Der Konservative — Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

Mediathek-Tipp: Jenseits des Limits

Die Öffentlichkeit sieht sie in ein bis zwei Minuten, als eine perfekte Synthese zwischen Sport und Kunst. Doch was dahinter steckt, erinnert manchmal eher an ein Gualg.

Leistungssport ist kein Zuckerschlecken, bei all dem schönen Schein dürfte zumindest das den meisten Zuschauern bewusst sein. Wer vorn dabei sein will, wer gar nach Gold bei Olympia greift, dessen Weg ist hart. Nein, härter.

Regisseurin Marta Prus war einst selbst Leistungssportlerin, für ihren Dokumentarfilm Jenseits des Limits kehrt sie in diese Welt zurück. Mit der Kamera lässt sie den Zuschauer dabei sein, als die russische Sportgymnastin Margarita Mamun ihren Weg zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio beginnt. Die intime Kameraführung lässt den Zuschauer teilhaben, auf eine derart intensive Art und Weise, dass man sich manchmal bei dem Gedanken ertappt, aus Diskretion den Raum verlassen zu wollen.

Und spätestens wenn Irina Viner-Usmanov ihre Bühne betritt, wächst auch das Bedürfnis ins Geschehen einzugreifen. Irina Viner, Startrainerin über den Untergang der Sowjetunion hinweg, ist in ihrem Sport eine Legende. Und sie weiß sich zu inszenieren. Aufgemotzt, mit einem Hut, der eines Musketiers würdig wäre, und Perlenketten, die nicht einmal Marge Simpson tragen würde, flucht und schimpft sie sich durch Jenseits des Limits, als wäre sie die Hauptperson von Prus‘ Dokumentation.

„Man muss sie jagen wie Hunde.“

Irina Viner-Usmanov

Wie sie die jungen Frauen und Mädchen als russische Nationaltrainerin anbrüllt, beleidigt, heruntermacht, taugt als Musterbeispiel für Psychoterror. Völlig grotesk wird es, als sie sich beim Training in Rio per Videokonferenz im Bett liegend zuschalten lässt, um Margarita Mamun auch über den Atlantik hinweg als „Miststück“ und „Versagerin“ zu betiteln. Dabei hat der Zuschauer sie längst zur Schurkin erklärt, als sie bei den vorangegangenen Europameisterschaften Margarita aufforderte, sie solle mehr Tragödie bei ihrer Kür zeigen, und an ihren im sterben liegenden Vater denken.

Hilflos wandert dabei immer wieder Margaritas Trainerin Amina Zaripova ins Bild, die einst selbst von Irina Viner an die Spitze des damals noch als Rhythmische Sportgymnastik betitelten Sports getrieben wurde. Inzwischen über 40, wirkt sie in Anwesenheit Viners noch immer wie ein hilfloses Mädchen, auf das verbal eingeprügelt wird, um sie so aufs Siegerpodest zu treiben. Man ist unschlüssig. Soll man sie bemitleiden, oder selbst hassen, weil sie nicht die Courage hat sich vor der ihr anvertrauten Sportlerin zu stellen. Am Ende löst eine einsame Szene am Strand von Tel Aviv nach den Europameisterschaften die Situation auf, als sich beide Frauen im Arm liegen und aussprechen, im selben Boot zu sitzen.

Screenshot: Jenseits des Limits

Wer in die Analen der Olympischen Spiele sieht, weiß das Margarita Mamun für Russland Gold geholt hat. Ob das ein Happy End ist, man weiß nicht so recht. Auch weil Marta Prus klug genug war auf eine pompöse Siegerehrung zu verzichten. Kein Bild zeigt Margarita Mamun mit ihrer Goldmedaille. Ein vergoldetes Etwas an einem Band aus buntem Stoff, für dass sich ihre Besitzer sprichwörtlich über das Limit hinaus gequält haben. Doch nicht allein die geschunden Körper der modernen Gladiatorinnen sind es, die am Ende von Jenseits des Limits im Gedächtnis bleiben, sondern ihre gequälten und erniedrigten Seelen.

Eine Dokumentation voller schöner Bilder? Nein. Ein Einblick in eine fremde Welt? Ja. Jenseits des Limits ist ein herausragendes Werk, gerade weil Marta Prus schonungslos und völlig ohne einordnenden Kommentar die Realität hinter den jungen Sportgymnastinnen zeigt, die uns für ein, zwei Minuten mit der perfekten Synthese aus Sport und Kunst bezaubern.

Jenseits des Limits (Polen, Deutschland, Finnland 2017) – zu sehen in der Arte Mediathek bis zum 25. Juli 2019

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