Der Konservative — Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

Die Selbstzerstörung der CDU

Lange schien es so, als könne allein die CDU den Mythos Volkspartei noch am Leben halten. Das hat sich jetzt erledigt.

Die Aufbruchsstimmung der CDU befindet sich noch im Archiv. Damals, vor ein paar Monaten, als man die Dinge noch richtig gemacht hat. Die CDU wagte das riskante Spiel drei Kandidaten gegeneinander um den Vorsitz wetteifern zu lassen. Ein Vorgang den man sonst nur noch den Grünen zutrauen kann, weil er bei allen anderen Parteien zweifellos zur Spaltung zwischen den Anhängern des Siegers und jenen des Verlierers führen würde. In der CDU ging es gut. Friedrich Merz war ein guter und anständiger Verlierer – ohne irgendeine Sympathie für ihn zu haben, hat er dafür meinen aufrichtigen Respekt – und Annegret Kramp-Karrenbauer war die neue Hoffnungsträgerin der Partei. Besser noch, als sie von der Rückeroberung der 40% sprach – da hat tatsächlich keiner gelacht.

… und dann kam dieses Youtube-Video. Wir wissen glaube ich inzwischen alle, von welchem Video wir reden.

Der jungen Generation muss man das jetzt erklären, die glauben ja, die CDU sei dazu da, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibt. Die CDU war auch mal dazu da echte Politiker, wie Konrad Adenauer zum Bundeskanzler zu machen. Ursprünglich war sie sogar dazu da einen maßgeblichen Beitrag zur Überwindung der Konfessionsschranken zu leisten, daran erinnert sich ja heute bestenfalls noch meine Oma dran. Was ich damit sagen will, die CDU gibt es schon ziemlich lange. Das sind Profis, das ist keine „Och, ich gründe jetzt mal eine Partei mit Öko, Tierschutz und Yoga“-Partei.

Youtube? Besorgt mal jemand die Einschaltquoten von dem Sender?

Als Rezo allerdings sein Video bei Youtube veröffentlichte, zeigte sich eine entscheidende Schwäche der professionellen Marketingabteilung der CDU. Die wussten, wie man für die Partei echt geile Werbung machen muss – allerdings, na ja, mit einem Zielpublikum … da sind wir wieder bei meiner Oma. Ein Video von einem jungen Youtuber, darauf war niemand vorbereitet. Genauso gut hätte es eine Übertragung von Alpha Centauri sein können, die CDU-Strategen wären genauso ratlos geworden. Und ab diesem Moment begann eine Kette von Entscheidungen und Äußerungen, die von außen betrachtet anmutete, wie ein Wettbewerb darin wirkt, wie sich das Richtige zu überlegen, um dann genau das Falsche zu machen.

Reaktion Nummer 1: Aussitzen – Mist, das haben jetzt schon ein paar Millionen geguckt.

Reaktion Nummer 2: Hah, wir haben doch da diesen U30-Abgeordneten, der soll auch so ein Video machen.

Reaktion Nummer 3: Hat er schon gemacht? Ich weiß nicht, sollen wir das zeigen. Nein lieber nicht.

Reaktion Nummer 4: Ein 11 Seiten langes PDF, in dem wir alles wiederlegen, genau das machen wir jetzt.

Das Problem, die Widerlegung wurde schneller widerlegt, als mancher das PDF überhaupt lesen konnte. Schlimmer noch, man konnte sogar nachweisen, dass die CDU teilweise schlicht Copy & Paste betrieben hatte – und entscheidende Stellen einfach weggelassen hat:

REZO stürzt CDU durch YouTube in Krise!

Die CDU hat (nach einer Woche Chaos) ein 11-seitiges Statement veröffentlicht, mit dem sie die Kritik des YouTubers Rezo verstummen lassen wollen. Das Dokument ist eine einzige Frechheit. Falls du das liest, Rezo: Spar dir die Einladung der CDU. Es scheint mir, sie nehmen dich IMMER noch nicht ernst.► Keine neuen Beiträge verpassen & abonnieren / folgen: FACEBOOK: @Rayk AndersYOUTUBE: http://www.youtube.com/raykanders TWITTER: http://www.twitter.com/raykanders TUMBLR: http://raykanders.tumblr.com INSTAGRAM: @raykanders ► „Headlinez“ ist Teil von #funk. Schaut‘ mal rein: YouTube: https://www.youtube.com/funkofficial funk Web-App: https://go.funk.net Facebook: https://facebook.com/funk https://go.funk.net/impressum

Gepostet von Rayk Anders am Freitag, 24. Mai 2019

Und als ob das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, stellte sich die einstige Hoffnungsträgerin AKK noch hin und gab die beleidigte Leberwurst. Am Ende sei die CDU auch noch an den 7 Plagen im alten Ägypten schuld. Die Äußerung an sich war semi-intelligent, weil man dadurch nichts anderes als Trotzigkeit demonstrierte und ziemlich unsouverän wirkte. Und dann kam noch hinzu, dass AKK zwar Vorsitzender einer Partei mit dem C für Christlich im Namen ist, aber offenbar die 10 Plagen im alten Ägypten nicht von den 7 Plagen in der Offenbarung unterscheiden kann. Das steht nicht mal im gleichen Testament.

Die Angriffe auf die Glaubwürdigkeit von Rezo wiederum blieben ebenfalls nicht unbeantwortet. Was folgte war ein weiteres Video, in dem sich Deutschland Influencer-Elite mit ihm solidarisierte.

Hatte die CDU in der Diskussion um Uploadfilter und Artikel 13 schon demonstriert keinerlei Kontakt mit der jungen Generation mehr zu haben, konnte man jetzt endgültig davon ausgehen, dass die Jugend ihr Kreuz überall machen würde, nur nicht bei der CDU. Das Ergebnis bei der Europawahl war dementsprechend. Die CDU verlor, die Grünen als der neue-alte Liebling der Jugend legte kräftig zu.

Wer hat noch’ne dümmere Idee?

Wer eine Schlacht verloren hat, dem ist zu raten sich über die Gründe klar zu werden, damit er die Fehler nicht erneut begeht. Statt dessen postete CDU-Staatssekretär Thomas Bareiß dann:

Ich muss zugeben, ich habe ihm geistig daraufhin schon den Preis für die dümmste Reaktion des Tages verliehen. Aber, ich habe dich Rechnung ohne Kramp-Karrenbauer gemacht:

Yep, dümmer geht’s nicht mehr! (Hoffe ich, wirklich!!!!) Gut, man muss anerkennen, nachdem sie gemerkt hat, dass sie da von einer Einschränkung der Meinungsfreiheit gesprochen hat, ist sie wieder zurückgerudert. Aber a) war das nun kein Ausrutscher, sondern die trotzige Reaktion sich als Opfer darzustellen, und b) belegt sie damit, dass man bei der CDU noch immer nicht verstanden hat, was diese Internet Neuland ist. War die erste Reaktion noch „Was, ein Video auf Youtube? Komm, wir haben echte Probleme“, lautet das neue Motto „Rezo = FAZ und Süddeutsche zusammen“. Häh? Ja, Influencer haben einen gewissen Einfluss, vorwiegend auf ihre Fangemeinde. In der Regel nutzten sie diesen, um ihrer Fangemeinde was zu verkaufen – also indirekt. Aber letztlich sind es eben auch Bürger, die ihre Meinung auch im politischen Zusammenhang äußern. Sie haben nur eine digitale Reichweite, die analog so nicht machbar ist. Aber dennoch könnte man ebenso fragen, darf jemand zum Beispiel auf dem Marktplatz nur solange seine Meinung äußern, bis ihm zu viele zuhören? Und schlimmer noch, zuhause davon erzählen?

CDU – Nach uns die Sintflut

Die Digitalisierung verändert unser Leben, und als dessen Bestandteil auch unsere Kommunikation. Einige haben das begriffen, andere eben nicht. Wenn jene, die es nicht begriffen haben, jetzt aber nach Regulierungen rufen, um sich künftig vor Schäden zu schützen, ist das ein Weg genau in die falsche Richtung. (In die wir in Deutschland zwar ohnehin marschieren, aber man muss ja nicht noch einen Zahn zulegen.) Abgesehen davon war in Sachen Youtube-Influencer für die CDU ja vor der Bundestagswahl noch alles in Ordnung, weil jene sich bei einem Interview mit Angela Merkel handzahm zeigten (um es freundlich zu formulieren).

Jana Highholder (Screenshot: Youtube)

Ein Kollege hat heute den Vorschlag gemacht, die CDU könnte sich ja auch einen Influencer für sich einspannen. Was aber natürlich auch gefährlich ist, man muss sich nur Jana Highholder ansehen, die von der Evangelischen Kirche eingespannt wurde, und sich zum Entsetzen der Offiziellen als waschechte Christin herausstellte und nicht Positionen einer wischiwaschi Kirche vertritt. Für eine Partei, die im Augenblick nicht so wirklich weiß für was sie stehen soll, wäre das sicher auch nicht besonders ratsam.

Unterm Strich ist das vernünftigste was die CDU jetzt tun kann, kräftig in die medizinische Versorgung zu investieren und die Renten zu verdoppeln, also natürlich nur jene, die jetzt ausgezahlt werden. Ich meine jene, auf deren Kosten das gehen würde, hat man ja ohnehin schon verloren. Außerdem, die gehen ohnehin in einer Welt in Rente, die dank des Klimawandels sowieso nicht mehr so dolle ist. Aber diese Strategie hätte zumindest den Vorteil, dass man noch ein paar Jahre vorne mitspielen kann. Vielleicht hat AKK ja zufällig auch eine andere Erzählung in der Bibel gelesen, als sie das mit den Plagen nachschlagen musste, und der CDU ein neues Motto verpasst: CDU – Nach uns die Sintflut

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