Mordaufrufe sind ok, solange es gegen Rechte geht

Der rote Punkt wandert auf die Stirn des Opfers. Die Scharfschützin wird gleich abdrücken. Wer gemeint ist, ist klar: Matthias Matussek 

Vor kurzem habe ich in einem Buch über die christliche Rechte auch ein Essay des ehemaligen Spiegel-Mannes und Publizisten Matthias Matussek gelesen. Eine lebendig verfasste Erinnerung an seine Kindheit und Jugend, in der er die Selbstverständlichkeit des Glaubens und der Familie beschrieb. Über seinen strengen, aber liebenden Vater, der ein Konservativer war, aber immer – auch mit der Tat – bei den Bedrängten war. Ich könnte den Text hier empfehlen, aber ich tue es nicht. Denn immer wieder fügte Matussek auch Sätze ein, die aus meiner Sicht falsch und rechtspopulistisch sind. Sätze, die begründen, warum Matussek inzwischen eine der bekanntesten Hassfiguren für die Linke ist.

So wundert es kaum, das man den 65. Geburtstag von Matthias Matussek im März zu einem kleinen Skandal aufbauschte. Gekommen waren BILD-Leute wie Franz Josef Wagner, aber auch Dieter Stein, Chefredakteur der Jungen Freiheit, oder Erika Steinberger, ehemalige Verbandschefin der Vertriebene, und prominentes Ex-CDU-Mitglied. Auch Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen war da. Kurzum, Geburtstagsgäste wie Reinhold Beckmann sahen sich angesichts dieser Gästeliste genötigt, sich von ihrer eigenen Teilnahme offiziell zu distanzieren.

Die Berliner Electropunk-Band Egotronic stellte jetzt jene Matussek-Geburtstagsparty in den Mittelpunkt ihres Videos zu „Kantholz“. Die Bilder wechseln immer wieder hin und her. Hier eine junge Frau im Gothicstyle, aufgepinselten Glanzleggings und einem Geigenkoffer, dort eine Party im Stille der spätrömischen Dekadenz von reichen Angehörigen der Elite. Schnell wird klar, dass sich im Geigenkoffer kein Musikinstrument befindet, sondern ein Gewehr. Ebenso schnell wird ein Mann, der optisch zumindest ein wenig an den jungen Matussek erinnert, im Mittelpunkt der Party steht. Sein Name: Matsek – Untertitelt mit „Die Party des Jahres“. – Im Hintergrund immer wieder der Refrain: Was interessiert es mich, wenn ein Rechter fällt?

Ein Skandalvideo, das niemand für einen Skandal hält.

„‚Kein Rechtsruck nirgends‘ lautet die erste Zeile der zweiten Auskopplung des kommenden Egotronic-Albums“, wird das Video bei Youtube beschrieben, und erklären, dass der Refrain von „Wiglaf Drostes Text ‚Mit Nazis reden'“ inspiriert ist, und „die Band [bezieht] dann Stellung und macht unmissverständlich klar, dass Nazis nunmal bekämpft werden müssen.“ Bekämpft? Offensichtlich durch eine bezahlte Killerin.

Seit dem heimtückischen Mord an Walter Lübcke diskutieren wir über die Wirkung von Hasskommentaren in den sozialen Medien. Sogenannte Todeslisten sorgen für Aufruhr. Eine Video, dass einen Auftragsmord zeigt, bei dem leicht zu erkennen ist, wer das Opfer im wirklichen Leben ist, aber steht seit Tagen unwidersprochen auf Youtube und erregt keinerlei öffentliches Echo.

Die Band Egotronic stellt sich selbst auf eine Stufe mit dem Rechtspopulisten, nur eben auf der linken Seite, wenn sie deren Rhetorik übernimmt – was sie ja öffentlich bekennt. Sie stellt sich aber auch auf eine Stufe, wenn es darum geht, zum Mord an einem Menschen aufzurufen. Sicher, sie tut es nicht in der Gossensprache, in der die üblichen Hasskommentare abgegeben werden. Aber sie bildet den Mord als ihren Wunschtraum ab, die Rechten zu bekämpfen, und auch, wenn es bedeutet, sie zu töten. Sicher, dieses Video wird nicht verboten werden, es wird nicht von Youtube verschwinden. Kunstfreiheit, wird man sagen, und die ist bekanntlich inzwischen weit links.

Als Falk Richters „Theaterstück“ Fear 2015 in Berlin aufgeführt wurde, gab es zumindest noch eine Debatte darüber. In einem absurden Zombiestück, stopfte Richter dort alles in einen Nazisack, was links von ihm selbst war, und holte den theatralischen Knüppel heraus. Vier Jahre später sind wir offensichtlich so weit, dass allein die Fragestellung, ob Kunst so etwas darf, ihre Relevanz verloren hat.

Und trotz berechtigter Kritik an dem späten Matussek, kommt man am Ende nur zu einem Schluss. Dies alles ist nur möglich, weil Matussek dem rechten Spektrum zugeordnet wird. Wäre das Ziel statt Matussek etwa ein grüner Politiker, oder Monitor-„Journalist“ Georg Restle, das Video wäre nicht nur in der Kritik, es wäre ein Skandal. Da es sich aber um Matthias Matussek handelt, ist das Video nicht nur kein Skandal und unkritisch, es ist völlig in Ordnung sich die Ermordung von Matussek zu wünschen – und mit dem Risiko der realen Umsetzung zu spielen. Mit anderen Worten, natürlich darf man in Deutschland Mordaufrufe äußern, es muss halt nur die Richtigen treffen!

Kommentare

Genau so sieht es aus in Deutschland, lieber Thomas. Und das schlimme ist ja, dass die Leute die solchen Scheißdreck abfeiern, nicht den Hauch des Gefühls zu haben scheinen, das da etwas grundfalsch läuft. Die tun einfach so, als wäre alles, was sie denken und tun richtig. Soviel Überzeugung vom Falschen war nie.

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