Liebe Engländer, haut ab! Jetzt! Sofort!

Ja, ich weiß, ein No-Deal-Brexit wäre eine halbe Katastrophe, aber kennt ihr den Spruch mit dem Schrecken ohne Ende?

Manchmal fragen wir uns ja, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, die derartige Entscheidungen treffen. Was den Brexit angeht, sind wir aber nahe dem Punkt, an dem wir uns eher fragen sollten, ob in den Köpfen mancher Leute überhaupt noch etwas vorgeht. Ja, ich werde polemisch, aber ganz ehrlich: Wenn du als politisch interessierter Mensch drei Jahre lang das Brexit-Chaos mitansehen musst, dann bleibt am Ende nur ein entnervtes, dann macht ihn doch endlich.

Ja, natürlich tun mir die Schotten leid, die mehrheitlich vernünftig geblieben sind und für einen Verbleib gestimmt haben. Ich teile die Befürchtung, dass ein No-Deal den Bürgerkrieg – verniedlicht als „Troubles“ bezeichnet – in Nordirland wieder aufflammen lassen könnte. Und ich bin auch nicht scharf darauf, welche wirtschaftlichen Auswirkungen der Brexit auch auf uns haben wird. Aber ein Schrecken ohne Ende, ist nun mal nicht besser, als ein Ende mit Schrecken.

Mich beunruhigt übrigens auch der Gedanke, dass die Bundesregierung keine ausreichenden Vorkehrungen für ein No-Deal-Szenario getroffen hat. Gewissermaßen verstehe ich Angela Merkel deshalb, mit den Briten, und erst recht seit Boris Johnson Premierminister ist, trifft die Physikerin Merkel auf einen Politikertypus, der in ihrem Denken gar nicht existiert, den Realitätsverweigerer. Der Politikertyp Merkel ist darauf angewiesen, dass sein Gegenspieler zumindest die rudimentären Gesetze von Mathematik, Ökonomie usw. anerkennt. Boris Johnson ist zumindest bereit, sie zu ignorieren, wenn sie seinem Traum entgegenstehen. Das hatte zur Folge, dass auch das Worst-Case-Szenario des No-Deals eigentlich undenkbar war … es war aber auch früher undenkbar, das sich die große konservative Partei in Großbritannien einem politischen Clown ausliefert, der hierzulande nicht einmal in der AfD eine Chance hätte.

Ich bin kein glühender Verehrer der Europäischen Union, ich sehe die real-existierende EU kritisch und weise daraufhin, dass ich auch ein überzeugter Europäer sein kann, ohne Brüssel als meine Hauptstadt zu sehen. Europa ist eine Kultur, die von ihrer Vielfalt lebt und sich seit Jahrhunderten gegenseitig eben nicht nur bekriegt, sondern auch bereichert hat. Und auch wenn ich im bismarckschen Sinn davon überzeugt bin, dass jedes europäische Land ein gemeinsam handelndes Europa zum Überleben benötigt, muss dies nicht eine EU der Gleichmacherei sein. Europa hat das Problem ein Vernunftsprojekt zu sein, das aber die Emotionen seiner Bürger zur Existenz braucht. Vernunft und Emotionen sind aber kein gemeinsames Gespann. Schon der schottische Philosoph David Hume stellte fest, dass die Vernunft die Sklavin der Gefühle ist. Bei ihrem Brexit-Votum haben die Engländer einen weiteren Beweis geliefert. Obwohl sie die Vorteile eine EU-Mitgliedschaft am eigenen Leib spürten, und ihr Land, wie kein anderes EU-Mitglied bevorteilt wurde, stimmten sie für „Leave“, gefangen in einer Massenpsychose in der das alte Empire noch nicht untergegangen war. Eine anhaltende Massenpsychose, denn auch wenn ein zweites Referendum über den Austrittsvertrag mit der Option nicht auszutreten eine vernünftige Lösung wäre, auch dieses Ergebnis wäre knapp. Wenn wundert es bei ideologisierten Recht, Linken, die zu sehr gespalten sind, als das sie Herzblut für ein Ja zur EU aufbringen konnten, und Liberalen, die sich zwar klar zur EU bekennen, aber immer noch an ihrer Entscheidung leiden Koalitionspartner von David Cameron gewesen zu sein.

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