Ein Wort zur Queen

Die englische Monarchin ist gerade auch in den deutschen sozialen Medien viel diskutiert. Zumindest hat das nichts mit einem Skandal zu tun …

Auch wenn mancher schon munkelt, dass ihr Sohn Prinz Andrew in den Missbrauchsskandal um den US-Milliardär Jeffrey Epstein tiefer verwickelt ist, als man bisher weiß. Aber das gehört in jenen Bereich, den die englische Königsfamilie nicht nur in Großbritannien am Leben hält: Boulevard

Boris Johnson möchte dem Parlament so wenig Zeit wie möglich lassen, sich in seine Brexit-Politik einzumischen. Deshalb schickt er es ein wenig länger in den Urlaub, als eigentlich vorgesehen. Verbunden mit der Thronrede, seiner Regierungserklärung, soll das britische Parlament erst Mitte Oktober wieder tagen, zwei Wochen vor dem Brexittermin. Gleichgültig wie man nun zum Brexit an sich steht, und wie sehr man sich in der westlichen Welt an die Entmachtung der Legislative auch gewöhnt haben mag, eine so offene Missachtung demokratischer Spielregeln sollte einem Demokraten in Aufruhr versetzen. Möglich macht das eine Unterschrift, die Unterschrift von Elisabeth II.

Die britische Struktur des Staates ist kompliziert, was vor allem daran liegt, dass das Vereinte Königreich keine Verfassung hat, die die Regularien präzise vorschreibt. Das der britische Monarch jedes von der Regierung und vom Parlament beschlossene Gesetz beispielsweise unterschreibt, basiert nicht auf einer rechtlichen Regelung, sondern auf dem alten Grundsatz: das macht man halt so. Die BILD hat es in ihrer herrlich vereinfachenden Weise so beschrieben, weil man das 1688 vereinbart hätte, als die Engländer den Schlächter Cromwell losgeworden sind. De facto gab es in der Zwischenzeit natürlich dennoch englische Könige die Politik gemacht haben, selbst wenn einzig Königin Anne sich geweigert hatte ein Gesetz gegenzuzeichnen und damit gültig werden zu lassen. Die englischen Monarchen waren damals schwächer als die Monarchen auf dem Festland, aber sie waren noch nicht die Grüßauguste, zu denen viele Staaten sie heute heruntergedemütigt haben.

Als nach dem 1. Weltkrieg die Zeit regierender Monarchen endgültig zu Ende ging, gab es Dynastien, die sich mit der neuen Ordnung zurechtfanden und, na ja, die Windsors. Oder sollte man sagen, die Familie Sachsen-Coburg und Gotha? Ihren Namen wollten sie lieber nicht tragen, zu deutsch. Stattdessen benannten sie sich nach Windsor Castle. Kleingeister, die die Angst um ihre privilegierte Position umtrieb. So zog George V etwa das Asylangebot für seinen Vetter Zar Nikolaus zurück. Ob ihn die Bilder der abgeschlachteten Zarenfamilie wohl verfolgt haben, die er den Bolschewisten überließ um seine eigene unwürdige Haut zu retten? Sein Nachfolger Eduard VIII war nicht viel besser, regierte aber immerhin nur ein Jahr, weil er unbedingt seine geschiedene Amerikanerin heiraten wollte. In den folgenden Jahren zeigte er sich gerne mit Adolf Hitler, bis man ihn endgültig in die Karibik abschob. Sein Bruder, der überraschend als George VI den Thron bestieg, fiel aus der Linie seiner Vorgänger aus. Auch wenn manche behaupteten, gerade am Anfang sei ihm die Last des Thrones zu schwer gewesen, zeigte er sich gerade im 2. Weltkrieg als das, was ein Monarch in der heutigen Zeit noch immer sein kann, ein Symbol des Volkes, ein Mann, der sein Volk nicht im Stich ließ und mehr tat, als seiner Gesundheit zuträglich war. Weshalb seit 1952 Elisabeth II auf dem Thron sitzt.

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Von Mark S Jobling – en.wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link

Ihre Regentschaft wird allgemein hin als positiv bewertet, auch wenn man annimmt, dass sie mit ihrer unterkühlten Reaktion auf den Tod von Prinzessin Diana die Monarchie in Gefahr gebracht hat. Wo wir aber beim eigentlichen Punkt sind. Die Kinder: Man könnte ganze Bücher füllen, mit ihren Skandalen. Affären, Scheidungen, man erinnere sich an Charles, der der Tampon seiner heutigen Frau sein wollte. Andrew und Fergie … Der jüngste, Edward war zwar stets ein treuer Ehemann, aber es gab Finanzskandale. Und gerade als man hoffen konnte, dass mit William und Catherine wieder Ruhe einkehren würde, zog sein Bruder Harry die Naziuniform aus und zeigte, dass auch er eine Amerikanerin/Kanadierin heiraten kann. Die gute Meghan indessen scheint sich das Leben am Hof vorgestellt zu haben, wie man das in Hollywood tut. Privatjets fliegen und Dienstboten drangsalieren eingeschlossen.

Kurz zusammengefasst, die Windsors machen keine gute Figur … und sie sind auch nicht nötig.

Das Kernproblem des heutigen Tages liegt aber darin, dass sich Elisabeth II zwar als Symbol ihres Landes begreift, die strikte Neutralität, die sie einhält, aber eine Marionette der jeweiligen Regierung aus ihr macht. Sie ist also nur eine nützliche Puppe für den jeweiligen Premier. Das ist hart und respektlos, aber die Wahrheit.

Jetzt wird ein Demokrat natürlich sagen, ja, in einer parlamentarischen Monarchie hat der Monarch ja auch nichts zu sagen. Dann müssten wir in Deutschland aber auch den Bundespräsidenten abschaffen, der ähnliche Befugnisse hat. Der moderne Monarch ist in Ländern wie Belgien oder Spanien ein Verfassungsorgan, und als solches hat er Aufgaben, die über das Repräsentieren als nationales Symbol hinausgehen. Es mag selten vorkommen, aber es gibt Fälle, in denen sowohl ein Monarch, als auch ein Bundespräsident ein Gesetz etwa so nicht unterzeichnen wollte, oder frühzeitig signalisiert hat, dass er es nicht tun würde. Allein die Tatsache, dass er Gesetze gegenzeichnen muss, damit sie gültig sind, bedeutet, er trägt Verantwortung. Gewissermaßen ist er eine zusätzliche Sicherung, er wacht – und diese Funktion hatte ein Monarch zu allen Zeiten – über das Wohl seines Volkes. Der belgische König riskierte sogar einmal die Abschaffung der Monarchie, weil er ein Gesetz zur Erleichterung der Abtreibung nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. (Tatsächlich setzte ihn das Parlament dann auch ab, wenn auch nur für einen Tag.)

Diese Verantwortung trägt der Monarch jeden Tag seiner Regentschaft, Tage, an denen er sich ihrer würdig erweisen muss, sind selten. Im Vereinten Königreich von Großbritannien und Nordirland war heute so ein Tag. Das sich Elisabeth II der Verantwortung nicht würdig erwiesen hat, mag angesichts ihrer Familiengeschichte nicht überraschen. Sie ist eben doch nur eine Windsor, deren Ausnahmeerscheinung durch ihren Vater seine große Stunde schon hatte.

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