Der Konservative — Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

Der 20. Juli im dunklen Licht der Gegenwart

Wir halten Geschichte für etwas unveränderliches, schließlich sind ihre Ereignisse per Definition bereits geschehen. Doch Geschichte ist ein volatiler Prozess, bestimmt von der jeweiligen zeitgeistigen Strömung.

Besonders wechselhaft erscheint die Betrachtung des 20. Juli 1944, der sich dieses Jahr zum 75. Mal jährt. Ein Jubiläum, dass neben jenem der Mondlandung zweifellos in der öffentlichen Wahrnehmung untergehen wird, aber auch das entspricht in gewisser Weise dem Zeitgeist.

Die Bewertung – und nicht zu vergessen, der Stand, den die Überlebenden und die Familien des Widerstandes in der Gesellschaft hatten – des 20. Juli begann mit dem Vorwurf des Verrats. Im letzten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft erklomm nicht nur die Zahl der Opfer neue Rekordzahlen, das NS-Regime rächte sich ohne Skrupel oder Zögern an jenen, die versucht hatten mit dem Attentat auf Hitler und der Auslösung der Operation Walküre dem Horror ein Ende zu machen. Wer nicht sofort hingerichtet wurde, musste sich in Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof verantworten. Nicht wenige der Männer des 20. Julis taten das in einer so bravourösen Haltung, dass die goebels’sche Propaganda die Aufnahmen nicht verwenden wollte, weil zu befürchten war, sie würden genau das Gegenteil von dem bewirken, was im Sinne der NS-Propaganda war. Die Familien, Frauen und Kinder, die nicht selten die wichtigste Stütze der Verschwörer waren, wurden in Sippenhaft genommen. Manche endeten als eine Art Privatgeisel von Heinrich Himmler, der sich mit ihnen in der Hand bessere Karten für das Kriegsende versprach.

In den ersten Jahren nach dem Krieg und auch in den jungen Jahren der Bundesrepublik, änderte sich die Einstellung gegenüber dem 20. Juli und seinen Helden und Heldinnen kaum. Sie galten noch immer als Verräter, als mitschuldig an der Niederlage. Der Unwillen sich in den direkt an die Zeit des Naziregimes anschließenden Jahren, sich mit der Zeit zwischen 1933 und 1945 auseinanderzusetzen, ließ manche Einstellung einfrieren. Die Propaganda war so tief in die Köpfe vieler Deutscher eingedrungen, dass selbst jene, die dankbar waren, dass der Krieg endlich vorbei war, ihn doch schon gerne gewonnen hätten.

Plötzlich wurden die Verräter als Vorbilder gebraucht

Ein Wechsel in der Bewertung von Claus Graf Schenk von Stauffenberg und seinen Mitverschwörern trat erst ein, als man sie gewisser Weise wieder benötigte. Dabei war es nicht nur die junge Bundeswehr, die auf der Suche nach Identifikationsfiguren war, sondern bei so manchem Deutschen wuchs der Wunsch, auf einen guten Deutschen zeigen zu können. Auf jemanden, der sich dem Regime entgegengestellt hatte. Ein Land, das stillschweigend darauf hinzudriften begann, nie wieder Heldenverehrung zu betreiben, kam sozusagen noch nicht ganz ohne Helden aus. Nach und nach veränderte sich also der Status des 20. Juli nicht nur bei Einzelnen, sondern in der Gesamtbevölkerung von einem Verrat zu einer Heldentat.

Ende gut, alles gut? Man könnte es hoffen, auch weil die Bewunderung für Stauffenberg und seine Mitverschwörer nur in wenige Fällen zu einer völlig losgelösten unkritischen Idealisierung verkam. Weil es auf der linken Seite immer eine ausreichende Menge von Kritikern gab, und die stramme Rechte vom “Verräter” Stauffenberg nicht abrückte. Stattdessen gedachte man des 20. Julis als das was er war, ein von Offizieren durchgeführter Putschversuch, hinter dem auch eine konservativ-bürgerliche Gruppe von Politikern und gesellschaftlich durchaus bekannten Personen stand. Prägend wurde vor allem die Rekrutenvereidigung im Berliner Bendler Block, wo in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli die Hauptverschwörer hingerichtet wurden.

Bundesarchiv Bild 146-1972-025-12, Zerstörte Lagerbaracke nach dem 20. Juli 1944.jpg
Die zerstörte Lagerbaracke nach dem Attentat (Von Bundesarchiv, Bild 146-1972-025-12 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link)

Der Wind jedoch begann sich zu drehen. Die linke Meinungshoheit sah immer misstrauischer auf rechte und neurechte Kreise, die sich immer stärker mit den Verschwörern des 20. Juli zu identifizieren begannen. Eine folgerichtige Schlussfolgerung, symbolisierten die meisten von ihnen doch vor allem den konservativen Widerstand im Dritten Reich. Man konnte also gewissermaßen eine Fliege mit zwei Klappen schlagen. Die Identifikation mit einer Gruppe geschichtlicher Helden, und die Abgrenzung zum Nationalsozialismus, in dessen Tradition die linke Seite die Neue Rechte ja stellt. Inwiefern sich die Widerstandskämpfer selbst dort widergefunden hätten, lässt sie pauschal nicht sagen. Als gute Konservative hätten sie sicher mehr Berührungspunkte, als zum links-grünen Zeitgeist, würden sich aber auch gegen manches heftig zur Wehr setzen. Zum Beispiel in der Abwertung der Rolle der Ehefrauen der Verschwörer, durch einige neurechte Publizisten, die damit weniger zurück in die Geschichte blicken, sondern dahinter ein Genderthema herbeifantasieren. Und so manch Verschwörer hätte wohl als Patriot auch so seine Probleme mit dem sich zum Beispiel um AfD-Politiker Björn Höcke ansiedelnden stumpf-völkischen Nationalismus. Die Linke jedoch ließ sich allerdings ohnehin nie wirklich irritieren, dass die Neue Rechte sich Symbolfiguren aneignete, die ihr Leben im Kampf gegen den Nationalsozialismus ließen, obwohl in ihren Augen die Traditionslinie zwischen Neurechten und Nazis direkt und kurz ist. Die geistige Auseinandersetzung mit dem Gegner, ist bekanntlich nicht der Ideologen Sache. Das Bestreben möglichst wenig zu denken, erklärt auch, warum der linke Angriff selten gegen den 20. Juli als Ganzes geht, sondern sich stark auf die Person Claus Graf Schenk von Stauffenberg konzentriert. Der Mann, der in der entscheidenden Stunde im Zentrum des militärischen Widerstandes stand, ist auch das Ziel der erneuten Geschichtsumschreibung.


Exkurs: Die Planungen bei einem erfolgreichen Militärputsch waren weit fortgeschritten, mit der sogenannten Wirmer-Flagge hatte man sogar eine neue Fahne entworfen, die zwar auf das Schwarz-Weiß-Rot der Kaiserzeit und das Schwarz-Rot-Gold der Weimarer Republik Bezug nahm, aber dennoch einen Neuanfang darstellte. Eine Abwandelung war kurzzeitig sogar als neue Flagge der Bundesrepublik im Gespräch. In den Anfängen der BRD war sie zudem bei CDU und FDP immer wieder in Nutzung.
Heute jedoch findet sie, wohl nicht im Sinne ihres Erfinders, des am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichteten Josef Wirmer, immer wieder unter Rechtspopulisten Verwendung. Etwa auf den Pegida-Demonstrationen.

Der Wind lässt die Fahne nach links voranflattern

Das gilt seit einigen Jahren in den alljährlichen dahingerotzten Bemerkungen, Stauffenberg sei ja eigentlich auch ein Nazi gewesen. Twitter ist eine Quelle, in der sich der linke Wiederkäuer alljährlich mit solchen Äußerungen an seiner eigenen politischen Korrektheit aufgeilt, als wäre es der Online-Porno im Browser-Tab daneben. Zum 75. Jahrestag war es aber unvermeidlich, dass das neue Geschichtsbild auch das ernstzunehmende Feuilleton erreicht. Hauptsächlich im neuen Buch “Stauffenberg” von Thomas Karlauf. Welcher Geist dies Buch geschrieben hat, war spätestens dem letzten Beobachter bewusst, als Karlauf es zusammen mit Grünen-Co-Vorsitzenden Robert Habeck der Öffentlichkeit präsentierte. Vom Standpunkt des Erkenntnisgewinns ist Karlaufs Buch dünn, und besticht allein durch seinen Schwerpunkt auf Stefan George, in dessen Anhängerkreis die Stauffenberg-Brüder früh kamen. Was Stefan George angeht, kann man Thomas Karlauf seinen Expertenstatus kaum aberkennen.

Statt die “Stauffenberg war auch ein Nazi”-These des gewöhnlichen linken Widerkäuers zu bearbeiten, steigt Karlauf freilich eine intellektuelle Stufe nach oben. Sein Ziel ist es – ach, lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

“Aber Stauffenberg handelte nicht aus Gewissensgründen, sondern aus politischen und militärischen Überlegungen. Das war in der Situation des Sommers 1944 zufällig auch das moralisch Richtige. Stauffenberg tat das moralisch Richtige, aber eben nicht aus moralischen Erwägungen, sondern als Offizier des Generalstabs des Heeres. Wer diese Unterscheidung vernachlässigt, macht es sich zu leicht. Das ist das Missverständnis, von dem ich rede.” – Focus.de

Die Versuche Stauffenberg als strammen Nazi zu zeichnen, basieren im Wesentlichen auf dessen Begeisterung für Hitler in den ersten Jahren des Regimes. Da professionelle Historiker, aber im Gegensatz zu Twitternutzern, zumindest nie komplett auf eine historische Einordnung von Taten und Gedanken einer Person verzichten können, wissen sie ob er Schwachheit dieses Arguments. Das war wohl auch Thomas Karlauf bewusst, der es sich sogar insofern zunutze macht, in dem er gerade diese historische Einordnung nicht nur überhöht, sondern als allein gültig bezeichnet, in dem er Stauffenberg Gewissen und moralisches Verständnis aberkennt, und sein Handeln allein als rationale Entscheidung eines Generalstabsoffiziers darstellt.

Nun kann man schwer bezweifeln, dass vom Standpunkt eines preußisch geprägten Offiziers ein Attentat auf Hitler eine rational richtige Entscheidung war. Und da selbst Generäle, die noch in der Lage waren, selbstständig zu denken, wie etwa ein Alfred Jodl, nicht handelten, ging die Verantwortung ganz folgerichtig an die Obersten über. Was bei Militärputschen durchaus nicht ungewöhnlich ist. Aber berechtigt allein diese Erkenntnis, Stauffenberg moralische Motive abzusprechen? An diversen Stellen beantwortet Karlauf die Frage gewissermaßen selbst. Im Prinzip zeichnet er die Gründe auf, weshalb der 20. Juli aus linker Sicht keine Heldentat zu nennen ist. Die Verschwörer waren, na ja, nicht links. Auch Stauffenbergs Sohn, Generalmajor a.D. Berthold Graf Schenk von Stauffenberg, nannte in einem Interview mit der Tagespost ausdrücklich den Patriotismus seines Vaters als einen auslösenden Punkt für sein Handeln.

Oder um es dem Zeitgeist entgegenkommend zu vereinfachen: Stauffenberg und das Gros seiner Mitverschwörer waren nicht nur nicht links, ihre Motive widersprachen teilweise der linken Doktrin einer vaterlandslosen, dafür globalisierten Gesellschaft. Etwas für sein Vaterland zu tun, ist aus linker Sicht, auch dann nichts Gutes, wenn man versucht einen Adolf Hitler zu töten. Wer so denkt, dem fällt es auch nicht schwer die offensichtlichen Zeichen von Gewissen und Moral zu übersehen, etwa im Bewusstsein der Verbrechen der Nationalsozialisten. Zurecht kann man die Frage stellen, wie sie Klaus Mertes SJ im Editorial der „Stimmen der Zeit“ (7/2019) aufwerfen:

„Kann man nur denjenigen in der Geschichte ein Gewissen zugestehen, die exakt die gesellschaftspolitischen Vorstellungen teilen, welche in der Gegenwart Standard sind?“ – Stimmen der Zeit, 7/2019

Das der Jesuit Mertes hier von „Standard“ spricht, lässt erkennen, dass er in gewisser Weise als jene berühmte Ausnahme von der Regel zu Wort kommt. Denn man mag Mertes viel vorwerfen, einen Rechtsdrall zu haben allerdings nicht.

Thomas Karlauf hingegen scheint genau dieser Meinung zu sein, er belässt es nicht bei dem üblichen Vorwurf, Stauffenberg sei kein Demokrat zu sein, er gibt sich Mühe zu betonen, Stauffenberg sei Antidemokrat gewesen. Als Beleg dient ihm die aristokratische Herkunft und das zweifellos bei Stauffenberg vorhandene Standesbewusstsein, das sich der Aristokrat jedoch willentlich entschied in die Reichswehr einzutreten, die als Armee einer Republik fungierte, fällt wenig ins Gewicht. Ebenso wenig, wie die Tatsache, dass er in einer Widerstandsgruppe aktiv war, die nun aber doch auch einige aufrechte Demokraten aktiv waren – nicht allein jene verbliebenen überzeugten Sozialdemokraten. Er ergibt sich vollkommen der These, dass jeder der kein Demokrat ist, ein Anti-Demokrat sein muss. Auf dieser These fußt die heutige liberale Demokratie, die selbst andere Demokratieformen mit allen Mitteln bekämpft, und deshalb natürlich auch keine aristokratische, monarchische oder ständestaatliche Organisationsform des Staates dulden kann. Der liberale Wettbewerb gilt nur innerhalb der liberalen Demokratie, sie selbst aber kann per Definition keine Wettbewerber dulden.

Claus Graf Schenk von Stauffenberg

Claus Graf Schenk von Stauffenberg muss sich der gesamten Reihe der altbekannten Vorwürfe stellen. Stellvertretend für den militärischen Widerstand, wenn es um den späten Zeitpunkt des Attentats geht. Die fehlgeschlagenen Versuche Hitler zu töten, des Mitverschwörers Henning von Tresckow fallen dabei ebenso wenig ins Gewicht, wie der durch die Appeasement-Politik des Münchner Abkommens verhinderte Putschversuch 1938. Am Ende bemüht sich George-Kenner Karlauf sogar, die Überzeugung in den Schmutz zu ziehen, dass selbst ein sicheres Scheitern, ein Handeln erzwinge, nur um es gewagt zu haben und zu zeigen, dass es noch ein anderes Deutschland gab, in dem er sie als bloßes Ergebnis eines von Stefan George in die Brüder Stauffenberg verpflanztes elitäres Denken zu brandmarken versucht.

Thomas Karlaufs Buch trägt den Untertitel „Porträt eines Attentäters“. Der Begriff „Attentat am 20. Juli“ hat sich eingebürgert und an sich einen positiven Klang gewonnen. Karlauf hingegen setzt sich an die Spitze einer Bewegung, die den Attentäter Stauffenberg lieber in einer Reihe mit den islamistischen und rechtsextremistischen Attentätern der Gegenwart stellen möchte. Es ist zu befürchten, dass ihm diese revanchistische Geschichtsschreibung gelingen wird. Geschichte wird stets von den herrschenden Eliten in ihrem Sinne verwendet.

Was vom 20. Juli 1944 allerdings bleibt, sind zwei Punkte. Der Fakt, dass es jemanden gab, der sein Leben einsetzte und verlor, um zu handeln. Und die an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit, das so gut wie jeder, der die Rolle von Stauffenberg und seinen Mitverschwörern am liebsten zunichte machen würde, im besten Falle nicht gehandelt hätte – im nicht unwahrscheinlichen Falle, seine Fahne in den Wind gehängt hätte. Denn auch 1944 waren die meisten noch immer davon überzeugt, dass Fahne voran flatterte.


„Es ist Zeit, daß jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muß sich bewußt sein, daß er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterläßt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem Gewissen.“ – Claus Graf Schenk von Stauffenberg


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.