Das Problem mit den Einzelfällen …

… liegt schon im Wort „Einzelfälle“. Plural, nicht Singular, wie es ein eigentlicher Einzelfall sein sollte.

Die rechte Twitterfront scheint mir im Laufe der Zeit etwas abgestumpft geworden zu sein. Twitter ist quasi per Definition die Digitalisierung des „eine Sau durchs Dorf treiben“. Ich selbst folge bei Twitter auch einigen Accounts, die noch weit rechts von mir stehen (was übrigens natürlich auch für die andere Richtung gilt), und eigentlich bekomme ich jede Aufwallung mit, wenn etwa ein Flüchtling in Deutschland durch eine Gewalttat auf sich aufmerksam macht. Neulich war in der Nebenspalte der Zeitung ganz klein zu lesen, dass in Magdeburg ein Asylbewerber zwei junge Leute zusammengeschlagen hat, woraufhin ihn die Polizei festnahm und in eine Psychiatrie brachte – aus der er sich dann am nächsten Morgen selbst entlassen hat. Etwas länger ist ein Fall in Chemnitz her, bei dem ein Asylbewerber eine Sozialhelferin vergewaltigte und vor Gericht kam. Das Gericht sah die Vergewaltigung zwar als erwiesen an, weil aber die Sozialhelferin plötzlich einen Rückzieher machte, und aussagte, sie wisse nicht, ob sich der Mann darüber bewusst war, dass er sie vergewaltigte, verließ er das Gericht als freier Mann. Ich bezeichne das als typische Fälle, die gerade bei Twitter die Erregungskurve schneller als man bis drei Zählen kann nach oben treibt. Doch keiner dieser Fälle erregte irgendeine größere Wallung.

Die Reaktion darauf wäre leicht vorhersehbar gewesen: „Ein Einzelfall“

Eine ähnlich Reaktion kam gestern, als ich bei Facebook die abscheuliche Aussage von Ali B. im Mordfall Susanna gepostet habe. Und ich habe ihr auch zugestimmt – aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gelange ich zu der Überzeugung, dass wir aufhören sollten weiter von Einzelfällen zu sprechen.

Das liegt schon in der verlierenden Kraft des Argumentes. Je öfter es fällt, desto weniger ist es wert. Erst ein Einzelfall, dann zwei Einzelfälle, dann…. Als vor ein paar Wochen die Kriminalitätsstatistik veröffentlicht wurde, kursierte in der rechtskonservativen Presse vor allem eine Grafik der Vergewaltigungen in Deutschland. Das als schicksalshaft stilisierte Jahr 2015 war der Beginn eines starken Anstiegs der Fälle, zwar ist die Zahl inzwischen wieder gesunken, liegt aber immer noch deutlich über dem Stand vor 2015.

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Gerade Menschen die zwischen Weltoffenheit und offenen Grenzen keinen Unterschied finden können, argumentieren besonders gerne mit dem Einzelfall. Das Argument hat für sie einen praktischen Nutzen, es kratzt nicht an ihrem ideologischen Bild. Denn wenn der Täter ein Einzelfall ist, dann ist auch nur diese individuelle Person das Problem.

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Wir können also rein logisch längst nicht mehr von Einzelfällen reden, das wir es tun, ist mehr ein Selbstschutz des eigenen Weltbildes. Das Problem ist aber, wir können auch nicht den Umkehrschluss ziehen, und die Taten vieler Personen aus einer Gruppe auf die gesamte Gruppe anwenden. Denn die Mehrheit der Flüchtlinge in Deutschland verhält sich absolut gesetzeskonform. Es ist eine Minderheit, die diese Taten anrichtet. Und wenn wir sie nicht als Einzelfall für Einzelfall betrachten, sondern als eine Minderheit (also eine Gruppe innerhalb ihrer Gruppe), dann erkennen wir Muster und Gemeinsamkeiten. Und nur wenn die Gesellschaft diese Tatsachen auch als solche akzeptiert, kann man etwas dagegen unternehmen.

In diesem speziellen Fall ist das natürlich schwer, ohne den Weg des politisch Korrekten zu verlassen. Denn auch Ali B.’s Aussagen sind letztlich nur die Pervertierung eines MenschenFrauenbildes, das im Ganzen mit jenem kollidiert, das sich in der westlichen Gesellschaft durchgesetzt hat. Und das herrschende Konzept des Multikulturismus lautet nun mal, die Kulturen nebeneinander bestehen zu lassen. Auch offiziell wird viel von Integration gesprochen, defacto ist sie im System aber gar nicht vorgesehen. Und manch Fälle lassen sogar befürchten, dass es multikulturelle Stimmen gibt, die nicht einmal auf die Einhaltung geltender Gesetze besteht, wenn der Täter (übrigens muss man in diesem Fall merkwürdigerweise nie gendern, oder?) sich auf seine eigene Kultur beruft. Dieses, die eigenen kulturellen Werte als minderwertig und schuldbeladen zu betrachten, macht es ja selbst jenen schwer sich zu integrieren, die das von sich aus wollen. Ironischerweise, aber wenig überraschend, kommt eine deutsche Kultur im Konzept des Multikulturismus ja auch gar nicht vor.

Wer aber weiterhin stets von einem Einzelfall nach dem anderen spricht, läuft aber eben auch nicht Gefahr, sich dieser Erkenntnis zu stellen.

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