Buchkritik: Warum schweigen die Lämmer?

Leben wir wirklich in einer echten Demokratie? Oder ist die repräsentative Demokratie des Westens nur ein Machtinstrument der Elite? 

Dieser Tage dürften die Gedanken von Professor (em) Rainer Mausfeld zumindest im Bezug auf die Bewerbung von Friedrich Merz um den CDU-Vorsitz recht leicht zu lesen sein. Friedrich Merz‘ Rückkehr in die Politik dürfte er als weiteren Beleg für seine These werten, dass die von ihm beschriebene Elite immer unverschämter von der Demokratie Besitz ergreift. Und in der Tat spricht Friedrich Merz‘ Engagement bei Blackrock, das mehr Geld verwaltet, als die Bundesrepublik, ebenso Bände für seine Verstrickungen in die globalisierte Wirtschaftselite, wie seine Beziehungen zur HSBC, der gerade französische Behörden nur deshalb nicht habhaft werden, weil sich die Bank mehr oder weniger unter den Schutzschild der Chinesen gerettet hat.

Mausfeld selbst ist umstritten. Der Verschwörungstheorien-Forscher Michael Butter hält seine Thesen für sein Fachgebiet, verschwörungstheoretisch. Milosz Matuschek von der Neuen Züricher Zeitung hingegen hält ihn für einen „Volksaufklärer in der Denktradition Humboldts, Deweys und Chomskys, der minuziös dechiffriert, was sonst viele Bürger nur als Grundgefühl hegen“. Mit seinem Buch „Warum schweigen die Lämmer?“ hat Rainer Mausfeld zumindest ein linkes Manifest gegen eine neoliberale Elite verfasst, die seiner Ansicht nach die wahren Machthaber im Westen sind. Die repräsentative Demokratie ist für ihn nur ein Synonym für die marktkonforme Demokratie – von der ja auch einst Angela Merkel erstaunlich offen sprach – und eigentlich auch keine Demokratie mehr. Statt der Souverän zu sein, habe das Volk nur alle paar Jahre die Gelegenheit aus einem vorher festgelegten Pool an Politikern eine neue Auswahl zu treffen. Wahlkampf hätte eher mit Entertainment zu tun. Und wenn Wahlen überhaupt einen Zweck erfüllen würden, dann die Veränderungsenergie (Wut) des Wahlvolkes von einem Ziel, auf ein anderes zu lenken. Aber eben nicht auf die globalisierte Finanzelite darüber. Oder wie er es beschreibt:

Die Mitwirkung der Parteien bei der politischen Willensbildung reduziert sich auf ein mit staatlichen Mitteln und mit industriellen Großspenden finanziertes Produkt-Marketing medial lizenzierter politischer „Positionen“.

Quelle: Warum schweigen die Lämmer?

Das er dabei oft die ökonomische Fachsprache verwendet, ist nicht weiter verwunderlich. Seine Schlussfolgerung ist eine radikale Kapitalismuskritik.

[Das] neoliberale Projekt […] zielt auf die Schaffung eines neuen Menschen, der seine freiwillige Knechtschaft als höchstes Glück ansieht.

Quelle: Warum schweigen die Lämmer?

Wie dieser „neue Mensch“ aussehen soll, davon hat Mausfeld eine genaue Vorstellung. Der Bürger soll endgültig zum Konsumenten werden. 

Bei der Lektüre von „Warum schweigen die Lämmer?“ stellen sich zwangsläufig zwei Fragen bzw. zwei Herausforderungen für den Autoren:

  1. Ist die These einer herrschenden Elite belegbar?
  2. Warum begehrt das Volk nicht dagegen auf? Sprich, warum schweigen die Lämmer?

Kenntnisreich, sowohl neoliberaler, wie linker Autoren, versteht Rainer Mausfeld beide Fragen zu beantworten. Das Buch führt nicht nur zahlreiche Belege an, deren Erklärung tatsächlich nur in einer herrschenden Elite liegen können. Und er findet auch überzeugende Erklärungen, warum dem so ist. Beinahe ebenso viel Zeit wendet er dann für die Erklärungen auf, warum das System dennoch funktioniert. Neben ihrer Marktkonformität, erzählt er eben auch von der gelenkten Demokratie.

Ein System, dem es zudem gelungen ist, jegliche Alternative entweder als undemokratisch oder unpraktikabel zu brandmarken. Dem linken Mausfeld schweben als Alternativen natürlich Demokratieformen vor, die die Macht dem Volke zurückgeben. Eine der Schwächen des Buches wird hierbei aber offensichtlich. Weder arbeitet der Autor diese Alternativen aus, noch bringt er, abgesehen von ein paar am Rande und nicht weiter erläuterten Studien, wirkliche Belege für die Funktionalität der demokratischeren Alternativen. Die von rechts kommende Anti-Liberalismuskritik hat es da einfacher, indem sie die herrschende Elite einfach durch eine verantwortungsvollere Elite ablösen möchte.

Solche Gedanken sind dem Linken natürlich fremd, letzten Endes zählt er wohl auch die AfD zu den Kartellparteien. Oder sieht sie zumindest als Partei in neoliberaler Tradition. Der einzige tapfere Widerstand leistet seiner Ansicht nach die Linke. Weshalb sie konsequenterweise auch zum Hauptfeind des Systems wurde. In ihr sieht er die letzten Vertreter der Aufklärung.

Von jener Aufklärung, und ihrem Streben nach echter Demokratie, berichtet Mausfeld geradezu erstaunlich ausführlich, zumindest wenn man bedenkt, das er sich allein auf das Wort „Aufklärung“ bezieht, aber keinen Vertreter , noch eine These konkret benennt. So umgeht er zumindest für unwissende Leser ein Hauptproblem der Linken in Sachen Aufklärung. Er muss sich nicht damit auseinandersetzen, das die Aufklärung sozusagen die Wurzel des Neoliberalismus selbst ist. Ein Voltaire, übrigens ein erfolgreicher Geschäftsmann, hatte mit Demokratie nicht viel am Hut. Ihm schwebte eine straffe Monarchie vor, in der die Aristokratie durch eine neue Klasse an wohlhabenden Intellektuellen ersetzt werden sollte. Das mit der Monarchie hat sich zwar erledigt, der Rest von Voltaires Vision kommt der Realität aber doch ziemlich nahe.

Doch trotz aller linken Schwächen und Träumereien ist „Warum schweigen die Lämmer?“ ein lesenswertes Buch, für all jene, die einen Blick hinter den Vorhang werfen wollen. Und die verstehen wollen, warum die Lämmer schweigen.

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