Der Konservative — Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

Der #Brexit und das trojanische Pferd

Das Brexit-Chaos ist perfekt. Kein Wunder eigentlich, ist das doch die beste Idee, seit die Bewohner von Troja ein großes Holzpferd in ihre Stadt gezogen haben.

Man muss tatsächlich lange in der Geschichte der Menschheit suchen, bis man einen passenden Vergleich für die Brexit-Entscheidung der Briten gefunden hat. Ich meine Donald Trump ist in maximal acht Jahren vorbei. Er kann viel Porzellan zerschlagen, aber einiges davon werden andere beim Aufräumen wieder zusammenkleben können. Der Brexit aber wird Auswirkungen über Jahrzehnte haben, wahrscheinlich sogar länger. Diese Entscheidung war weitreichend, ähnlich wie damals, als die Bewohner von Troja dachten, das große Holzpferd vor den Mauern der Stadt sei ein Geschenk der abgezogenen Griechen. Wer sich ein bisschen auskennt (oder letztes Jahr die Serie auf Netflix gesehen hat) weiß, dass das nicht unbedingt ihre beste Idee war.

Man mag die Brexit-Befürworter ja verstehen. Brüssel ist ein Bürokratie-Ungetüm, das manche Entscheidung vielleicht mit gutem Willen treffen mag, was aber die Entscheidung trotzdem fraglich erscheinen lässt. Das EU-Parlament hat sich von einem Abschiebeplatz für nationale Politiker zu einem Parlament gewandelt, das Lobbygruppen unterwürfig entgegentritt, wie der Sklave seiner Domina. Oder statt einer knallharten Anhörung mit Mark Zuckerberg lieber eine Selfie-Session mit dem Facebook-Gründer veranstaltet. Europa ist derzeit so abgetakelt, das es fraglich ist, ob Zeus nochmal das Stierkostüm überwerfen würde.

Und dennoch, niemand kann ernsthaft bestreiten, dass die einzelnen Mitgliedsländer von ihrer EU-Mitgliedschaft profitieren. Auch wenn es immer heißt, man würde nur Geld nach Brüssel zahlen, unterm Strich springt wirtschaftlich ein Gewinn heraus. Das galt für Großbritannien, ebenso wie es für Deutschland jetzt gilt. Zudem muss man Europa nicht lieben, aber ein Blick auf die geopolitische Situation legt mehr als nahe, dass nur ein Verbund europäischer Staaten auf der Weltbühne noch mitspielen kann – oder sich zumindest noch behaupten mag. Die wegen ihrer paar Inselchen im Atlantik noch immer zu kolonialem Größenwahn neigenden Briten scheinen das ebenso wenig verstanden zu haben, wie jetzt die AfD und ihre Dexit-Idee. Dabei würde es ausreichen, AfD-Chef Alexander Gauland, sonst so geschichtsbeflissen, würde einmal bei Bismarck nachschlagen. Die EU ist heute nichts anderes, als die moderne Version jener Bündnispolitik, die der vielleicht größte deutsche Kanzler wie ein Meister in einer anderen Liga betrieben hat.

Statt dessen spielen die Briten Geisterfahrer auf der Autobahn. Sie hören im Radio, das ein Geisterfahrer unterwegs sei, blicken durch die Windschutzscheibe und murmeln vor sich hin: „Ein Geisterfahrer? Mir kommen Dutzende von Geisterfahrern entgegen.“ Eine sichtlich überforderte Premierministerin handelt einen Deal aus, der Großbritannien einen möglichst glimpflichen Exit verschaffen soll. Was man wohl weniger ihrem Verhandlungsgeschick zuschreiben sollte, als der Gutmütigkeit der EU. Jenseits heute kursierender Meldungen von RT deutsch, Angela Merkel habe gesagt, man solle ein Exempel an den Briten statuieren. (Leute, Russia Today ist genauso wie Wikipedia keine seriöse Nachrichtenquelle.) Doch statt die ausgestreckte Hand zu nehmen, schlug das britische Parlament diese heute komplett aus. Weil einige denken, No-Deal sei besser, als dieser Deal. Nope, in der EU zu bleiben, das wäre besser.

Rettung von der Opposition ist nicht zu erwarten. Der ewiggestrige Alt-Linke und Antisemit Jeremy Corbyn will den Brexit eigentlich auch, vor allem will er aber Neuwahlen, um dann selbst Premierminister zu werden. Das ist ungefähr so, als hätte auf der Titanic jemand gemeutert, um das Kommando des sinkenden Schiffs zu übernehmen. Das kann man schon machen, es deutet aber doch eher auf einen geringen IQ hin.

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Was uns einst bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Vorbild in Sachen Demokratie genannt wurde, hat sich zum Paradebeispiel dafür entwickelt, das die Demokratie in ihrer heutigen Form nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Während im Alltag Entscheidungen von Lobbyisten-Etats abhängig geworden sind, werden wegweisende Entscheidungen auf Basis von Fake News und einem besseren Mobilisierungstalent getroffen. Das das Volk sich so entschieden hat, mag ein hoher Wert sein. Wenn man allerdings sieht, dass es eine 50:50 Entscheidung mit einem knappen Sieger war, hätte man auch auf die andere Hälfte eingehen sollen. Statt dessen wurden die Verhandlungen mit der EU zu einer reinen Angelegenheit der konservativen Partei. Einer Partei, die das Label „Konservativ“ nur schwerlich verdient, besteht sie doch eher aus degenerierten Eliten, die an den Fortbestand des Empires glauben. Nostalgischer Größenwahn in ein Parteiprogramm gegossen. Eine zweite Abstimmung blockt man mit den Worten ab, dass Volk habe doch schon entschieden, man wolle es nicht noch mehr spalten. Dahinter steckt eher die Angst, dass die Entscheidung zwar immer noch knapp, aber dennoch anders ausfallen könnte. Der ein oder andere Brite dürfte vielleicht geheilt sein, weil er sich gefragt hat, warum sich die Welt über die britischen Politiker nur noch lustig macht und Figuren wie Boris Johnson auf der anderen Seite des Kanals irgendetwas zwischen peinlich berührtem Mitleid und Unverständnis hervorrufen.

… und jetzt?

Wie es jetzt weitergeht, ist erst einmal offen. Am wahrscheinlichsten wird die EU erst einmal – wenn Großbritannien denn anfragt – den Austritt Ende März verschieben. Die Frage ist nur, wozu? Kann Corbyn einen besseren Deal aushandeln? Wohl kaum, einzig seine Chancen ihn durchs Parlament zu bringen, könnten bei einer neuen Mehrheit besser sein.

Im Grunde sollte die EU aber gar nichts tun!

Gebt den Briten, was die Briten verdienen: den harten Brexit! Lasst ihre Wirtschaft absacken, das britische Pfund bedeutungslos werden, die Arbeitslosigkeit steigen. Wer Scheiße baut, und alle Ratschläge und Hilfsangebote in den Wind schlägt, muss die Scheiße eben alleine aufräumen.

Um mich nicht falsch zu verstehen. Ich würde mir wünschen, Großbritannien würde in der EU bleiben. Und ich hoffe/träume davon, dass zumindest Schottland bald in die EU zurückkehrt. Der Brexit wird auch die EU treffen. Deutschland verliert einen Verbündeten gegenüber den südeuropäischen Ländern, das wird sich ebenfalls bemerkbar machen. Kurz, die EU braucht Großbritannien, vielleicht nicht so stark, wie Großbritannien die EU braucht, aber sie braucht die Briten. Nur wenn die Engländer, und es sind ja vorwiegend die Engländer, nicht wollen, dann wollen sie eben nicht. Wie Wolfgang Schäuble sagen würde, irgendwann isch over. Großbritannien hat über Jahrzehnte hinweg eine Sonderbehandlung bekommen. Und wer schlägt sich schon freiwillig mit undankbaren Gören herum?

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Sollen die Briten doch bizarren Gestalten wie Jacob Rees-Mogg folgen und zusehen, wie sie Donald Trump bei einem Handelsabkommen trotz der Special Relationship knallhart über den Tisch zieht. Europa hat genug Probleme.

Und vielleicht ist der Brexit am Ende ja auch vorteilhaft, weil am lebenden Objekt vorgeführt, was bei einem EU-Austritt passiert. Wobei wir inzwischen in so dichten Filterblasen leben, dass man bei EU-Gegnern wahrscheinlich behaupten wird, es sei ein wärmendes Feuerchen, wenn die Insel in Flammen steht.

Ich bin kein glühender Europäer, aber Europa ist mehr als eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Es ist eine Vernunftentscheidung, an der das Schicksal Deutschlands unweigerlich gebunden ist. Und von einer großen Vergangenheit, wird man weder in der Gegenwart, noch in der Zukunft satt. Diese Lektion werden die Briten lernen müssen. Sie sind selbst schuld.

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