Der Konservative — Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

Wenn Gräber noch an der Ewigkeit kratzen

Als ich den Friedhof verlasse, treten zwei junge Frauen durch das große Eingangstor. Ein kleines Mädchen an der Hand der Einen. Am Umgang mit den Toten, erkennt man eine Gesellschaft.

Wer fremde Länder und Kulturen kennen lernen möchte, kann die bekannten touristischen Hotspots besichtigen, wird aber wenig über die wirklichen Menschen dort erfahren. Er kann auch durch die Viertel einer Stadt streifen, in die sich sonst kaum ein Tourist verirrt. Oder aber, er geht dahin, wo sich die Kultur einer Gesellschaft am deutlichsten präsentiert, weil dort die Dinge endgültig sind: auf den Friedhöfen

Der ursprüngliche Friedhof des italienischen Badeortes Grado lag Jahrhunderte lang in der Nähe der Basilika Sant’Eufemia, ehe man ihn um das Jahr 1900 auf eine kleine Insel in der Lagune vor der Stadt verlegte. Man betritt ihn durch ein übergroßes Eingangstor, einem Portal nicht unähnlich, würden die den Friedhof umschließenden Mauern dagegen nicht geradezu winzig wirken. In der Mitte thront die Friedhofskapelle, nicht minder überdimensional wirkend. Bis zu ihr führt noch ein zentraler Weg, doch schon kurz dahinter verlässt man den Teil des Friedhofes, der noch die ursprüngliche Planung am Reißbrett verrät. Denn schon kurze Zeit später ragt eine große Mauer für die Urnen jener in den Hauptweg hinein, die später für die Feuerbestattungen errichtet wurden.

Kleine Familienmausoleen sind an den Rändern errichtet worden, viele Namen begegnen dem Besucher dort des Öfteren, eines jedoch trägt noch keinen Namen. Nur selten ist eines von ihnen durch ein Schloss gesichert, in die meisten kann man hineinsehen. Fotografien stehen auf den keinen Tischen, Blumen, Kerzen. Fotografien finden sich an allen Gräbern, so gut wie allen, nur ein muslimisches Grab fällt aus der Reihe. Wer in Grado die Toten besucht, kann ihnen in die Augen sehen. Oft sind es Fotografien aus der Jugend, viele noch in Schwarz-Weiß. Andere zeigen die Verstorbenen in ihren älteren Jahren. Wie jenes, das zwei Brüder zeigt, die (, die Trennung nicht ertragend?) im gleichen Jahr ihre letzte Ruhestätte im Grab ihrer Familie fanden. Ein Spruch, der auf dem Grab meiner Urgroßeltern stand, kommt mir in den Sinn: Trennung ist unser Schicksal, Wiedersehen unsere Hoffnung

Doch nicht nur die Mausoleen ragen in ihrer Anzahl über die Zahl auf vergleichbaren Friedhöfen hinaus. Es sind auch die Familiengräber, die groß und mächtig den Friedhof dominieren. Hier finden die Generationen der Familie wieder zusammen. Gräber sind in der Lagune von Grado noch gebaut, um an der Ewigkeit zu kratzen und das Gedenken an die Toten über den genau definierten Zeitraum hinaus zu sichern, die die deutschen Friedhofsverordnungen vorsehen. Dem kalten Land im Norden, in dem schon die Kinder aufgefordert werden das Grabrecht ihrer Eltern zu verlängern – und nicht wenige von ihnen werden dann anonym umgebetet. Hier kleben keine Zettel der Behörden an den Grabsteinen, die die Angehörigen informieren, das Grab werde demnächst aufgelöst. Und während man die traurige Vermutung hat, das die Gräber mit jenen Zetteln ohnehin nicht mehr besucht werden, deuten hier nicht nur die Spuren der Kieselwege auf etwas anderes hin.

Der Sturm der letzten Nacht hat hier und da eine Blumenvase umgeworfen. Ich stelle sie wieder auf, wenn sie mir auf meinem Weg begegnen, und werfe einen Blick auf den Grabstein. Viele Menschen hier sind bemerkenswert jung gestorben, keine 30 Jahre alt. Ich frage mich warum das so ist, und erinnere mich, das auch auf jenem Grabstein mit den beiden Brüdern, gleich drei solcher kurzen Leben datiert wurden. Hier ist es ein Mann, der nur wenige Jahre nach seiner Hochzeit gestorben sein muss. Seine Frau überlebte ihn um ein halbes Jahrhundert. Ihr Hochzeitsbild ist am Grabstein zu sehen, eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme aus einer vergangen Zeit.

Nicht wenige der kleineren Gräber gleichen diesen scheinbaren Mangel durch große Statuen der Gottesmutter oder Christus aus. Einer hat sich eine Büste von Johannes XIII, dem lächelnden Papst, als Begleiter für die Ewigkeit ausgewählt. Und da wäre auch noch jenes in Deutschland wohl undenkbare Grab. Nicht nur, weil es einen in der Sonne sanft erbleichenden Fanschal schmückt, sondern wegen des gut einen Meter großen, in bunten Farben am Fuße des Grabes stehenden Leuchtturms. Man mag sich die professionell trauernde Mine eines deutschen Beamten nicht vorstellen, der ein Grab wie dieses zur Genehmigung vorgelegt bekommt.

Aber selbst trotz, oder gerade wegen solcher individuellen Gestaltungen, weht durch den Friedhof Grados noch jene Kultur, die anderswo längst vergessen wurde. Hier gibt es keine Trends, die selbst das ultimativste Ereignis eines Menschen, noch in einen schmissigen Event verwandeln sollen. Den Toten wird gedacht, sie bleiben in der Erinnerung der Menschen lebendig. Und wenn zu befürchten steht, dass auch hier, wie überall auf der Welt, es meist die Frauen sind, so sind sie es doch über den ganzen Jahresverlauf, und nicht nur an jenem Tag an dem inoffiziell, aber höchst ökonomisch Allerheiligen und Allerseelen auf einen Tag verkürzt wurden.

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