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Die Tat in Halle – Der Antisemitismus war nie verschwunden

Vielleicht gebietet eine Tat wie in Halle Schweigen, vielleicht sollte man aber gerade jetzt nicht schweigen. Denn der tödliche Antisemitismus war nie verschwunden.

Es ist schon einige Zeit her, als ich an einem Abend ein Stück zu Fuß nach Hause gegangen bin, und kurz stehen blieb, weil drei Männer aus einem Hauseingang kamen. Einer von ihnen trug eine rote Notarztjacke, die beiden andere dunkle Anzüge und man konnte ihnen ansehen, dass es sich um Personenschützer handelte. Kurz schossen mir Schlagzeilen in den Kopf, in denen damals viel von Angriffen auf Sanitäter oder Feuerwehrleute angegriffen wurden. Doch dann erkannte ich den Notarzt: Josef Schuster, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Wie ich lebt Schuster in Würzburg, und es ist bekannt, dass er trotz seiner Position im Zentralrat auch weiter als Arzt praktiziert. Ich weiß noch heute, was ich an diesem Abend dachte: Was ist einem Land kaputt, wenn ein Notarzt nur in Begleitung zweier Leibwächter Menschen helfen kann, weil er zur gleichen Zeit ein Repräsentant der deutschen Juden ist?

Seit heute Nachmittag wissen wir, das es weit schlimmer ist. Das heißt, eigentlich wissen wir es schon länger. Und auch ich muss zugeben, dass ich mit den Fingerzeigen auf den importierten Antisemitismus aus der arabischen Welt, nicht immer darauf hingewiesen habe, dass dieser natürlich nur ein Teil der traurigen Statistik des gesamten Antisemitismus im Westen ist. Und er steigt eben nicht nur aufgrund der Zuwanderung von Menschen, in deren Heimat Antisemitismus von Seiten der staatlichen, wie der religiösen Führung von Kindesbeinen an eingetrichtert wird. Die Publizistin Ayaan Hirsi Ali schrieb diesbezüglich in der NZZ einen lesenswerten Beitrag.

Eine Tat war erwartbar

In Deutschland war der Antisemitismus immer da, aber er war eben auch aus der breiten Bevölkerung verschwunden und lebte als Hass nur in den Köpfen von Alt- und Neo-Nazis. Und drang er doch aus diesem Kreis heraus, und sei es nur durch „Judenwitze“, war es zumindest ein wenig beruhigend, das derjenige, der glaubte solche Witze seien wirklich Witze, früher oder später auf jemanden traf, der klarstellte, dass das nicht der Fall war.

Doch die Zeiten haben sich geändert … Ich stehe dazu, wer die Neue Rechte oder die AfD mit den Nationalsozialisten gleichsetzt, begeht aufgrund seiner eigenen ideologischen Einstellung einen historischen Fehler. Und im Umkreis dieser Gruppen befinden sich durchaus Köpfe, die Antisemitismus nicht nur verurteilen, sondern auch dagegen eintreten. Aber so wenig es richtig ist, das sich manche der Neuen Rechten sogar mit den Juden in der Anfangszeit der Naziherrschaft gleichsetzen, um einen Opferstatus zu erlangen, der ihnen nicht zusteht, so wahr ist es eben auch, dass ihre eigene rechte Flanke offen steht und sie Antisemiten mitunter gesellschaftspolitisch beheimaten. Sie tun das nicht offen, sie verhindern es aber auch nicht – sagen wir – mit der notwendigen Konsequenz.

Antisemitismus macht keinen Sinn

Meine persönliche politische Entwicklung hat ja einen weiten Weg von liberal, zu konservativ bis hin zu etwas, was man vielleicht als reaktionär-monarchistisch bezeichnen könnte. Aber Antisemitismus habe ich stets nicht nur als etwas falsches, verwerfliches gesehen, ich muss zugeben, ich habe ihn auch nicht verstand. Ich weiß nicht, warum jemand antisemitisch wird. Es gibt in dieser Welt eine Unzahl von Vorurteilen, bei den meisten kann ich ihre Entstehung nachvollziehen, auch wenn ich es dennoch für falsch halte, erkenne ich zumindest das auslösende Element. Beim Antisemitismus verhält es sich anders. Es gibt im Jahr 2019 nichts, was man falsch verstehen oder in ein irreales Extrem wandeln könnte, aus dem sich am Ende Antisemitismus entwickeln könnte.

Hinweis: Um es klar zu sagen, falls es untergegangen ist, ich halte keine Rassismen oder Hass aufgrund von Religionen, Geschlecht oder sexueller Einstellung für berechtigt, ich kann nur nachvollziehen, wie diejenigen zu ihrer Einstellung gekommen sind.

Was heute in Halle geschehen ist, ist vor allem eines: Die feige Tat eines kranken Menschen. Wenn wir morgen darüber diskutieren, was ihn dazu gebracht hat, und inwiefern die Gesellschaft oder Teile der Gesellschaft sich ihrer Mitverantwortung stellen müssen, dann sollten wir das offen und ohne Rücksicht tun, und zwar nicht, weil der Täter diesmal kein Islamist war, sondern weil er der Täter ist. Denn ebenso wie alle Opfer in erster Linie Menschen sind, sind auch alle Täter in erster Linie Menschen. Sie verfallen nur unterschiedlichen Ideologien, in ihrem Handeln ähneln sie sich aber zwangsläufig, weil sie voneinander lernen. Wenn jetzt etwa auch den Attentäter in Christchurch hingewiesen wird, weil auch der Täter in Halle seine Tat live ins Netz gestreamt hat, muss man mitdenken, dass es der Islamische Staat war, der zuerst die Macht der Bilder in sein Terrorkonzept integriert hat. Was auch immer einen Menschen zum Mörder, zum Terroristen macht, der ideologische Hass ist an sich ein Element, dass immer vorhanden ist, aber am Ende entscheidet, wer die Opfer sein sollen.

Ein Tag der Schande

Das offizielle Deutschland erklärte heute Vormittag in Person von Bundespräsident Steinmeier den 9. Oktober zum glücklichsten Tag der Deutschen, weil in den Abendstunden vor 30 Jahren in Leipzig zum ersten Mal die Menschen in der DDR auf die Straße gingen und ihr angeborenes Recht auf Freiheit einforderten. Seit dem Nachmittag wissen wir, der 9. Oktober ist für Deutschland ein Tag der Schande, an dem wir nicht mehr darüber hinwegsehen können, das Antisemitismus in diesem Land erneut zu einer tödlichen Bedrohung geworden ist. Und auch wenn ich Josef Schusters Frage mehr als berechtigt finde, warum man in Halle nicht auf die Idee kam an Jom Kippur nicht mal einen Polizisten vor einer Synagoge zu stellen, so können wir Gott danken, das diese Synagoge mit einer Tür ausgestattet wurde, die ein unvergleichlich schlimmeres Blutbad verhindert hat.

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