2018 – Das Jahr, in dem ich das System ad acta gelegt habe

War das 2015, oder 2016, oder doch 2017, als man sich allgemein einig darüber war, dass das Jahr nur Mist gewesen ist, und es nur besser werden kann?

Ja, so schlecht lief 2018 vielleicht gar nicht. Es gab keinen großen Anschlag, oder zumindest keinen, der eine Größe erreicht hätte, die über das Maß der Gewöhnung hinausgegangen wäre. Es gab einen Tsunami, aber der war nach zwei Tagen wieder aus den Medien verschwunden. Dann hatte auch der letzte Journalist aus dem Westen gemerkt, dass es zu wenige Touristen unter den Toten gab. So richtig Kacke lief das Jahr eigentlich nur für die SPD, aber auch hier hat der selige Rudi Carrell recht … und Schuld daran ist nur die SPD. Aber ich finde, es ist auch ein wenig wie in Der Schuh des Manitu, irgendwie ist man mit der Gesamtsituation nicht zufrieden. 2018 ist das Jahr, in dem für mich gerade in Gesellschaft und Politik vieles offensichtlicher wurde. Dinge, die eigentlich immer schon so waren, aber die noch vor ein paar Jahren vertuscht wurden, waren jetzt nicht mal mehr der Lüge wert. Ich hatte das ja hier schon mal auf den Punkt gebracht: Früher hatte die Regierung zumindest noch den Anstand uns zu belügen. Eine Regierung, die die Legislative ausgeschaltet hat, eine Kanzlerin, die Entscheidungen ihrer Partei ignoriert und dafür auf dem Parteitag noch mit Applaus als Vorsitzende verabschiedet wird. In dieser Richtung ließe sich viel erzählen.

2018 lässt mich mit dem Gefühl zurück, dass das System endgültig nicht mehr funktioniert. In selben Maße, in dem jede noch so argumentativ begründete Kritik an der repräsentativen Demokratie mit dem Vorwurf gekontert wird, man sei Faschist, Kommunist oder ein Kommunistennazi, zeigt sich auch ihr Versagen.

Der Brexit etwa. Wann in der Geschichte ist ein ganzes Volk schon mal so sehenden Augens gegen die Wand gefahren? Das Ausblenden der Brexit-Folgen durch die Briten wird gerade noch so von den Klimaleugnern übertroffen – aber sowas von hauchdünn. Und dennoch erfreuen sich dort Politiker hohen Ansehen, die das Schiff mit voller Wucht auf den Eisberg zusteuern. Man jubelt noch immer Männern wie Jacob Rees-Mogg zu, der mit seinem geradezu grotesken Auftreten den Glauben vertritt, Großbritannien sei noch immer ein Empire – sein eigenes Vermögen aber lieber schon mal auch in Irland in der EU in Sicherheit bringt. Der Brexit ist ein Paradebeispiel dafür geworden, dass es keine Schwarmintelligenz gibt, dafür aber offenbar eine Schwarmdummheit. Und ja, ich bin mir völlig bewusst 50% der britischen Wähler damit zu beleidigen. Das liegt aber daran, das die Hälfte der britischen Wähler halt doof sind. Ja, doof, saublöd. Für den Brexit zu stimmen ist ungefähr genauso intelligent, wie jene Amerikaner die eine Krankenversicherung für den ersten Schritt zum Kommunismus halten, oder an ihren Waffengesetzen festhalten, weil sonst die Königin von England sich ihre Kolonien zurückholen könnte.

Wir leben in einem System, in dem demokratische Entscheidungen nur mehr noch aufgrund populistischer Werbekampagnen getroffen werden. Es zählen keine Argumente, es zählt der bessere Agitator, Werbespot und wer die besten Social Media Skills hat. Manipulation, statt Information. Und der Wähler lässt sich treu doof zur Schlachtbank führen …

Zumindest aber wird er in diesem Fall noch manipuliert. Ein Aufwand, der offenbar immer weniger gemacht wird. An einem Tag in der Wahlperiode hat der Wähler das Recht einen Sonntagnachmittag zu opfern, damit man ihm das Gefühl vermitteln kann, seine Stimme hätte Gewicht. Dabei scheint er immer mehr dazu verdammt aus einem Pool von Politikern und Parteien auswählen zu müssen, von denen es nur noch zwei Gruppen gibt: Populisten und Politikern, die von der Elite vorbestimmt sind, weil sie den Argumenten von Lobbyisten wenig entgegensetzen. Vergangen sind die Zeiten, in denen es noch Politiker gab, die zumindest eine eigene Agenda hatten. In einer marktkonformen Demokratie liegt der Primat nicht mehr bei der Politik, sondern der Ökonomie.

Die Diesel-Affäre ist ein gutes Beispiel dafür. Die Autoindustrie betrügt ihre Kunden und sitzt bei der Festlegung des Strafmaß selbst mit am Tisch. Sie gibt sich nicht einmal reumütig, während der ihr ergebene Bundesverkehrsminister dem Wahlvolk Rätsel aufgibt, weil er die Entscheidungen derart inbrünstig präsentiert, das sich unweigerlich eine Frage stellt: Hat der Mann keine Würde mehr, oder glaubt er tatsächlich, was er da sagt? Und im Ausgleich für die „Mithilfe“ der Autoindustrie, verschickt dann eine Bundesbehörde Werbebriefe an Dieselfahrer, in denen diese aufgefordert werden, sich doch ein neues Auto zu kaufen. Betriebsamkeit von politischer Seite wird nur dann sichtbar, wenn es darum geht die Messstationen anders zu platzieren oder gegen die Deutsche Umwelthilfe vorzugehen, die mit ihrer Klagewelle auf Einhaltung der Gesetze besteht und die Untätigkeit einer Autoindustrie bloßstellt, die wusste, dass es so kommen wird, sich aber nicht vorbereitete – wozu auch, Politiker sind kostengünstiger zu haben.

Das alles funktioniert nur noch, weil eine ausreichend große Schicht der sich für gut informiert haltenden von Bürgern weiter dem Glauben nachhängt, es sei wichtig wählen zu gehen. Wenn wir aber von Friedrich Merz wirklich etwas gelernt haben, dann die schlichte Tatsache, dass die Aktie weit mehr Einfluss garantiert, als der Wahlschein. Merz empfiehlt Aktien freilich offiziell nur zur Altersvorsorge, in einem Land das auf eine Rentenkatastrophe zusteuert, weil sich niemand traut das Umlagesystem gegen ein funktionierendes System auszutauschen. Weil die Kurzsicht der Politiker einzig sicherstellen will, dass es den heutigen Rentnern noch halbwegs gut geht – oder zumindest so wenige von ihnen ihre Rente durch das Herausfischen von Pfandflaschen aufbessern müssen, dass sie an den Mülleimern keine Schlangen bilden.

Es geht uns doch gut!

Unterdessen predigen die Medien, es ginge uns so gut wie nie zu vor. Deutschland steht so gut da, wie nie zuvor. Gar die ganze Welt. Man versucht krampfhaft das Bild zu zeichnen, dass das System funktioniert, aber eben niemand erwarten kann, dass es das perfekt tut. Allein blühende Landschaften in Afrika sucht man vergebens, auf den Müllhalden der per Schiff angekarrten Abfälle Europas blüht es nicht so richtig auf. Und die zunehmende Zahl prekär beschäftigter Deutscher lässt eher vermuten, es geht uns statistisch gut, weil ein paar wenige überproportionale Gewinne einfahren, während selbst der Vollzeitangestellte zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik sinkende Reallöhne nach Hause bringt. Auch weil neben der Politik die Gewerkschaften nichts mehr taugen, und sich mit der Drohung von Arbeitsplatzverlusten gegen alles und jeden aufhetzen lassen. Der DGB scheint seine Hauptaufgabe inzwischen eher darin zu sehen, den Kampf gegen Rechts zu führen – oder was auch immer er als rechts definiert. Wohl auch, weil neue rechte Splittergewerkschaften in den großen Unternehmen der Republik inzwischen eine namhafte Zahl an lukrativen Betriebsratsposten gewonnen haben.

Unterdessen geht die Umwelt zugrunde. Die jetzige Generation lässt die Chance verstreichen, die Welt zu retten. Nachhaltigkeit ist ein nettes Werbelabel, mehr aber auch nicht. Das System funktioniert durch Wachstum, Wachstum durch steigenden Verbrauch, steigender Verbrauch bei endlichen Ressourcen ist eine dumme Idee. Hier und da wird symbolisch etwas beschlossen. Strohhalmen aus Plastik geht es in der EU an den Kragen, was allerdings außer der Bestätigung von Vorurteilen gegenüber Europa keinerlei Auswirkungen haben wird. China, Indien, Afrika spülen das Plastik ins Meer, Unmengen mehr davon. Aber wie soll das System funktionieren, wenn wir dort jetzt Konsumverzicht predigen? Der Linksliberale springt dem Kapitalisten bei und spricht von der europäischen Schuld aus der Kolonialzeit. Dabei profitiert von dem dortigen Wachstum noch mehr als bei uns, allein eine kleine Elite, die weit weniger Anstrengungen aufbringen muss ihre Bevölkerung zu dominieren, als das in der westlichen Gesellschaft der Fall ist. Was sie vermutlich bereits unter der Herrschaft der Kolonialherren auch getan haben. Der westliche Schuldkult bringt den Armen in den ehemaligen Kolonien rein gar nichts, er befriedigt nur den masochistischen Genuss einer analfixierten linksliberalen Schicht, die in den westlichen Gesellschaften tonangebend ist. Das darf man so natürlich nicht formulieren, ebenso wenig wie zu erwähnen, dass dank den Spaniern Inka und Azteken aufgehört haben Kinder als Menschenopfer zu betrachten, und die Briten den Indern beigebracht haben, das Witwen zu verbrennen keine opportune Möglichkeit ist Rentenausgaben zu sparen.

Dabei gärt es inzwischen auch in den westlichen Gesellschaften. Der Siegeszug des rechten Populismus ist nur die offensichtlichste Ausprägung. Leider bietet er durch seine in Teilen schlicht sozialdarwinistisch-rassistischen Ansichten der Elite auch genug Ansatzpunkte ihn zu verdammen. Und damit ebenfalls die Möglichkeit andere Kritiker mundtot zu machen, in dem man sie in die rechte Ecke stellt. Aktuell wird etwa gerade der Widerstand der Gelbwesten in Frankreich mit Antisemitismusvorwürfen abgedrängt, weil man insgeheim befürchtet, die Wut sei inzwischen so groß, dass sie nicht einfach wieder verschwinden wird, wie die Protestcamps vor den Banken nach der Wirtschaftskrise irgendwann wieder verschwunden sind. Dort demonstrieren keine jungen Leute mehr, die sich schon noch vom System formen lassen, wie all die linken Revoluzzer von 1968, sondern tatsächlich die Bevölkerung. Hart arbeitende Menschen, oder jene, die es wollen, aber nicht können oder dürfen. Normale Menschen, die nicht gegen steigende Benzinpreise demonstrieren, weil ihnen die Umwelt egal ist, sondern weil sie sich dann den Sprit nicht mehr leisten können. Benzin, das sie benötigen, weil sie von einer dem System treu ergebenen linksliberalen Konsumentenschicht aus den Städten und aus der Nähe ihrer Arbeitsplätze vertrieben wurden – die Mieten sind im Nirwana eben erschwinglicher. Nur muss man dann eben jeden Morgen lange Fahrtwege in Kauf nehmen.

Unterdessen arbeitet die Elite kräftig an der Diversifizierung der Gesellschaft, munter werden ganze Schichten aufgrund etwa ihrer Sexualität definiert. Je mehr desto besser. Je zersplitterter das Ganze ist, desto eher lässt es sich gegeneinander ausspielen. Das Ziel ist erreicht, wenn jeder seine eigene Ich AG geworden ist, die ihre eigenen Interessen verfolgt und möglichst gar nicht mehr erkennen kann, dass man nur gemeinsam etwas ändert. Das Ergebnis nennt man dann Kompromiss, und beklagt durch die systemtreuen Medien dann laut, dass das Wort „Kompromiss“ einen schlechten Klang bekommen hat. Dabei spüren die Menschen nur, dass das was einst ein Kompromiss war, heute nur noch die vor Beginn der Verhandlungen festgelegte Einigung darstellt, an der sie selbst nicht beteiligt wurden und nur die Konsequenzen zu tragen haben.

Aber will man von den etablierten Medien anderes erwarten. Einst waren Zeitungen gedruckte Worte im Kampf für die Freiheit, heute sind es Wirtschaftskonzerne, mit Angestellten die hoffen durch besondere Linientreue bei der nächsten Zusammenlegung von Redaktionen noch einen Job zu haben. Wenn die von den alten Medien gedissten neuen Medien im Internet tatsächlich einen Wert an sich haben, dann ist es jener, dass ihre Macher wieder nahe an dem Ideal sind, das einst die Macht der Presse begründete. Erst kommt die Nachricht, dann das Geld.

Und Weimar lässt doch grüßen

Und wenn dann warnend das Wort „Weimar“ fällt, wird betont, dass sich die Situation heute davon grundlegend unterscheidet. Ich habe mich in letzter Zeit viel mit den Büchern und Analysen der damaligen Zeit beschäftigt. Vor allem Büchern wie Die Herrschaft der Minderwertigen von Edgar J. Jung. (Vorsorglich als Steigbügelhalter der Nazis diffamiert, obwohl er eines ihrer ersten politischen Opfer war.) Das Buch liest sich in ganzen Passagen wie eine Analyse des heutigen Deutschlands, von der Finanzelite, über Parteien bis hin zu einer Gesellschaft, die unterbewusst spüren mag, dass etwas falsch läuft, sich aber in einen betäubenden Konsum stürzt. Und damit gleichzeitig eine jener Transformationen vollzieht, die vor einigen Jahren nur eine drohende Entwicklung in Science Fiction Romanen war, der Bürger wird zum Konsument.

Wir wissen wie Weimar geendet hat. Mit Blut und Tod – und einer traumhaften Gewinnspanne für die Industrie. Während des Krieges ließ sich auf allen Seiten mit Kriegsgerät gut verdienen, nach dem Krieg musste ja wieder alles aufgebaut werden. Den Preis zahlte die Bevölkerung … mit ihrem Leben.

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Dabei steht das System so felsenfest wie nie zuvor, dass es von innen heraus nicht mehr zu reformieren oder besiegen ist. Die Methoden Kritiker, die sich allein der Argumente bedienen, mundtot zu machen ist perfektioniert. Die Illusion einer freien Meinungsäußerung wird zwar aufrecht erhalten, der Diskursraum innerhalb der sie stattfinden kann, ist aber immer enger gefasst. Das lässt die Elite allerdings mit einer gewissen Nervosität auf die Gelbwesten blicken, weshalb die Berichterstattung zurückgeht – um die Bedeutung herunterzuspielen – und negativer – um die Sympathien zu schmälern – wird. Anders als die sich in Protestcamps versammelnde Jungend, ist die Wut hier so groß, dass Gewalt eine Option erscheint. Und erschrocken nimmt die Elite in Frankreich zur Kenntnis, dass erste – nicht systemkonforme – Intellektuelle bereit sind diese Gewalt zu rechtfertigen.


Deshalb ist für mich die Gesellschaft 2019 dem Abgrund einen Schritt näher gekommen. Und ich komme nicht umhin festzustellen, dass dies auch vollkommen berechtigt ist.

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