Die Dummheit ist gefährlicher als das Böse

Dietrich Bonhoeffer gehört zu jenen Helden des Widerstandes, auf den sich selbst 2019 noch die meisten Menschen in Deutschland einigen können. Wahrscheinlich, weil sie ihn nie gelesen haben.

Dietrich Bonhoeffer, 1939

Das kann man zumindest theologisch behaupten, denn als brillanter Theologe, der er auch war, neigte er wenig zur liberalen Theologie der Protestanten, die die Bibel immer im Lichte der Zeit lesen wollen, sondern eher zu Theologen wie den Schweizer Karl Barth, der sich ganz ähnlich wie Bonhoeffer sehr schnell (und durch Lebenserfahrung) von der liberalen Theologie abwendete. Sich vorzustellen, ein Theologe Dietrich Bonhoeffer hätte heute in der Evangelischen Kirche noch einen Platz, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn auch aus anderen Gründen als nach 1933 würde er in der offiziellen universitären evangelischen Theologie keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. (Fairerweise muss man sagen, eine Konversion zum Katholizismus würde daran auch nichts ändern.)

In dem schon etwas älteren Vortrag Dietrich Bonhoeffer: Ethische Verantwortung, bin ich auf eine Stelle in seinen Schriften aufmerksam geworden, der an sich wahrscheinlich immer noch alle zustimmen würden:

„Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen.“ – Dietrich Bonhoeffer in „Widerstand und Ergebung“

Der komplette Auszug ist hier nachzulesen.

Könnte man dieser Feststellung grundsätzlich widersprechen? Eher nicht. Und dennoch hat sie ein Problem. Der Klimaskeptiker wird sie dem Klimaaktivisten vorhalten, und der Klimaaktivist dem Klimaskeptiker. Der Rechte wird Bonhoeffer zitieren, und der Linke wird es ebenso tun. Dietrich Bonhoeffer hat, wie im Worthaus-Vortrag gut nachzuhören ist, ein altes Problem der protestantisch-deutschen Ethik aufgedeckt. (Der Darstellung dort würde ich mich nicht in allen Punkten anschließen, aber im Wesentlichen durchaus.)

Bonhoeffer geht es nicht um den Dummen, den man aufgrund seines geringen IQs als dumm beschimpft. Denn überraschenderweise sind sich die meisten Dorftrottel ihres Zustandes durchaus bewusst. Sie wissen, dass sie keine geistigen Überflieger sind. Und im Idealfall haben sie das Glück, in einem Umfeld zu leben, in dem auch das völlig okay ist. Nur über ein einfaches Denken zu verfügen, ist keine Krankheit. Manchmal ist es vielleicht sogar eine Gnade.

Es ging Bonhoeffer um andere Menschen, die vielleicht sogar einen ziemlich hohen IQ haben. So hoch, das nie einer von ihnen auch nur auf die Idee kommen würde, aufgrund seines Handelns ein ziemlicher Dummkopf zu sein.

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