Hätte die Monarchie gerettet werden können?

Am 9. November jährt sich die Abdankung Kaiser Wilhelms II und die Ausrufung der Republik zum 100. Mal – aber war der Weg in die Demokratie ein Automatismus?

Vom heutigen Standpunkt aus gesehen würden die meisten Deutschen wohl sagen, der Weg in die Demokratie nach dem 1. Weltkrieg war vorgezeichnet. Die Absolutheit der Aussage liegt aber auch darin, dass wir darauf geeicht sind, die Demokratie als einzig gute Staatsform zu sehen, und uns das Hinstreben auf die Demokratie deshalb selbstverständlich vorkommt. Doch 1918 war nicht 2018, und gerade in Deutschland war auch in breiten Bevölkerungsschichten die Demokratie nicht das herbeigesehnte Ziel. Historisch gesehen war die erste deutsche Demokratie tatsächlich ein Glücksfall. Rückblickend wurde weniger die Demokratie erkämpft, sondern die Monarchie verspielt – von ihren Hauptstützen.

Allen voran natürlich der Kaiser selbst. Wilhelm II mochte moderner Technik ausgesprochen positiv gegenüber eingestellt sein, gesellschaftlich ging sein Blick weit zurück. Seine Position als Kaiser hätte er wohl am Liebsten absolutistisch ausgefüllt, da die Verfassung ihm dies aber verwehrte, war er zumindest bis zuletzt von seinem Gottesgnadentum überzeugt. Das hat wohl stark dazu beigetragen, dass ein Rücktritt für ihn undenkbar schien – auch wenn er in mancher schwachen Stunde durchaus bereit schien es hinzuwerfen, ernsthaft hat er es wohl nie erwogen. Und in seinem Umfeld hat es ihm auch nie jemand wirklich nahegelegt. Dabei führen Historiker an, dass es dort zwar etwa in Person der Kaiserin Überzeugungstäter gab, andere aber sehr wohl die Situation weit realistischer einschätzten. Sie wussten um die Stimmung im Volke, die sich längst gegen den Kaiser gewandt hatte. Sie behielten es für sich, notierten es lediglich in ihre Tagebücher oder sprachen erst Jahre später darüber.

Zu allem Überfluss kam auch innerhalb der Hohenzollern ein Ränkespiel zum Vorschein, spekulierte der Kronprinz doch auf einen Thronverzicht seines Vaters, um selbst den Thron besteigen zu können. Dabei übersah Friedrich Wilhelm aber wie sein Vater, wie unbeliebt auch er bei den Deutschen längst geworden war. Und in der Tat war in den Szenarien der Reichsregierung in Berlin zur Rettung der Monarchie ab einem gewissen Zeitpunkt immer der Thronverzicht von Vater und Sohn vorgesehen. Das Deutsche Reich sollte von einem Reichsverweser regiert werden, bis ein neuer Hohenzoller den Thron bestieg. (Ein Modell, das später in Ungarn Anwendung fand.)

Hätte ein solches Modell am Ende funktioniert? Es ist nicht auszuschließen, den mit Max von Baden als letzten Reichskanzler der Monarchie war ein Mann an die Spitze der Regierung gelangt, der erstmals mit, statt gegen das Parlament regierte. Zu seinem Kabinett gehörte auch ein Philipp Scheidemann von der SPD, weit wichtiger war aber die Unterstützung von Friedrich Ebert. Ebert, später der erste Reichspräsident der Weimarer Republik, war zu diesem Zeitpunkt zwar ein überzeugte Sozialdemokrat, aber auch ein – wie der Historiker Lothar Machtan es ausdrückte – „Vernunftsmonarchist“. Von der Demokratiereife der Deutschen war er alles andere als überzeugt, und seine größte Sorge galt der USPD und den drohenden russischen Verhältnissen. 

Max von Baden und Friedrich Ebert waren auf der politischen Bühne jedoch eher tragische Figuren in jenen Tagen, zumindest wenn man davon ausgeht, dass beide zwar Reformen , aber dennoch den Status quo und damit prinzipiell die Monarchie erhalten wollten – nur eben mit mehr Machtbefugnisse für die gewählten Abgeordneten. Sie waren durchaus in Besitz eines machbaren Planes, sie hatten die alten Eliten und eine Mehrheit im Parlament hinter sich. Sie waren aber auch Getriebene und letztlich Gelähmte der eigenen Angst. Vor allem scheiterte Max von Baden allerdings daran dem Kaiser gegenüberzutreten und auf dessen Abdankung zu drängen. Ironie der Geschichte, erst als alles zu spät war setzte er den Kaiser selbst ab, nur um danach heim nach Baden zu fahren.

Die militärische Führung schlug sich nicht besser. Hindenburg und Ludendorff galten für nicht wenige damals gar als die wahren Herrscher im Land. Hindenburg, Held von Tannenberg, militärischer Genius – wobei dieser Genius so genial nicht war und im übrigen Ludendorff hieß. Spätestens seit frische amerikanische Truppen in den Kampf eingriffen, war jedes Siegchance dahin. Stattdessen warfen Hindenburg und Ludendorff noch immer Soldaten auf die Schlachtbank, um in sinnlosen Durchbruchsversuchen die unabwendbare Niederlage doch noch zu verhindern. Bis es nicht mehr ging, war die Parole „Der Krieg kann gewonnen werden“, der zwar weder die Bevölkerung noch die politische Führung Glauben schenken, an die aber gerade der Kaiser nur zu gern glauben wollte. Und als die militärische Führung die Niederlage doch eingestand, begann sie gleichzeitig an jener Dolchstoßlegende zu stricken, die wie ein Damoklesschwert über der Weimarer Republik hängen sollte. Schuld sollte die politische Führung sein, und koste es auch den Untergang der Monarchie.

In Kiel hatten die Matrosen schon gemeutert, in Bayern war der Freistaat ausgerufen. Erst dann begannen politische und militärische Führung einen letzten Versuch zu handeln. Das Militär setzte dem Kaiser ein Ultimatum und drängte ihn zur Flucht nach Holland. Unabhängig davon setzte Max von Baden den Kaiser ab. Die ursprünglichen Pläne allerdings, die ihn als Reichsverweser, und Friedrich Ebert als Reichskanzler vorgesehen hätten, waren da schon Makulatur. Die Revolution hatte begonnen. Der alte Kanzler zog sich zurück, der neue Kanzler begann den Kampf um die Macht mit der USPD.

In den Tagen zuvor hatten jedoch alle die Monarchie verspielt. Ein Kaiser, der zu starrsinnig war. Eine alte Elite, die sich dem Widerspruch nicht bewusst war, das man sich nicht tatenlos an die eigene Macht klammern konnte. Eine politische Führung ohne Mut. Eine militärische Führung ohne Verantwortungsgefühl. Gut möglich, hätte nur eine dieser Parteien anders gehandelt, das Deutschland noch heute eine Monarchie wäre und Europa einiges erspart geblieben wäre.

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