Die Deutschen sind egoistische kleine Hosenscheißer

Der Kampf gegen den Klimawandel wird scheitern. Und das liegt nicht einmal an den Leuten die gekauft wurden oder von sich aus zu dumm sind an ihn zu glauben.

In ihrem letzten Vodcast beschäftigte sich Mai Thi Nguyen-Kim mit dem Thema Spieltheorie des Lebens | Tragödie des Gemeinguts, verkürzt ausgedrückt geht es dabei um die psychologischen Erkenntnisse, warum wir auf Festivals immer Dreck hinterlassen, eine öffentliche Toilette eigentlich immer zum davonlaufen verschmutzt ist – und auch darum, warum das mit dem Klimawandel schief gehen wird. Wobei die Youtuberin jetzt einwenden würde, natürlich kann der Kampf doch gewonnen werden, wenn wir die gesellschaftlichen Regeln ändern, aber …. Optimisten, lol, man muss sie einfach mögen.

Der Kampf gegen den Klimawandel hat ein großes Problem, er benötigt einen radikalen Wechsel der gesellschaftlichen Entwicklung, die wir seit etwas über 50 Jahren mit einem Verve vorantreiben, als hätte es seit Menschengedenken nur diese Lebensweise gegeben. Wir haben uns entfernt von einer sich weiter entwickelnden Gesellschaft, zu einer regional verteilten Ansammlung an nach dem persönlichen Glück strebenden Egoisten. Selbst die Anzahl derjenigen, die noch innerhalb einer sie umgebenden Gruppe, allen voran die klassische Familie, die das letzte Bollwerk des Widerstandes in dieser Sache bildet, und deshalb seit einigen Jahren mit aller Macht geschliffen wird, dem Grundsatz folgen, geht es allen gut, geht es auch mir gut, nimmt mehr und mehr ab. Die Individualisierung ist inzwischen dank der Technik so weit fortgeschritten, dass der zum Konsumenten degenerierte Bürger nicht einmal mehr seine Kulthandlungen gemeinsam mit anderen im Einkaufszentrum vornehmen muss, sondern einfach am Rechner bei Amazon dem Moloch huldigen kann. Da der Moloch seine Gier nach dem individuellen Glück aber nicht befriedigen kann, der Konsument aber keine andere Möglichkeit sieht sein Glück zu befriedigen, befindet er sich längst in einer Endlosschleife des Unglücks.

Der Kampf gegen den Klimawandel allerdings erfordert etwas, was allem widerspricht, auf das der Konsument ausgerichtet wird: Verzicht! Verzicht, ein Wort, das bei liberalen Alles-geht-Jüngern ein ebenso großes Entsetzen hervorruft, wie bei ihren kapitalistischen Verbündeten. Aber ohne, wird es nicht gehen.

Generell wäre man durchaus, also theoretisch, unverbindlich, bereit, sagen laut einer Umfrage zumindest 74% der Deutschen. Auf das tägliche Stück Fleisch würden noch die meisten verzichten, beim Auto in den Innenstädten nur noch knapp die Hälfte. Beides wäre noch am einfachsten. Steigende Spritpreise dagegen lehnen weit über 2/3 ab. Beim Auto hört der Spaß bei den Deutschen auf, es stimmt schon aus der Begeisterung für „Kraft durch Freude“ wurde ein „Freude am Fahren“. Der Fanatismus wurde für den Preis besiegt, fast nahtlos in den Fetish für ein lebloses Objekt überzugehen. Und auch wenn immerhin noch knapp die Hälfte steigende Flugpreise akzeptieren würden, wäre hierzulande bei der überfälligen Besteuerung von Flugzeugtreibstoff die Hölle los, weil man sich nur noch einen, statt der gewohnten drei Flugreisen leisten könnte. Berechnet man bei dieser Umfrage noch den Faktor mit ein, dass eine Anzahl der Teilnehmer nicht die Wahrheit gesagt hat, sondern jene Antwort wählten, die sie für „sozial erwünscht“ gehalten haben, lässt sich folgern: Die Deutschen wollen den Planeten retten, aber ohne irgendetwas dazu beizutragen.

In der Regel kommt an dieser Stelle zielsicher die „Aber die anderen“-Argumentation. Warum sollen wir Plastiktüten verbieten, obwohl wir damit im Vergleich zu Indien oder China doch gar nicht ins Gewicht fallen? Warum die wenigen verbliebenen Jobs in der Kohle opfern, wo doch woanders sogar neue Kohlekraftwerke gebaut werden?

An dieser Stelle kommen noch einmal die Ergebnisse von Versuchen ins Spiel, die uns die Tragödie des Gemeingutes vor Augen führen. Diese tritt dann ein, wenn immer mehr Teilnehmer genau diesem Argument folgen: Wenn der das nicht macht, muss ich das doch auch nicht machen. Das ist das einzige Argument, das aus oben genannten Fragen herausgezogen werden kann. Man könnte es auch anders formulieren, wenn andere es nicht machen, dann mache ich das auch nicht, ist mir doch egal, dass ich mich verhalte wie ein kleiner egoistischer Hosenscheißer. Hauptsache mir geht’s gut. Scheiß doch auf die paar Pazifikinseln, die sollen halt nach Australien. Und die anderen Klimaflüchtlinge, kümmern wir uns später. Geht mich vielleicht ja auch schon nichts mehr an.

Jetzt könnte man mir natürlich vorwerfen, ich schwinge die Moralkeule. Nö, nicht aus meiner Sicht. Aus meiner Sicht befolge ich zwei urkonservative Werte:

  1. Das Richtige zu tun, ist ein Wert für sich. Das Richtige tut man, weil es richtig ist. Der persönliche Nutzen hat nichts damit zu tun, ob etwas richtig oder falsch ist.
  2. Jeder trägt für sich und die Gesellschaft eine Verantwortung, die er so gut er kann zu erfüllen hat. Und wenn das für ihn persönliche Opfer bedeutet, dann gewinnt er dennoch, weil er dem Ganzen dient.

Und Herrgott nochmal, nein, es ist kein verficktes Menschenrecht drei Mal im Jahr in den Urlaub zu fliegen. Fragt mal eure Großeltern oder Urgroßeltern. Und fragt sie nebenbei auch mal, ob es jeden Tag ein saftiges Steak zum Abendessen gab. Oder wie sie es geschafft haben mit nur einem Auto, oder, kaum auszudenken, gar keinem Auto, ihr Leben zu organisieren. Ging … echt. Der Unterschied war nur, sie haben etwas aufgebaut, während wir uns heute komplett auf das konsumieren verlegt haben. Wer etwas aufbaut, ist bereit Widerstände zu überwinden und auf Dinge zu verzichten, wer wie der heute Mensch nur noch konsumieren kann, erwartet, dass ihm die gebratenen Hähnchen in den offenen Mund fliegen.

Heute aber ist der Mensch darauf geeicht nach mehr zu streben. Und obwohl es eigentlich keine logische Herausforderung ist, sich der Gewissheit der Endlichkeit von Ressourcen bewusst zu werden, führt nicht einmal die intellektuelle Akzeptanz dieser Tatsache zu einer Umkehr. Statt dessen macht man es sich einfach, eben mit dem Hinweis auf qualmende Kohlekraftwerke in China. Unser überragender Intellekt hat uns zu der dominierenden Spezies dieses Planeten gemacht, nun aber sind wir der Gefahr erlegen, unsere Bequemlichkeit über den Intellekt zu stellen. Wahrscheinlich haben wir verdient, was auf uns zukommt …

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