Foucault’s Diskurspolizei im Einsatz

Weil eine linksliberale Buchhandlung auch drei Bücher des neu-rechten Antaisos-Verlages verkauft, möchte Vorzeige-Feministin Margarete Stokowski dort keine Lesung mehr abhalten.

München ist generell nicht so mein Fall. Und beim Stichwort Schwabing fällt mir nur ein ausgezeichnetes äthiopisches Restaurant ein, in dem ich vor einiger Zeit mal war. Dort gibt es aber auch die Buchhandlung Lehmkuhl, die man ebenso wie ihren Geschäftsführer Michael Leming wohl als linksliberal bis links bezeichnen kann. In diesem Spektrum fühlt sich auch Margarete Stokowski zuhause, die als Feministin dank Büchern und Zeit-Kolumne gerade zu einer Alice Schwarzer ihrer Generation aufsteigt. (Wobei „Emma“-Gründerin und Ur-Feministin Alice Schwarzer natürlich seit ihrer Äußerungen patriarchischen arabischen Kultur für ihre Nachfolgerinnen inzwischen ohnehin zum roten Tuch geworden ist.)

Ein rotes Tuch für Stokowski sind übrigens auch Veröffentlichungen aus dem Verlag Antaisos, bei dem man glaube ich immer noch nicht weiß, ob ihn Götz Kubitschek, Vordenker der Neuen Rechten, jetzt wirklich verkauft hat, oder doch nur einen PR-Coup zur letzten Frankfurter Buchmesse landen wollte. However, die bei Antaisos erschienen Bücher nicht zu mögen ist nachvollziehbar. Auch Michael Leming mag sie sicher nicht, hat sie aber dennoch in einem Regal über neu-rechte Literatur stehen – eingerahmt von linker Sekundärliteratur. Oder mit anderen Worten, es ist auf den ersten Blick nachvollziehbar, dass es Leming darum geht sozusagen die auslösenden Faktoren ebenfalls zugänglich zu machen. Getreu dem heute in Vergessenheit geratenen Motto, nicht über etwas zu reden, sondern auch zu kennen, worüber man redet.

Für Margarete Stokowski allerdings war das zu viel, eine bereits vereinbarte Lesung für Ende diesen Monats wurde abgesagt. Interessanterweise wollte zunächst auch Leming den wahren Grund der Absage verschleiern, in dem er angeben wollte, die Autorin sei erkrankt. Am Ende entschied er sich aber dennoch den wahren Grund öffentlich zu machen: Margarete Stokowski störte sich am Verkauf der Bücher von Antaisos. Sie teile zwar auch die Auffassung, dass man sich über diese Bücher informieren müsse, aber damit waren die Gemeinsamkeiten auch erschöpft.

Der Fall hat das Potential zu einem klassischen Beispiel deutscher Debattenkultur zu werden, vielleicht auch spezifisch linker Debattenkultur, gibt es doch selbst innerhalb der neu-rechten Szene zumindest Freunde der alten linken Klassiker á la Marx. 

Marc Reichwein bringt es in der Welt auf den Punkt:

Margarete Stokowski will für eine freie, offene, feministische Gesellschaft stehen. Mit ihrer Absage steht sie eher für betreutes Denken. Du sagst mir, was du liest (oder zum Lesen empfiehlst), und ich sage dir, ob du das darfst, wenn du noch mit mir sprechen willst. Foucault nannte das Diskurspolizei.

Quelle: welt.de (Paid)

Es ist das alte Problem, nach der Meinungsfreiheit ein hohe Gut ist, solange die Meinungen der eigenen Meinung entsprechen. Weicht die Meinung von der eigenen Meinung jedoch ab, ist es mit der Meinungsfreiheit nicht mehr weit her. 

Für ihren konsequenten Kurs dürfte Margarete Stokowski in der eigenen Filterblase wahrscheinlich für ihre Absage bejubelt werden. Ein Hinterfragen dieser Haltung dürfte bei ihr also nicht zu erwarten sein. Die Probleme, die sich aus ihrer Haltung ergeben, sind jedoch vielfältig.

Da wäre zum einen natürlich, dass Götz Kubitschek über dieses links-internes Zerwürfnis mit Blick auf seine Absatzzahlen durchaus erfreut sein wird, denn die Diskussion bzw. deren Verweigerung ist letztlich auch ein Werbegeschenk für den Antaisos Verlag. Und damit auch eine Bestätigung der neu-rechten Ansicht, dass nicht jede Meinung die gleichen Rechte hat, sondern es eben auch Meinungen gibt, die unterdrückt werden sollen. 

Mit ihrer Haltung möchte Margarete Stokowski aber natürlich auch über ihre eigene Anhängerschaft hinaus wirken, in dem sie verhindern will, dass der Antaisos Verlag neue Leser findet. Selbst dann, wenn diese Leserschaft wie in diesem Falle auf eine Einordnung des linken Lagers zurückgreifen kann. Sie sieht darin eine Gefahr. Und das durchaus zurecht. Bücher sind gefährlich, wahrscheinlich sind alle guten Bücher gefährlich. Was aber noch gefährlicher ist, ist es sie verbieten zu wollen, oder zumindest den Zugang zu ihnen einzuschränken.

Ein solches Verhalten zeigt übrigens nicht allein ein gestörtes Verhältnis zur Meinungsfreiheit, es entblößt auch die Angst, die eigenen Ideen könnten bei Lesern nicht mehr auf ungeteilte Zustimmung stoßen, sobald er die Möglichkeit hat, auch die Gegenpositionen kennenzulernen. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.