Konservativismus ist kein Lebensgefühl

Die konservative Frage schlechthin, ist bekanntlich: Was ist konservativ? Nun, ein Gefühl ist es schon einmal nicht.

Noch ehe die ersten Ergebnisse der Wahl in Thüringen durchdrangen, konnte man in der Vorberichterstattung immer mal wieder die Zuschreibung „konservativ“ für Bodo Ramelow, den linken Ministerpräsidenten des Landes, hören. Nun, auch wenn ich glaube die CDU würde sich bei einer wie auch immer gearteten Zusammenarbeit mit den Linken endgültig politischen Selbstmord begehen, gebe ich gerne zu, Ramelow ist durchaus ein linker Politiker, mit dem man reden kann. Aber ein Konservativer ist er ganz sicher nicht – und ich glaube, das will er auch gar nicht sein.

Ramelow bekam das Etikett „konservativ“ eher wie es auch überzeugte Kommunisten bekommen, die zum Beispiel auf eine ordentliche Erziehung der Kinder oder eine – natürlich nur behördlich – offiziell geschlossene Ehe. In diesem Sinne sind tatsächlich die meisten Menschen irgendwann einmal konservativ.

Doch in dieser Lesart steckt auch eine Gefahr. Bei seiner in der Tagespost (07. November 2019) in Auszügen veröffentlichten Rede zur Verleihung des Deutschen Schulbuchpreises, drückte Professor Peter Hoeres es wie folgt aus:

„Damit haben wir schon die […] Gefahr vor Augen: die der Entschärfung und Entpolitisierung. Während die politische Kategorie „rechts“ dadurch entpolitisiert wird, dass sie kriminalisiert wird, geschieht dies im Falle des Konservativen durch eine gezielte Verharmlosung. Konservativ sein ist dann ein Gefühl, eine Stimmung, die jeder irgendwie auch in sich trägt und die von der Bewahrung der Errungenschaften der Revolution, vulgo des Sozialstaates, bis zur Beschwörung einer „lebensklugen Mitte“ (so Jens Spahn) reichen.“

Die Tagespost, 07. November 2019

Irgendwann muss also auch ein Linker, so er denn Erfolge erreicht hat, diese bewahren, aber ist er dann konservativ, oder sind es seine Errungenschaften? Wohl kaum. Das würde den Schluss zulassen Veränderungen müssten nur lange genug Bestand haben, damit ihre Verteidigung ein konservatives Anliegen ist. Aber gerade das widerspricht dem Konservativismus. (Hoeres bezieht die zweite Gefahr genau auf diesen Punkt, dann nämlich, wenn Altes per Definition zu verteidigen sei.) Aber, um mit Joseph de Maistre zu sprechen, ist Konservativismus eben keine reine Anhänglichkeit am Gestern, „sondern ein Leben aus dem, was immer gilt“. Diese immer gültigen Werte herauszufiltern ist den hohe Kunst, an der Pseudo-Konservative wie Jens Spahn scheitern, wenn sie mit der Definition der „lebensklugen Mitte“ dabei allein auf den gesunden Menschenverstand setzen. Denn bekanntlich, unterscheidet sich der gesunde Menschenverstand von Mensch zu Mensch doch beträchtlich. Es gibt näher betrachtet tatsächlich erschreckend wenige Dinge, die man wirklich als Common Sense bezeichnen kann. Nicht einmal die Garantie des menschlichen Lebens gehört dazu. Schon Edgar J. Jung wies in den 1920ern daraufhin, dass jene die sich besonders für Abtreibungen engagieren, mitunter auch genau jene sind, die sich im gleichen Maß gegen die Todesstrafe wenden. Während sich konservative Gruppen bei der Todesstrafe nicht einig sind, die einen lehnen sich kategorisch ab, die anderen betrachten sie als Ultima Ration des Strafrechts.

Man sieht, wer konservativ sein lediglich als Lebenseinstellung sieht, greift zu kurz. Im besten Sinne, weil er sich irrt, im schlechtesten Sinne, weil er damit tatsächlich eine Strategie der Bekämpfung des Konservativismus fährt. Nach dem Motto, jeder darf für sich konservative Einstellungen zum Beispiel im Familienleben haben, aber bitteschön nicht in der Politik. Diese Strategie ist durchaus erprobt und erfolgreich. Seit einigen Jahrzehnten wird sie in der Variante gefahren, dass die Religion reine Privatsache ist. Auch hier gilt, du kannst im stillen Kämmerlein beten wie du magst, aber bitte komm mit deinem Kult nicht in die Öffentlichkeit, schon gar nicht in die Politik.

Im Religiösen ist diese Strategie schon von Erfolg gekrönt, und wird zumindest in den Städten lediglich einmal im Jahr durch eine Fronleichnamsprozession gestört. Andere kirchliche Veranstaltungen, ob regionale „Nacht der Kirchen“ usw. usf., oder auch Kirchentage haben mehr und mehr rein weltlichen Eventcharakter.

Tritt der Konservative hingegen als Vertreter von Werten in die Öffentlichkeit, entledigt sich dieser einer vernünftigen Diskussion, in dem sie den Standpunkt als „rechts“ deklariert und somit indiskutabel per Definition ist. Das macht die Aufgabe überzeugter Konservativer natürlich nicht leichter, denn ihrem Eintreten bläst stets ein eisiger Wind entgegen, während so manche, die eigentlich mit ihm übereinstimmen, lieber das Schweigen vorziehen. Aber, es adelt den Konservativen auf gewisse Weise auch …

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