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Ist Todd Phillips’ „Joker“ politisch unkorrekt?

Das Private ist politisch … gähn. Oder kann eine Comicverfilmung ein politisch unkorrekter Film sein?

Vorsicht, dieser Artikel spoilert.

Die weiße Clownschminke ist angetrocknet, fahl. Doch das Blut, das aus seinem Mund herausbricht ist frisch. Der Joker zeichnet sich ein breites Grinsen mit dem frischen Blut, erhebt die Arme und nimmt das brennende Gotham City in sich auf – dessen Brand er entfacht hat.

Es hat ein wenig apokalyptische Züge, auch wenn das Grundthema des verwahrlosten und von Aufständen gebeutelten Gotham City in den Batman-Geschichten häufig vorkommt. In The Dark Knight Rises ließ Christopher Nolan den Aufstand zum Dauerzustand werden, die permanente Revolution. Nur hatte Nolan für das Publikum noch eine Pointe parat. Sein Bösewicht Bane ist am Ende nur die Marionette Miranda Tates, eines Vorstandsmitgliedes von Wayne Enterprise. Phillips‘ Joker verzichtet auf Pointen wie diese, sein Arthur „Joker“ Fleck wird nicht gelenkt, nicht einmal von sich selbst.

Das das Kinopublikum höchsten davon gehört hat, dass es in den USA die Angst gab, der Film könnte auf Grund seiner Gewaltdarstellung ein erneutes Massaker in einem Kino auslösen, aber nicht von den Mühen der linksliberalen Presse den Film möglichst herunterzureden und zu zerreißen, spricht für deren geringen Verbreitung beim durchschnittlichen Publikum. Dabei beließ es die dahinsiechende The New Republic noch damit, zu fragen ob man die tagtägliche Gewalt noch auf der Leinwand zeigen sollte. Als ob Filme die Realität nicht mehr zeigen dürften. Die New York Times, das Schlachtschiff der linksliberalen Elite, fand den Film keiner großen Würdigung wert. Während das Kulturmagazin The New Yorker den Film Nihilismus und Rassismus vorwarf. Den Nihilismus bringt auch die Zeit ins Spiel, die in ihrem Schlusssatz der Kritik auch auf den Punkt bringt, was das Problem ist:

„Jetzt, da der Terrorismus im eigenen Land von weißen jungen Männern verübt wird, gerät dieser Nihilismus zur bloßen Verständnispornografie.“ – Quelle: zeit.de

Hier also liegt der Hund begraben, der liberale Feuilleton hat ein Problem mit der Geschichte an sich. Einen weißen Verlierer, der der Gesellschaft die Schuld an seinem Versagen gibt. Wortwörtlich, wenn der Joker, übrigens überragend gespielt von Joaquin Phoenix, der hierfür einen Oskar verdient hat, seinen hasserfüllten Monolog in der Livesendung des Late Night-Talkers Murray Franklin (Robert de Niro) hält, ehe er seinen Gastgeber vor laufender Kamera das Gehirn rausballert. Was zwischen den wahren und falschen Schuldzuweisungen allerdings gerade auf der linksliberalen Seite geflissentlich überhört wird, ist die Zustandsbeschreibung der westlichen Gesellschaft, die dort ebenfalls anklagend zur Sprache kommt. Wir reden nicht mehr miteinander, wir hassen uns nur gegenseitig.

Kritikervorwürfe kaum haltbar

Vorwürfe wie Rassismus oder eine Anziehungskraft auf die INCEL-Bewegung, Gruppen von sich von Frauen zurückgewiesenen Männern, die einen Hass auf diese und die Gesellschaft entwickeln, entkräftet Joker selbst. Die schwarzen Figuren sind die sympathischsten, wie auch die NZZ feststellte, und ob die Hauptfigur einen Hass auf Frauen hat, und auslebt, überlässt Phillips der Auslegung des Zuschauers. Dann, wenn der Arthur Fleck die Wohnung seiner Nachbarin verlässt, mit der er in seinem Wahnsinn eine nicht reale Beziehung hatte. Wenn er kurz darauf aber zwar einen seiner ehemaligen Kollegen brutal tötet, den anderen aber gehen lässt, neigt der Zuschauer eher zu einem positiven Ausgang.

Die Angst vor dem, was werden könnte

Aber wie steht es um den Aufstand, den Arthur „Joker“ Fleck mit seinem ersten Mord ungeplant auslöst. Der gewalttätige Mob, der hinter Clownmasken in Gotham wütet? Er besteht aus weißen Männern! Aber auch hier bleibt Regisseur Todd Phillips der Realität treu, denn der Mob besteht nicht aus jenen, die schon alles verloren haben, sondern jenen, die noch ein bisschen haben und fürchten, auch das noch zu verlieren. Wer in den letzten Tagen nach Ecuador gesehen hat, findet die Bilder des Films nicht mehr so fiktional, wie man es gerne hätte. Und auch wenn gerade die deutschen Medien die Gelbwesten in Frankreich totschweigen, es gibt sie noch. Die Angst saß wohl auch Angela Merkel im Nacken, weil sie sicher stellte, dass die Mobilitätspauschale auch jenen zugute kommen soll, die von einer höheren Pendlerpauschale nicht profitieren – einfach weil sie zu wenig verdienen, um einkommenssteuerpflichtig zu sein.

Ist Joker jetzt aber ein politisch unkorrekter Film? Im Großen und Ganzen nein. Die abweisenden Reaktionen des Feuilleton lassen eher darauf schließen, dass man zumindest unterbewusst noch spürt, dass es problematisch ist eine Gruppe pauschal zum Prügelknaben zu machen – gerade wenn diese Gruppe die Mehrheit darstellt. Die Artikel basieren mitunter also eher aus eine Mischung linksliberalen Dünkels und der Angst, manch einer dieser Gruppe könnte sich „inspiriert“ fühlen. Schließlich liegt es in der Natur der Sache, dass der aus der Sicht des Jokers erzählte Film, der Hauptfigur auch gewisse Sympathien bringt. Und auch wenn der Zuschauer weiß, dass der Glaube Arthur sei der Sohn des Millionärs Thomas Wayne nur dem Hirngespinst von Arthurs Mutter entspringt, zeichnet er doch ein anderes Bild von diesem, als das, welches man gewöhnlich kennt. Auch Phillips‘ Thomas Wayne ist ein Millionär mit sozialer Verantwortung, der Geld spendet und Bürgermeister werden will, um Gotham City zu retten. Für die aufständischen Clowns hat er jedoch nur Verachtung übrig, für ihn sind es schlicht Loser, die es nicht geschafft haben. Und wenn er Gotham retten möchte, dann auch, um sich selbst zu retten. Thomas Wayne hat zumindest begriffen, dass es auch im Interesse der Reichen liegt, in einer friedlichen und sicheren Stadt zu leben. Eine Erkenntnis, die er den realen herrschenden Geldelite voraus hat, die weiter in einer Welt leben möchte in der die Schere zwischen Arm und Reich nicht nur immer weiter auseinander geht, weil ihr Reichtum ins Aberwitzige steigt, sondern weil durch dieses Verhalten die Armen auch immer ärmer werden. Man kann Joker also zumindest eine gewisse sozialkritische Note geben. Politisch unkorrekt ist er nur für jene, die insgeheim fürchten, das Pendel könnte wieder umschlagen – auch mit Gewalt.


Übrigens, nicht das gesamte deutsche Feuilleton  hat so abweisend auf den Film reagiert, eine recht gute Kritik bekam er etwas in der ARD-Sendung ttt, kurz nach dem der Film den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig erhielt:

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