Das System Greta – Vielleicht könnte es funktionieren

Alljährlich wiederholt sich in Davos dasselbe Spiel. Die Nicht-Demokraten machen Apres Ski, die Demokraten sehen sich langweilige Vorträge an. Aber dann war da noch Greta Thunberg.

Die schwedische Schülerin Greta Thunberg ist inzwischen auch ein Gesicht, das man in Deutschland kennt. Spätestens, seit ihr BILD den selten dämlichen Namen „Öko-Pippi“ verpasst hat. Aber auch, weil auf ihre Initiative die Schülerstreiks in Deutschland zurückgehen, machte sie doch zuerst von sich reden, als sie selbst in den Schulstreik trat, um auf diese Weise für den Umweltschutz zu demonstrieren. Doch wer in die Öffentlichkeit tritt, der setzt sich auch der Öffentlichkeit aus. Und die kann mitunter inzwischen recht brutal sein. Aber das war schon immer die Konsequenz, wenn jemand nicht nur sieht, dass etwas falsch läuft, sondern auch dafür eintritt, es zu ändern. Diese aktive Entscheidung für die eigenen Überzeugungen derart einzutreten, sollte jedem an sich, unabhängig von diesen Überzeugungen, Respekt abverlangen. Mitunter unterscheidet Greta schon allein dieser Mut, von der großen Masse der Kritiker, die jetzt ihre digitalen Eimer voll Häme und Spott entleeren.

Der Umweltschutz im Allgemeinen, und die Leugnung des Klimawandels im Speziellen, waren für mich schon immer eines der deutlichsten Zeichen, wo das libertäre Gift den Konservativismus angegriffen hat, und bei vielen weiter rechts stehenden Konservativen bis hin zu der tatsächlich rechten Radikale offenbar – oder leider – wirkt. Waren es einst Konservative, die ihre Verantwortung für die Natur ernst nahmen, es als Aufgabe betrachteten, die Schöpfung zu bewahren, wurde dies schon vor Jahrzehnten sang und klanglos an die grüne Linke abgetreten. Mit der AfD ist heute sogar eine Partei angetreten, in der aktive Realitätsverweigerung in Sachen Klimawandel en vouge ist. In deren Jargon ausgedrückt, verbirgt sich dahinter aber nichts anderes als Volksverrat zugunsten einer wirtschaftlichen Elite. Es wundert also wenig, das auch Greta Thunberg im Kreuzfeuer von Angriffen aus dieser Richtung steht.

Da will mancher das Jugendamt einschalten, andere rufen Kindesmissbrauch. Wieder andere nennen sich psychisch krank, während ein andere Gruppe vorgibt, sie schützen zu wollen, weil sie als Person instrumentalisiert wird, um deren Ziele zu propagandieren. In diese Kerbe schlägt etwa auch Dr. Deutsch bei den Saloonkolumnisten, der Greta als „Influencerin“ abtut und schreibt:


Für die einen ist sie eine Ikone, eine Jeanne d‘Arc des Klimas, für die anderen eine lebendig gewordene Chucky die Mörderpuppe mit Bund-deutscher-Mädchen-Frisur. Damit fängt es an und damit sollte es schon aufhören. Ein gerade erst 16 Jahre alt gewordenes Mädchen sollte nicht in eine solche Position gebracht werden. Auch dann nicht, wenn es das so will. 

Quelle: www.salonkolumnisten.com

Er bezieht sich dabei auf einen liberalen Blogger, der sich nicht zu schade ist, seinen Artikel zu dem Thema gleich mit einer Hitler-Anspielung zu beginnen (siehe hier) und einer bei Facebook veröffentlichen Karikatur. Es ist wie meistens, Leute, die von anderen (fälschlicherweise) mit den Nazis gleichgesetzt werden, behaupten sie wären von den neuen Nazis verfolgt, die meist identisch mit jenen sind, von denen sie selbst als Nazis bezeichnet werden. Klingt verwirrend, aber so ist das heute eben.

Was auch diese Menschen erregt, ist die Radikalität – oder ist es schon Verzweiflung? – mit der Greta ihre Botschaft verkündet:

Das wird dann mitunter als Panikmache bezeichnet, was durchaus nicht einer gewissen Ironie entbehrt, die Michael Blume in seinem Beitrag Wem gehört die Angst? sehr gut ausarbeitet. Dabei muss man wohl tatsächlich den Klimawandel leugnen, um derart zu denken, denn wer dies nicht tut, ist völlig ersichtlich, dass Grund zur Panik besteht.

Wir sprechen bekanntlich viel über die desinteressierte und lethargische Jugend, die sich mehr für das neue Smartphone interessiert, als für die Zukunft – selbst wenn es die eigene ist. Insofern sind Jugendliche wie Greta tatsächlich Ikonen der Hoffnung. Aber eben auch die 1.000 Schüler, die selbst hier in Würzburg auf die Straße gingen, um darauf aufmerksam zu machen, dass es ihre Zukunft ist, die hier zerstört wird. (Und nebenbei bemerkt, dass es Schulen gab, die ihren Schülern wegen Fernbleiben des Unterrichts tatsächlich einen Verweis nach Hause schickten, ist nur ein schriftlicher Beleg dafür, dass man das System nicht ändern kann, wenn man sich an die Regeln des Systems hält. Sie sollten die Verweise behalten und eingerahmt als Mahnung an die Wand hängen – und auch ein wenig als Auszeichnung.)

Das Elite, einig mit den rechtspopulistischen Kräften, die angeblich ja gegen die Elite kämpfen, derart reagieren, ist in gewisser Weise aber auch ein Zeichen der Hoffnung – denn es ist ein Zeichen ihrer Angst. Denn auch wenn die Eimer voller Häme und Spott gegen Greta gefüllt sind, so ist sie doch als Symbol strahlender und weniger angreifbar, als organisierte oder politische Vertreter. Weshalb einige, wie beschrieben, ja jetzt schon den Umweg gehen müssen, sie als deren Instrument (und Opfer) darzustellen.

Im Allgemeinen ist sich die Gesellschaft, und sind sich auch die politischen Verantwortlichen bewusst, dass es 5 vor 12 ist – und das wir eher von 5 Sekunden, als 5 Minuten sprechen – was den Klimawandel angeht. Wer ein gewisses Maß an Verstand und Vernunft sein eigenen nennt, und wem Verantwortung kein Fremdwort ist, der weiß, das wir in einer Zeitphase leben in der die Verantwortlichen mit den Auswirkungen der Umweltzerstörung noch einigermaßen (über-)leben können. Die folgende Generation dieser Luxus aber verwehrt werden wird, wenn wir nicht jetzt handeln. Und mit Verlaub, von „handeln“ kann nicht die Rede sein. Was auch daran liegen mag, dass die Generation, deren Zukunft wir zerstören, eine anonyme Masse ist. Es ist ein wenig wie die jetzige Rentnergeneration, die ihre eigenen Enkel unterstützen wo es geht, aber bei Wahlen dennoch jenen Parteien ihre Stimme geben, die Politik nur für die älteren Generationen macht, auf Kosten der Jugend.

Greta Thunberg aber gibt dieser anonymen jungen Generation ein Gesicht. Und das macht sie in der Tat zu einer Gefahr für die einen – aber auch zu einer Hoffnung für die anderen.

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