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Die Manson Family – vaterlos

Quentin Tarantino hat mit seinem neuen Film etwas getan, was US-amerikanische Filme nur noch selten bis nie tun … er überrascht.

Der 9. August 1969 fiel in eine Zeit, in der die gesellschaftlichen Umbrüche offensichtlich waren. Während allerorts junge Menschen als Hippies eine neue Zeit des Friedens und der Liebe predigten, kämpfte die Generation dahinter um den Erhalt ihres Erbes und ihrer Vorstellungen von Moral. Ein Wechsel, wie er seit Jahrhunderten stattfindet, doch dieser war anders. Er war härter, die Gegensätze größer, er war politischer. Und doch war er wie jeder Umbruch gelenkt durch nicht wenige falsche Propheten. Einer dieser Propheten befahl Anhängern in seiner Hippiekommune „ein paar Menschen abzuschlachten“.

Was in der Nacht des 9. August 1969 geschah, ist Geschichte. Die „Manson Familie“ drang in das Haus des in London weilenden Regisseurs Roman Polanski ein und ermordete dessen im 8. Monat schwangere Frau Sharon Tate und vier weitere Menschen. Sechs Tage später ging die Hippiebewegung wieder zur Tagesordnung über, und feierte in Woodstock Liebe und Frieden.

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Von BernerAchimEigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Als erste Gerüchte auftauchten, Quentin Tarantino würde sich des Stoffs annehmen kamen bei manchen Befürchtungen auf, wie er den Stoff wohl behandeln wollte. Wie konnte ein für seine drastischen Gewaltszenen bekannter Tarantino etwa das reale Grauen interpretieren, das die von Mansons ausgesandten Hippies anrichteten, als sie einer im 8. Monat schwangeren Frau den Bauch aufschlitzten. Und wie würde er mit Charles Manson umgehen?

Charles Manson sollte als Anführer der „Manson Familie“ eine Schreckensgestalt sein, die herrschende Popkultur sah das schon immer etwas anders. Schon damals, als sich nicht nur die die Kultur maßgeblich prägende Zeitung „The Rolling Stone“ für dessen Unschuld aussprach. Wenn in den letzten knapp 40 Jahren Charles Manson in der Popkultur erwähnt wurde oder, wie etwa in Serien wie „South Park“, als Figur auftrat, wurde er im besten Fall verharmlost, oft aber auch verherrlicht. Das wundert wenig, war er doch die dunkle, böse Seite jener Bewegung, die in diesen Jahrzehnten die Kontrolle über die Popkultur erlangte. Um sich nicht selbst zu kritisieren, musste sie zwangsläufig das Geschehen umdeuten, schönen, verharmlosen, glorifizieren. Charles Manson war ein Mörder, aber er war doch Bestandteil der Familie.

Quentin Tarantino bricht aus dieser Tradition Hollywoods aus, in zweifacher Weise. Zum einen tritt die Figur Charles Manson in seinem Film kaum in Erscheinung. Nur einmal nimmt ihn der Zuschauer wirklich wahr, als er das Haus der Polanskis ausspioniert. Schauspieler Damon Herrimann gibt ihm in diesen wenigen Zügen etwas dämonisches, der Moment, in dem er sich in flapsigen Worten von Sharon Tate (Margot Robbie) verabschiedet, hinterlässt beim „wissenden“ Zuschauer einen kalten Schauer. Aber mit dieser kurzen Zeichnung der Diabolik des Charles Manson lässt es Tarantino auch schon bewenden. Mag er im Hintergrund immer vorhanden sein, der Figur Manson selbst gestattet Tarantino nicht seine Propagandashow abzuspulen. Auch als mit Cliff Booth (Brad Pitt) einer der beiden Helden auf die Farm der „Manson Familie“ gelangt, ist Charles Manson abwesend.

Als zweiten Punkt, zeichnet Tarantino die Geschichte nicht aus dem Blickwinkel der Hippiebewegung. Seine beiden (Anti-)Helden Rick Dalton (Leonardo Di Caprio) und Cliff Booth haben nichts mit der Hippiebewegung zu tun, im Gegenteil, sie sind noch Mitglieder jener alten Generation. Rick Dalton, als abgehafteter Schauspieler hasst sie sogar, sein Stuntman/Fahrer/Freund und Mädchen für alles Cliff hat zwar ein Auge für hübsche junge Frauen, aber selbst in der Hose genug Verstand, sich nicht mit ihnen ins Bett zu legen. (Bzw. sich im Namen der freien Liebe während einer Autofahrt einen Blasen zu lassen.)

Once upon a time …. es war einmal …. Quentin Tarantinos Film ist eine Hommage an ein altes Hollywood, aber es ist auch mehr ein Märchen, als die Erzählung einer wahren Geschichte. Sein in den lebendigen Farben der damaligen Zeit gehaltener Film ist ein nostalgischer Rückblick, der die schlechten Dinge ausblendet. Nostalgie als das begriffen, was sie ist, eine Märchenerzählung. Auch deshalb sind seine Helden in einer Zeit, in der die Utopie einer Hippiegesellschaft herrschte, aus der Zeit gefallen. Es sind gewissermaßen alte weiße Männer, die an ihren alten Überzeugungen festhalten, ohne jedoch komplett wie einem alten Wachsmuseum entsprungen zu wirken. Ja, und natürlich greifen Tarantinos alte weiße Männer dann doch zum Flammenwerfer, aber nur wenn es sein muss.


„Once Upon A Time in Hollywood“ (USA 2019) – im Kino seit dem 15. August 2019

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