Warum ich aufhöre in sozialen Netzwerken politisch zu werden

Egal, ob es tatsächlich immer schlimmer wird, oder meine Haut nur dünner. In Sachen Politik diskutiere ich in sozialen Netzwerken nicht mehr.

Eher nebenbei habe ich im Blog von Horst Schulte gelesen, das er seine Facebook- und Twitter-Accounts nicht weiter führt. Was erklärt, warum ich den Twitter-Account nicht finden konnte, um ihn in die Liste jener Twitterer aufzunehmen, bei denen ich mich freuen würde, wenn Sie mir auch auf meinem neuen Twitter-Account folgen würden.

Ja, ich habe meinen alten Account noch nicht geschlossen, werde es aber wohl bald auch offiziell machen. Den neuen Account brauche ich hier eigentlich gar nicht zu erwähnen, weil er nichts mit einer politischen Thematik zu tun hat. (Ok, die Themen Klimawandel und Abtreibung sind mir natürlich so wichtig, dass ich in diesen Fällen lieber schon im Voraus ein wenig einschränke. Beide Themen erscheinen mir so existenziell, dass ich sie nicht als allein „Politisch“ klassifizieren würde.) Ein neuer Facebook-Account wird übrigens nicht folgen, aber auch wenn ich Beiträge von dieser Seite dort teile, werde ich mich an Diskussionen dort nicht beteiligen. Nicht weil ich die Leute zwingen will ihre Kommentare auf meiner Webseite selbst abzugeben, wo sie ja eigentlich hingehören, sondern weil ich die politisch-gesellschaftlichen Diskussionen in den sozialen Netzwerken leid bin.

Diese Lösung, statt einfach alles abzuschalten oder sozialen Medien komplett den Rücken zu kehren, zeigt vielleicht auch ein wenig wie hin und hergerissen ich diesbezüglich bin. Zweifellos ist die Diskussion, wenn man sie denn noch so nennen kann, in den sozialen Medien auf ein Niveau gerutscht, das die Einordnung unter dem Oberbegriff „Niveau“ schwermacht. Aber vielleicht bin ich auch nur dünnhäutiger geworden … und zugegeben, die ein oder andere überhastete Reaktion war vielleicht nie auf dem Niveau der Gosse, was inzwischen gleichbedeutend mit der Definition von „Durchschnitt“ sein dürfte, aber auch nicht unbedingt fein und weit weg von jenem intellektuellen Niveau, dass ich in meiner Arroganz anstreben.

Aber irgendwann kommt dieser berühmte Tropfen zu viel ins Fass. Ich glaube als jemand der konservativ ist, gegen Abtreibung, für den Klimawandel, gegen Masseneinwanderung, aber für Einwanderung an sich, linke Gewalt auch gegen die AfD nicht gerechtfertigt hält, völkisches Denken ablehnt, libertäre Ideen für rein kapitalgesteuert hält, glaubt, dass man biologische Geschlechter … lassen wir die Aufzählung. Was ich damit sagen will, streng genommen war das einzig Ungeklärte, ob jener Tropfen aus dem linken oder dem rechten Lager kommen würde. (Will es jemand wissen? Er kam von rechts.)

Es ist allerdings wahrscheinlich nicht allein das nicht vorhandene Niveau bei gesellschaftspolitischen Diskussionen in sozialen Netzwerken, dass inzwischen nur noch abschreckend wirkt. Es ist auch die Sinnlosigkeit der Wortgefechte. Eine gute Diskussion kann auch wie eine gute Schlacht sein. Am Ende gewinnt eine Seite, oder man einigt sich auf ein Unentschieden. (Ja, das Bild könnte man auch mit Sport haben, aber das wäre nicht angemessen.) Bei Twitter jedoch finden die Grabenkämpfe des 1. Weltkrieges statt. Zwei Seiten stehen sich erbittert gegenüber. Es wird geschossen, Granaten, Maschinengewehre und dann noch Gas. Tunnel zu den feindlichen Stellungen werden gegraben. Nachts robben sich Soldaten heran, um aus dem Schutze der Dunkelheit zu feuern. Unter immensen Verlusten wird ein Graben des Feindes erobert, der am nächsten Morgen wieder verloren wird. Politische Diskussionen bei Twitter sind so. Nur Kämpfe, nur Verluste, aber keine Sieger und schon gar kein Waffenstillstand oder Frieden.

Es ist inzwischen wohl einfacher einen Flat-Earth-Typen von der Kugelform der Erde zu überzeugen, oder eine Globuli-Mutti von der Schulmedizin, als die politischen Lager zumindest dazu zu bewegen sachliche Argumente auszutauschen und die des Gegners zu analysieren.

Allerdings, um nicht falsch verstanden zu werden, mir geht es nicht um eine Netiquette, dieses putzige Ding aus den Urzeiten des Internets verwenden heute nur noch Omis und Opis. Natürlich haben wir bei manchen Diskussionen früher auch „Idiot“ oder „Arschloch“ gesagt. Allerdings sind diese Begriffe heute eher die harmloseren, und werden ungleich häufiger verwendet. Und auch wenn es komisch klingt, in den meisten Fällen, in denen man damals jemand als „Arschloch“ bezeichnet hat, steckte dahinter weit weniger Hass als heute. Den Diskussionen von einst, steckte eine Elternweisheit inne, (die es heute natürlich nicht mehr geben darf): Pack schlägt sich, Pack verträgt sich! Aber ganz ehrlich, das war auch zu einer Zeit, in der die Leute bei Schlägereien auch noch aufgehört haben, wenn der andere am Boden liegt. Heute ist das ja bildlich und buchstäblich gesprochen eher ein Anreiz noch mal auszuholen und zuzutreten.

Yep, damit will ich einen Zusammenhang nahelegen, zwischen verbaler und physischer Gewalt. Die Trennung zwischen einem Online- und einem Offline-Menschen gehört meiner Ansicht nach der Vergangenheit an. Einem Troll sah man damals im echten Leben nicht, dass er ein Troll war. Wenn man es den verbalen Gewalttätern von heute nicht im echten Leben ansieht, dann, weil sie zu feige sind, noch keine Gelegenheit hatten, oder sich wie ein halbwegs gescheiter Krimineller, nichts anmerken lassen. Die Gesellschaft, gerade die jüngeren Teile verrohen.

Wo das alles enden wird? Ich weiß es nicht. Als Pessimist und Menschenkenner gehe ich natürlich irgendwann davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Rechte personell soweit gerüstet hat, dass sie sich Straßenkämpfe liefern kann, wie einst Nazis und Kommunisten in der Weimarer Zeit. Wobei ich weder die Rechte mit den Nazis, und die Antifa mit den Kommunisten gleichsetzen würde. Im Gewaltpotential jedoch sind die Unterschiede sicher minimal.

Kommentare

Ich halte das Szenarium, das du am Schluss beschreibst auch für möglich. Was ich nie für möglich gehalten hatte, ist schon Realität. Die Polizei kann mit ihrer Präsenz nicht für die Beruhigung einer Eskalationslage sorgen. Zumindest gibt es leider diese Beispiele nicht als Ausnahme. Facebook und Twitter sorgen wie so ein Forum wie 8chan für die Verrohung der Leute. Auch wenn es dort nur um Worte geht (Binse!), sie werden ganz zweifellos zu Taten. Das Internet dient nicht der Verbesserung unserer Demokratie, sondern zu ihrer Destabilisierung. Ich habe mich häufig darüber gestritten, ob die so genannten sozialen Netzwerke, wie die andere Seite gern sagt, lediglich ein Spiegelbild unserer Gesellschaft wären. Bis zu einem gewissen Punkt würde ich das schon anerkennen. Nur in unserer Gesellschaft (dem realen Leben) verhalten wir uns weitgehend nach den Normen, die diese Gesellschaft über Jahrzehnte geprägt und entwickelt hat. Sie zählen nichts im Internet. Dort benehmen wir uns wie Idioten aus längst überwunden geglaubten Zeiten. Personen des öffentlichen Lebens und Institutionen finden keinen durchgehenden gesellschaftlichen Rückhalt mehr oder nur noch sehr bedingt. Es gab immer Vorbilder in allen möglichen Bereichen. Heute taugt sogar der Star-Fußballer nicht mehr dazu, weil er von irgendwelchen Leuten oder Gruppen angefeindet wird. Begünstigt bzw. verursacht wird das durch das Internet. Aber das will keiner merken, weil es schlichtweg unvorstellbar ist, auf dieses Tool zu verzichten. Was wohl passieren würde, wenn die erste Regierung im Westen Internetsperren einrichtet? Die aktuelle Entwicklung, die das Internet begünstigt, führt uns am Ende schneller zu einer Art von Prototyp als wir glauben. Autokratische Regierungen erblühen schließlich auch in Europa. Und die werden so was vielleicht schaffen.

Thomas Matterne sagt:

Ein Professor von mir hat einmal gesagt, und da war das Internet noch gar nicht so Mainstream wie heute, es hat schon immer in jedem Dorf einen Dorftrottel gegeben, aber der hat sein Dorf so gut wie nie verlassen. Dank des Internets können sie sich jetzt vernetzen. Das das Internet ein Spiegel der Gesellschaft ist, habe ich nie gesehen, es war schon immer ein Verstärker oder Multiplikator. Das Gute ist zugleich das Schlechte. Das gilt in vielen Fällen. Natürlich auch in der Kommunikation, weil jeder sein eigener Ich-Sender werden kann. Aber auch für Verbrechen, Drogen sind leichter zu bekommen, wer früher vielleicht mal einer Schülerin auf den Hintern gesehen hat, konsumiert heute Teenpornos (oder schlimmer). Früher wären sie nie in Versuchung geraten. Politisch gepoltert hat man am lokalen Stammtisch, aber der war wahrscheinlich politisch ausgewogener.

Ich glaube aber entscheidend ist leider, dass es eben die selben Abläufe sind, die Gutes bringen, wie Schlechtes. Das eine geht nicht ohne das andere.

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