Märchen – Es braucht wieder Mut für mehr Gewalt

… und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Und was war vorher? Nix, was man noch erzählen sollte.

Wenn es um das Thema Märchen und Gewalt geht, erzähle ich immer gerne die Geschichte, dass die Gebrüder Grimm bereits die Märchen für ihre Sammlung geglättet haben. So manche Gewaltdarstellung wurde gestrichen, und auch – Sex. Im eigentlich ja französischem Rotkäppchen, ist jenes eben doch nicht so brav und bieder, und am Ende – so die Moral, von der Geschicht – kommt auch der Jäger, mit seinem rettenden Messer nicht.

Im Vergleich zu den besorgten Eltern von heute, waren Jakob und Wilhelm Grimm allerdings noch eiskalt. Blut durfte nur selten Fehlen. Auch mal als Selbstkasteiung, indem sich junge Mädchen die Fersen abschnitten, um in ihre Schuhe für den Ball beim Prinzen zu passen. Stiefmütter waren für die Kinder ihres neuen Mannes ungefähr genauso gefährlich, wie ein neuer Löwe als Rudelführer für die Jungen einer Löwin – sie waren meist tödlich. Allerdings wurden Stiefmütter am Ende für ihre Bosheit am Ende auch bestraft, man erinnere sich an die böse Königin aus Schneewittchen. So etwas findet heute nur noch in den exquitesten Foltergefängnissen.

Für Kinder aber, für Kinder ist das doch nichts mehr. Bei den Stiefmüttern kann man das logisch begründen. Eine Gesellschaft, in der Patchwork zum Familienideal erhoben ist, würde sich mit einem negativen Stiefmutterbild selbst ins Bein schießen. Was die abgeschnittenen Fersen betrifft? Nun, was manches kleine Mädchen später als junge Frau tut, um äußerlich zu gefallen, da ist das Abschneiden von Fersen fast noch harmlos.

Und das ist der Punkt. Märchen sind Märchen, aber dennoch sind sie keine Lügengeschichten. Sie sind prototypische Erzählungen, die als fantastisches Genre eben doch auch die Realität abbilden. Und wenn wir bei den abgeschnittenen Fersen bleiben, dann hat sich zwar das Geschehen in der Realität verändert, aber nicht in der Ursache. Wer also glaubt, seinen Kindern nur noch die weichgespülten Versionen von Märchen zumuten zu können, will ihnen letztlich nicht die Realität zumuten. Und nur ein Dummkopf glaubt, den Kindern wäre damit ein Gefallen getan.

Märchen sind eine Chance die Kinder auf das Schlechte vorzubereiten, in einem geschützten Bereich und auf eine abstrakte Weise. Wer diese Chance verstreichen lässt, und sein Kind deshalb irgendwann unvorbereitet mit der Grausamkeit der Welt konfrontiert werden lässt, hat einen Fehler gemacht. Und viel zu viele Kinder stoßen früher als uns lieb ist auf realte Gewalt und realen Missbrauch. Sollten wir ihnen dazu nicht zumindest ein wenig Rüstzeug mitgeben. Aus einer US-Serie stammt der schöne Satz:

Märchen lehren Kinder nicht, dass es Monster gibt, das wissen Sie schon. Märchen lehren Kinder, dass man Monster besiegen kann.

„The Mentalist“

Und damit wir uns auch richtig verstehen. Es geht mir nicht darum, das es bei Pippi Langstrumpf keinen Negerkönig mehr gibt. Man mag über die politisch-korrekte Formulierung streiten, aber nur in den seltensten Fällen dürfte eine Abänderung der Geschichte an sich den Sinn nehmen. Wer Märchen aber nur noch weichgespült erzählt, der erzählt eine sinnlose Geschichte.

1 Kommentar zu „Märchen – Es braucht wieder Mut für mehr Gewalt

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