Die Engländer und Helene Fischer

Es gibt auch 2018 Tabus. Niemand wird zugeben BILD zu lesen, bei McDonalds essen zu gehen … oder Helene Fischer zu hören. Und dennoch, Millionen tun es.

Endlich sind wir wieder wer. Jetzt, wo Angela Merkel von der Führerin des Westens zu „lame duck“ wird, rettet sozusagen Helene Fischer den Deutschen die Erstklassigkeit. In der Forbes Liste der bestverdienenden Sängerinnen bricht sie in die Phalanx des US-Pops ein, und lässt gar Britney Spears hinter sich (Las Vegas hin oder her). In Deutschland schafft man es mit so einer Nachricht auf den Titel der BILD, im Rest der Welt fragt man sich verwirrt „Helene who?“.

Das hat sich auch der britische Guardian gefragt und prompt zu recherchieren angefangen. So kann’s gehen. Gestern bist du noch die von Stiftungsgeldern finanzierte Snowden-Enthüllungsplattform, und dann googelst du „Helene Fischer“. Na ja, besonders gut gelaunt schien Laura Snapes beim schreiben von Helene Fischer, schlager superstar: the richest singer you’ve never heard of  auf jeden Fall nicht gewesen sein.

Zwar muss auch Snapes den Erfolg von Helene Fischer anerkennen, findet aber für ihre Musik das schön Wort des „Bierhalle Pop“. Was mich fürchten lässt, dass der durchschnittliche Engländer immer noch glaubt die Deutschen würden nur arbeiten, Kriegsvorbereitungen treffen und zur Entspannung ein paar Maß Bier trinken. Auf der anderen Seite ist es ein ehrenhafter Versuch den Erfolg des deutschen Schlagers ergründen zu wollen, woran schon der ein oder andere deutsche Musikkritiker gescheitert ist. (Wahrscheinlich gibt es keine logisch Erklärung, man muss es einfach akzeptieren.) Am Ende hilft sich die Autorin damit, den Schlager mit Country Music zu vergleichen. Helene Fischer hätte dem Schlager aber ein „synth-pop“ Update verpasst, als wäre sie die deutsche Taylor Swift.

But where Swift’s pop evolution made her cool, it is hard to overstate how little critical love there is for Fischer’s frankly awful music.

Laura Snapes
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Wie jetzt, Helene Fischer’s Musik ist schrecklich? Und Kritiker mögen sie nicht? Na ja, nicht falsch. Warum Laura Snapes Helene Fischer ganz besonders nicht mag, stellt sie auch klar: Es ist das Frauenbild, dass die Fischer verkörpert:

the faithful woman whose heart skips and breath stops when she thinks of her devoted man, playing up her feminine feebleness to inspire his protective instincts.

Laura Snapes

Um es kurz zu machen, im großen und ganzen ist sich die Kolumnistin vom Guardian mit dem deutschen linksliberalen Feuilleton einig. Hatte der Schlager als Musik, die man nur im einfachen Volk mögen kann, dort schon immer einen schweren Stand, verkörpert Helene Fischer nicht einmal ein modernes Frauenbild. Schlimmer noch, in der oversexten Welt von heute macht sie auf brav sexy, gerade noch familientauglich, statt auf Dominalook wie Britney Spears zu setzen, oder sich das Bühnenoutfit per Latexspray anzuziehen, wie es Katy Perry tut. (Niemand kann mir erzählen, dass ein lebendiger Körper mit Knochen da rein kommt.) Und am aller, wirklich aller schlimmsten, sie hat keinen Migrationshintergrund. Okay, sie ist Russlanddeutsche, aber a) wollen die manchmal ja deutscher sein als die Deutschen, und b) deutsch-russisch zu sein ist vielleicht schon irgendwie ein Migrationshintergrund, aber auf keinen Fall ein cooler. Da kommt das Ghetto nicht durch, nix arabisches – das einzige, was Helene Fischer wütend machen könnte, ist, dass sie wie einst Roy Black eigentlich gar keinen Schlager machen wollte.

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Kurzum, Helene Fischer ist zu deutsch. Vor allem ist sie aber wie der Schlager zu altmodisch. Schlagerpartys hin oder her. 

Dabei macht sie ihren Job hervorragend. Denn der besteht nicht daraus überhebliche Kritiker des globalisierten Feuilletons zufriedenzustellen, sondern ihre Fans. Von denen sie ja offensichtlich jede Menge haben muss, hätte sie es doch sonst nie in jene Forbes Liste geschafft. Offensichtlich muss sie diesen mit ihrer Musik und ihren Shows etwas geben, und sei es nur für eine Stunde gute Unterhaltung, in der sie den mühevollen Alltag vergessen können. Diese Fans scheinen allerdings wohl wirklich jene einfachen Leute zu sein. Und eines kann man über ihre Kritiker mit Sicherheit sagen, sie richten sich nicht an, und schon gar nicht halten sie sich für einfache Leute.

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