Der Konservative — Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

1793 – Die vergessene Zeitenwende

Für viele in der heutigen Zeit beginnt die Geschichte 1789, davor war das finstere Mittelalter. Andere begreifen 1793 als eine Art Weltuntergang.

Der Ansturm des Volks war enorm, der Wagen, auf dem man Ludwig XVI zum Schafott brachte, brauchte fast zwei Stunden für die nicht einmal vier Kilometer lange Strecke. Es soll ein kalter, nebliger Tag gewesen sein. Die Menschen drangen nach vorn, um alles gut sehen zu können. Als ihr König zu ihnen sprach, um den Menschen, die ihn in wenigen Augenblicken töten würden, zu vergeben, konnten sie ihn doch nicht hören. Der für die Sicherheit verantwortliche Offizier ließ die Trommler antreten, um die Stimme des Königs zu übertönen. Als kurz darauf der Henker den Kopf des Königs in die Höhe hielt grölte das Volk. Viele drangen ganz nach vorn, um mit Taschentüchern oder Papier das Blut des Königs aufzusagen. Nicht wenige kosteten es sogar. Der Andrang war so groß, das der Henker schließlich einen Eimer Blut zur Verfügung stellte, damit jeder Bürger seinen Willen bekam. Es erklang der Ruf der Revolution: „Es lebe die Republik!“

Ja, so war das am 21. Januar 1793. Wie später auch seine Frau, Marie Antoinette und seine Schwester Elisabeth, ging der König aufrecht zum Schafott, wenn schon niemand Anstand zeigte, dann doch zumindest der Verurteilte.

Uns mag diese Szene, die man noch um einiges grausamer schildern könnte, da der Henker nicht gerade seine beste Arbeit ablieferte, wie aus dem Geschichtsbuch vorkommen. Sie könnte dort so stehen, natürlich nicht mit meinem Unterton zur Französischen Revolution. Was wir aber nicht in den Büchern finden, ist die Wirkung auf die Menschen dieser Zeit. Man mag sich noch vorstellen können, wie erschrocken die Monarchen Europas nach Paris blicken, vergisst aber, das auch die Mehrheit der Bevölkerung dort das endgültige Ende eines Systems erlebten, das über 1000 Jahre den gesamten Kontinent geprägt hatte. Noch 200 Jahre später nannte Albert Camus es beim Namen, als er von einer „irreversiblen Zerstörung einer Welt“ sprach, „die sie für ein Jahrtausend für die heilige Ordnung gehalten hatten“.

Und unumkehrbar war diese Zerstörung tatsächlich, denn auch wenn sich die Bourbonen als gute Christen zeigten, ging mit ihnen auch das Gottesgnadentum auf Schafott. Der König als von Gott gewollter Herrscher war nicht mehr, ganz im Sinne der Jakobiner, hatte man diese Verbindung gekappt. Zwar argumentierten große Denker wie Joseph de Maistre noch, Gott sei die Voraussetzung der Souveränität, arbeiteten sich damit aber nur an dem siegreichen Denken eines Rousseaus ab.


Einschub: Kaiser Wilhelm II war bis an sein Lebensende von seinem Gottesgnadentum überzeugt. So überzeugt, dass er im Oktober/November 1918 mitschuldig am Untergang der deutschen Monarchien wurde, weil ihm nicht in den Sinn kam, es könnte zu einer Revolution kommen.


Das Sacré-Cœur mit der Devise „Gott, König“ war auf die Kleidung der Aufständischen aufgenäht.

Es ist kein Zufall, dass die Männer und Frauen der Vendee und der Bretagne das Herz Jesu zu ihrem Symbol machten, als sie sich gegen die neuen Herrscher zur Wehr setzten und einen so hohen Blutzoll zahlten, dass der Revolution nicht zugeneigte Historiker das Wort „Völkermord“ in den Mund nehmen. Mit Ludwig XVI ging eine alte Ordnung unter. Das Ancien Regime war ein starres Gerüst gewesen, das nicht bis ins letzte zum Vorteil der Bevölkerung funktionierte. Das es dem einfachen Bauern allerdings nach 1789 schlagartig besser ging, kann man nun auch nicht behaupten. Mit der neuen Zeit war nur eine neue Elite gekommen, die Stück für Stück den alten Adel beseitigte. Macht basierte nun nicht mehr auf dem Land und einem Titel, sondern einzig und allein auf die Summe Geldes, die man zur Verfügung hatte. Die Linke mag die Französische Revolution als eine ihrer Gründungsmythen betrachten, ganz im Sinne Voltaires diente die neue Freiheit aber nur einer noch immer relativ kleinen Schicht von Bürgern, die man passenderweise als Unternehmer bezeichnen sollte. Das gerade besonders hippe Wort „Entrepreneur“ geht nicht ganz umsonst auf das Französische zurück.

Das nun jeder allerdings mit Geschick ein erfolgreicher Bürger werden konnte, erwies sich bald als eine schöne Theorie. In der Praxis wandelte sich die neue Elite des Bürgertums zum sprichwörtlichen Geldadel, und vererbte seine Macht per Bankkonto. Der Aufstieg aus den unteren Klassen war möglich, bestätigte als Ausnahme aber nur die Regel, und war so auch im Ancien Regime schon möglich geworden. Die Lage der unteren Schichten war prekär, sie besserte sich erst, als Demokratien entstanden, die man als solche auch bezeichnen konnte bzw. Verfassungen nicht nur theoretisch alle Menschen gleich machten, sondern dieses Recht auch einklagbar war. Sofern man sich den Anwalt leisten konnte. Den man oft auch bitter nötig hatte. Denn auch wenn der Adel gerade in Frankreich eine Mitschuld am Ausbruch der Revolution trug, war die Chance auf einen Aristokraten zu treffen, der für das Land in die Menschen in seiner Verantwortung, auch eben jene übernahm, doch stets besser gewesen, als auf mitfühlende Fabrikbesitzer, deren Nachschub an Arbeitern endlos wirkte. Es brauchte noch einige Zeit, bis sich auch hier ein Typus Unternehmer entwickelte, der seine Arbeiter und Angestellten als Menschen achtete. Interessanterweise übrigens meist jener Typ Firmenpatriarch, der heute dem globalisierten Markt Panik verursacht, weil er nicht einfach Fabriken verlegt, weil die Gewinnmarge in einem anderen Produktionsland höher ist.

Was aber definitiv mit dem Ancien Regime unterging, war eben die alte Ordnung. Jeder wusste, wo er seinen Platz hatte. Das klingt nach Un-Freiheit, aber ist es nicht auch eigentlich ein Entscheidungszwang, der durch diesen Wegfall entstand? Wobei das eigentliche Problem eher darin bestand, dass sich die Begründung für einen mangelnden sozialen Aufstieg lediglich änderte. Statt eine göttlichen Ordnung, war man jetzt selbst schuld daran. Was in den meisten Fällen allerdings nicht korrekt war, weil man lediglich theoretische Aufstiegschancen hatte, die allzu oft lediglich eine verlogene Motivierungsmethode war, damit man härter arbeitete. In der Realität war der Aufstieg immer an die wirtschaftliche Lage gekoppelt. War sie gut genug, konnten auch die unteren Schichten profitieren. Weil nicht alle in schlechten Zeiten wieder abstiegen, bildete sich sogar eine Mittelschicht. Relativ gesehen blieb der Abstand zur Elite allerdings gleich. Ein Umstand, der sich seit einigen Jahren allerdings grundlegend gewandelt hat.

Marie-Antoinette und ihre Kinder, 1787 

Kehren wir aber noch einmal kurz zu Ludwig XVI zurück. War seine Hinrichtung berechtigt? Maximilien de Robespierre verlangte seinen Tod, damit das Vaterland leben könne. (Bei Gelegenheit beschäftige ich mich mal mit dem Thema, wie die Französische Revolution auch den Nationalismus gebar.) Die Lage in Frankreich war schlecht, sie war es, weil Ludwig XIV nicht nur Versailles gebaut hat, sondern politisch und militärisch weit weniger auf der Sonnenseite stand. Das Volk, im Wesentlichen die Pariser und Bewohner anderer großer Städte, traf die hohe Staatsverschuldung im täglichen Leben, man hungerte. Die Ironie ist, hätte der König die Lage ignoriert, er wäre wahrscheinlich eines natürlichen Todes gestorben. Seine Gegenmaßnahmen allerdings bedurfte irgendwann die Einberufung der Generalsstände, dem eigentlichen Auslöser der Revolution. Letztlich war die Hinrichtung des Königs ein politischer Mord. Die Beseitigung eines Rivalen der Jakobiner um Robespierre, der die bloße Existenz eines wie auch immer geschwächten Königs als Gefahr begriff, weshalb er nicht nur Ludwig XVI sondern auch dessen Frau hinrichten lies, während Ludwig XVII – wenn auch nie gekrönt – mit 10 Jahren in Gefangenschaft der Revolution starb. An Tuberkolose, so die offizielle Verlautbarung, über die Historiker durchaus streiten.

Die Hinrichtung des Herzogs von Enghien, 1873

Das die Revolution übrigens erst einmal ihr Ende fand, in dem sich ein kleiner korsischer Landadlige zum Kaiser krönte, mag man als Ironie sehen. Jedoch nicht unbedingt als Widerspruch. Denn auch Napoleon ließ mit Louis Antoine Henri de Bourbon-Condé, duc d’Enghien einen Bourbonen nach einem Scheinprozess hinrichten, um seine eigene Macht zu sichern. Napoleon war eben ein Mann der neuen Zeit …

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