heute liegt in diesen Blicken einer tiefe Verachtung. Wie könnte man einen Kaufmann nicht verachten, der für Geld seine eigene Seele verkauft und die seiner Kinder gleich mit?

Die neue (Konsum-)Freiheit hat uns fett und träge werden lassen. Schlimmer noch, wir glauben sogar, es müssten alle nur genauso fett und träge sein, dann würde der Weltfrieden schon ausbrechen. Deutschland ist ein Vorreiter in diesem Irrglauben. Selbst in Westeuropa sucht man ein weiteres Volk vergeblich, das so wenig Achtung vor sich selbst hat und nicht einmal merkt, dass es zu einer drogensüchtigen Prostituierten verkommt, die nur das Geld für den nächsten Schuss sucht.

Es gibt noch Länder in Europa, die um den Rest ihrer Würde kämpfen. Die wissen, dass es mehr gibt, als die Vergnügungssucht des Einzelnen. Die sich noch bewusst sind, dass die Freiheit eine Flamme sein muss, die uns in der Nacht zur Seite steht. Die wissen, dass diese Flamme am Lodern gehalten werden muss. Wenn wir bei Verstand wären, würden wir uns um diese Völker scharren. Was wir natürlich nicht können, wenn unsere bestimmenden Eliten das Volk an sich nur noch als ein hinderliches Konstrukt wahrnehmen.

Alexander Issajewitsch Solschenizyn hat in seinem Text von 1980 gewaltig gespoilert. Und wird das Ruder nicht in Kürze herumgerissen, wird das Ende der Geschichte der verdiente Untergang der westlichen Kultur sein. Zu Recht, wie man dann anerkennen sollte.

Schreibe einen Kommentar