Ist es gut 8chan aus dem Netz zu nehmen?

Der IT-Dienstleister Cloudflare beendet wegen des Massakers von El Paso seine Zusammenarbeit mit 8chan. Das Imageboard ist deshalb nicht mehr erreichbar.

Du weißt nicht, was 8chan ist? Na ja, sinnvollerweise ist die Seite wahrscheinlich doppelt so übel wie 4chan. Ja, ich weiß, das hilft einem nicht weiter, wenn man auch 4chan nicht kennt. Aber der Gag war einfach zu gut, den musste ich verwenden.

Wie sein großes Vorbild 4chan ist 8chan ein sogenanntes Imageboard, neben Bildern werden dort aber auch zahlreiche Texte veröffentlicht. Es handelt sich dabei um weitestgehend unmoderierte Foren zu diversesten Themen. Darunter sehr viel Pornographie, das Hauptpublikum dürfte auch aus Jugendlichen männlichen Geschlechts bestehen. Während 4chan in diesem Fall durchaus Grenzen setzt, findet man bei 8chan eigentlich alles, außer Kinderpornographie (d. h. eigentlich findet man diese dort zumindest in Form von Hentai dort doch). Ist 8chan also so etwas wie der Mülleimer des freizugänglichen Netzes? Wahrscheinlich schon. Abgesehen davon sind Chans aber auch immer noch ein Ort, an dem die Rede so frei ist, dass es für nicht wenige unerträglich wird.

Schon der Attentäter von Neuseeland postete dort den Link zum Livestream seines Verbrechens. Der Attentäter, der in El Paso 20 Menschen tötete und 26 weitere schwer verletzte, postete vor seiner Tat ein rassistisches Manifest in einem der Boards genannten Foren. Das wiederum brachte bei dem US-IT-Dienstleister Cloudflare wohl das Fass zum überlaufen, und man kündigte den Vertrag mit 8chan fristlos.

Cloudflares Service besteht darin Webseiten vor DDos-Attacken zu schützen. Vereinfacht gesagt, dem Hacken der Seite durch so viele Aufrufe, bis der Server zusammenbricht und die Webseite nicht mehr angezeigt wird. Und das Seiten wie 8chan das bevorsteht, ist nicht ziemlich sicher, sondern bewiesen. Die Seite ist aktuell offline.

Relikt aus der Vergangenheit

Imageboards wie 4chan oder 8chan sind für mich in gewisser Weise ein Relikt aus der Vergangenheit des Internets. Der vorkommerziellen Zeit des Netzes, als soziale Netzwerke noch nicht erfunden und Dominatoren wie Google fast undenkbar waren. Die Zeit, in der die Pioniere des Internets noch von einem weltweiten, umregulierten Netzwerk träumten, frei von jeglicher staatlicher Einmischung und Zensur. Freilich gab es all die dunklen Kehrseiten auch damals schon. Zwar mag es in jener Zeit noch die inzwischen ausgestorbene Spezies des anspruchsvoll-intellektuellen Trolls gegeben haben, aber das Arschloch war sprichwörtlich auch nur eine Seite weit weg. Als mit dem Usenet später die technischen Hürden deutlich gesenkt wurden, entwickelte sich auch hier, mit was wir heute kämpfen: politischer Extremismus, Handel mit illegalen Waren, Kinderpornographie. Das war immer da, nur stieg die absolute Zahl, spätestens mit dem WWW, also dem Internet, wie wir es heute kennen.

Das sich heute die extremistische Rechte auf diesen Seiten tummelt, liegt fast schon in der Natur der Sache. Die Meinungsfreiheit wird dort besonders weit ausgelegt, während man in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter teils schon wegen Postings Probleme bekommt, die ein echter Rechtsextremist noch als „zu links“ verurteilen würde.

Am Tatbestand wird also nicht gezweifelt. Der Grund für Cloudflare 8chan die Geschäftspartnerschaft zu kündigen ist vorhanden. Allein, handelt Cloudflare richtig?

Das ist eine theoretische Frage, schließlich kann Cloudflare als Unternehmen zusammenarbeiten mit wem es will, illegale Machenschaften einmal ausgenommen. Doch auch wenn die moralische Schuld von 8chan und seinen Betreibern nicht zur Diskussion steht, die rechtliche Schuld tut es schon. Schlimmer noch, sie scheint nicht gegeben. Cloudflare argumentiert, 8chan hätte den Amoklauf mit ausgelöst. Die Seiten seien „Hasslokale“, wie sie Cloudflare-CEO Matthew Prince bezeichnet. Eine Erkenntnis, die freilich reichlich spät kommt, und glaubhafter wäre, hätte man sie vor Beginn der gemeinsamen Zusammenarbeit gehabt. Man darf annehmen, das Cloudflare eher Gewinneinbrüche fürchtet, weil die Zusammenarbeit mit 8chan abfärben kann.

Ob Diskussionen wie auf 8chan diese Taten spezifisch auslösen, lässt sie nicht mit Sicherheit sagen. Das ist übrigens auch eine alte Diskussion im Netz, die zum Beispiel bei sogenannten Suizidforen schon lange geführt wird. In diesem Fall kann man jedoch vermuten, Selbstbestätigung und Hochschaukeln unter Gleichgesinnten, zumindest als ein Motivationsfaktor mitbeigetragen haben. Kann man deshalb aber von einer Mittäterschaft sprechen? Die Antwort des linken Mainstreams ist natürlich ein klares „Ja“, wenn man am liebsten schon die BILD verbieten würde, weil man glaubt deren Berichterstattung sei mitschuld an rechten Taten, ist der virtuelle Scheiterhaufen für 8chan schneller aufgestapelt als man 0 oder 1 sagen kann. Allein hat eine rein linke Definition (oder rein rechte) der Meinungsfreiheit, oft nur noch bedingt mit Meinungsfreiheit zu tun. Auch wenn der moderne Linksliberale mit seiner Methode der immer größer werdenden Einschränkung des Diskursraumes weit geschickter vorgeht, als die alte Rechte mit dem Brachialwerkzeug Zensur. Zudem stellt sich die Frage, was mit den übrigen Boards ist, von denen manche pornographisch, viele aber auch unverfänglich, einiger sogar entschieden links waren? Wobei sich diese Frage natürlich auch wieder nur stellt, wenn man Meinungsfreiheit gewichtet. Berechtigt dieses eine Posting die quasi Abschaltung einer ganzen Webseite.

Was mich allerdings besonders umtreibt ist, dass 8chan selbstverständlich nur das erste Glied in der Kette ist. Zugegeben, ein besonders widerwärtiges, aber legals Glied. Ein Opfer, auf das sich die Mehrheit verständigen kann und für das nur sehr wenige ihre warnende Stimme erheben werden. Andere seiten werden folgen, allein weil die linke Vorstellung einfach alles zu sperren, was von Rechtsextremisten genutzt wird für sehr lange Zeit nicht aufgehen wird. (Und selbst wenn es gelingen würde, darf die Frage gestellt werden: Und, lösen sich die ganzen Rechtsextremisten dann einfach so in Luft auf, oder treten zur Antifa über?) Der Fall 8chan beweist wie linke Diskursraumverengung praktisch funktioniert. Es war kein Staat, kein Gesetz, das 8chan vom Netz genommen hat, sondern ein Konzern, der aus Geschäftsinteresse dem Druck der linken Öffentlichkeit nachgegeben hat. Andere große Anbieter, allen voran Google haben sich die Mainstreammeinung schon selbst zu eigen gemacht. Gerade Youtube ist aktuell hier eine Spielwiese nach dem Motto „Wir entscheiden was rechts ist, und was wir deshalb rauskicken“. Da es sich dabei um rechte oder vermeintliche rechte Inhalte handelt, geschieht dies weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, weil jene, die immer dann wenn der Staat als Zensor auftritt besonders laut schreien, durch betontes Stillschweigen kämpfen.

„Ich missbillige ihre Meinung, aber ich werde dafür kämpfen, dass Sie sie aussprechen können.“, dieses Zitat spricht man fälschlicherweise oft Voltaire zu. Wer sich mit Voltaire beschäftigt, statt ihn blind zu huldigen, konnte das schon immer schnell erkennen. Aber dennoch liegt in diesem Satz viel Wahres, nur leben wir nicht mehr in Zeiten, in denen dies zu gelten scheint.

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