Freiburg: Wie Politik und Polizei im Nachhinein versagen

Obwohl die Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau in Freiburg vor wenigen Tagen aus dem medialen Wahrnehmungsspektrum schon wieder verschwunden ist, lohnt es sich die Reaktionen von Politik und Polizei noch einmal anzusehen.

Sage noch einer, die Innenminister dieses Landes wären nicht lernfähig. Während Ex-Innenminister Thomas de Maizière einst zugab, das er Dinge wüsste, die die Bevölkerung verunsichern würden, sah sein baden-württembergischer Kollege auf der Pressekonferenz nach der Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau in Freiburg seine Aufgabe auch darin erst einmal klar zu stellen, dass sonst alles in Ordnung sei und das nach der Vergewaltigung und Ermordung der Studentin Maria L. 2016 besser geworden ist. 

Der Polizeipräsident von Freiburg im Breisgau Bernhard Rotzinger wich in einem Spiegel-Interview von dieser Beruhigungstaktik ab, als er zugab, man könne nicht jede Tag verhindern. Eine Ehrlichkeit die man schätzen kann, dumm nur, dass er wahrscheinlich auch folgende Aussage so meinte: „Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen.“


9 von 10 Männern die sagen „Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen.“, sagen auch „Zieht euch keine Miniröcke an, damit es nicht so aussieht, als würdet ihr es wollen“.


Ich glaube tatsächlich, dass Bernhard Rotzinger das ehrlich gemeint hat, und auch gut, es ist aber einer der dümmsten Sätze, die in diesem Zusammenhang fallen können. Und gerade ein Polizist sollte diesen Satz niemals gebrauchen. Aus zwei Gründen …

Zum einen liegen in dieser Aussage tatsächlich nach wie vor die alten Vorwürfe gegen das Opfer, selbst Anteil daran gehabt zu haben, Opfer zu werden. Die Aussage ist nicht sonderlich weit weg von dem Ratschlag an Frauen, sich nicht sexy anzuziehen, wenn sie nicht Opfer von Männern ausgeübter sexueller Gewalt werden wollen. Und damit eben auch nicht weit von dem hinter vorgehaltener Hand getuschelten Aussage, dass „sie es doch auch herausgefordert hat“ oder gar „gewollt hat“. In dieser Richtung zu denken ist aber ein kompletter Irrweg, egal wie aufreizend junge Frauen heute in die Disco gehen, kein sexueller Übergriff ist dadurch auch nur im geringsten Gerechtfertigt. Ich gebe zu auch zu jenen konservativen Stimmen zu gehören, die bei dieser Durchsexualisierung der Gesellschaft laut fragen, ob das jetzt wirklich sein muss, aber der Punkt ist, es darf sein. Und offensichtlich ist der durchschnittliche männliche Angehörige der freizügigen westlichen Kultur auch in der Lage seinen Sexualtrieb zu kontrollieren. 

Zum anderen impliziert dieser Satz aber eben nicht nur einen Schuldanteil, sondern damit gleichzeitig auch die Illusion eines möglichen Selbstschutzes. Wer eine Tat provoziert, kann sich auch dagegen schützen. Wenn man dem konkreten Ratschlag von Rotzinger folgt, in dem man nicht Alkohol und Drogen konsumiert, oder es zumindest nicht in einem Maße tut, bei dem ein Kontrollverlust über den eigenen Körper und die eigene Wahrnehmung einsetzt.

Zyniker könnten das zu Ende denken: Hätte das Opfer nicht getrunken …

Realisten würden darauf hinweisen, dass es völlig gleichgültig ist, ob das Opfer angeheitert, betrunken, durch K.O.-Tropfen außer Gefecht, oder völlig nüchtern gewesen wäre. Die Tat legt nahe, dass sie auch dann geschehen wäre. Auch dazu kann man sich etwa den ebenfalls in Freiburg geschehen Fall von Maria L. ansehen. Wenn Bernhard Rotzinger sagt, man könne nicht jedes Verbrechen verhindern, gilt das auch in diesem Fall. 

Es stellt sich auf die Frage, ob wir – egal welchen Geschlechts – wirklich in einer Welt leben wollen, in der eine Frau ehe sie aus dem Haus geht erst gründlich über ihr Aussehen, Outfit und Auftreten nachdenken muss, damit sie nicht als potentielles Opfer vor die Tür geht. Mal abgesehen, dass wir das sicher zum Teil längst tun. 

Man wünscht sich, dass die Polizei mehr Fokus auf die Täter und potentiellen Täter legt – völlig wurscht aus welchem Kulturkreis sie stammen. Man wünscht sich, dass die Polizei für eine sichere Öffentlichkeit sorgt, in der Frau sich geschützt bewegen kann. Man wünscht sich, dass die Polizei ihre dummen Ratschläge lieber für sich behält.

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