Des Kaisers Lieblinge wurden zu Revolutionären

Heute vor 100 Jahre begann mit dem Kieler Matrosenaufstand die Revolution von 1918 – sechs Tage später war die Monarchie Geschichte.

Bismarck formte 1871 keinen zentralen Einheitsstaat, so vorrangig die Rolle des deutschen Kaisers und preußischen Königs defacto auch war. Doch während man alles was vor der Reichsgründung mit dem Blick des Föderalisten sah, galt dies für die Dinge nach 1871 nicht mehr. Erstes Beispiel wurde Elsass-Lothringen, das unter Reichsverwaltung stand. Später folgten die Kolonien in Afrika, Asien und dem Pazifik. Und dann war da noch die Marine. Während das Militär landsmannschaftlich organisiert war, gab es nur die deutsche Marine und keine preußische oder mecklenburgerische Marine. Das die Marine also zum Liebling von Kaiser Wilhelm II wurde, wundert wenig, war er doch von seiner Gott gegebenen Führerschaft für ganz Deutschland selbst noch in seinem späteren niederländischen Exil zu tiefst überzeugt.

Der Fürsorge und Protektion des Kaisers durfte sich die Marine also sicher sein. Wilhelms Traum mit der britischen Flotte gleichzuziehen ließ das Geld aus der Reichskasse reichlich fließen. 

Der 1. Weltkrieg jedoch war ein europäischer Landkrieg. Die deutschen Kolonien fielen bis auf Deutsch-Ostafrika, wo sich die Kolonialtruppen bis zuletzt hielten, innerhalb von Tagen. Das deutsche Geschwader unter Admiral Graf Spee schlug sich in den Schlachten von Cornel und den Falklands tapfer, verlor jedoch. Aber auch wenn die Deutschen damals schon auf U-Boote setzte, im Wesentlich war ein Leben als Marinesoldat im Vergleich zum Frontsoldaten relativ gefahrlos.

Im November 1918 jedoch faste die deutsche Admiralität den Plan, die deutsche Marine noch einmal in die Schlacht zu werfen. Zu einem Zeitpunkt, zu dem selbst die deutsche Heeresführung den Krieg längst als verloren gegeben hatte und ein Kanzler Max von Baden verzweifelte Versuche unternahm über die Amerikaner einen halbwegs für Deutschland gnädigen Frieden zu erreichen. Und zu einem Zeitpunkt, als sowohl der politischen, als auch der militärischen Führung klar war, dass ein Weiterso mit Wilhelm II nicht mehr im Rahmen des Möglichen lag.

Von Dfvj – Diese Datei wurde von diesem Werk abgeleitet: German Naval Plan of 24 October 1918.svg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44823528

Der Plan war simpel, eine Entscheidungsschlacht vor der niederländischen Küste, danach sollte zum einen die belgische Küste erreicht und vor allem die Themse-Mündung blockiert werden. 1914 hätte man diesen Plan als tollkühn betrachtet, die Matrosen hätten sich mit lautem Hurra in die Schlacht geworfen. 1918 aber war es ein Himmelfahrtskommando für einen längst verlorenen Krieg. 

Schon vor dem 3. November wurde klar, dass der Plan nicht durchzuführen war. Es kam zu Auseinandersetzungen und Meutereien, zudem torpedierte der Plan die Bemühungen der Reichsregierung die Amerikaner milde zu stimmen. Stimmen wurden laut den Plan abzublasen, doch bis einschließlich des 2. November herrschte die Neigung Befehlsverweigerungen und Meutereien zu vertuschen und zu verschweigen. Erst als die Matrosen gemeinsam mit von der SPD und vor allem USPD aufgeputschen Bevölkerung zu marschieren begann, war die Lage nicht mehr zu leugnen. Überforderte, aber treu zum Kaiser stehende Rekruten feuerten in die Menge. Eines der wenigen Ereignisse während der Revolution von 1918, bei dem tatsächlich Blut floss. 

Am Abend des 3. November war wohl jedem klar, dass es sich um keine einzelne Meuterei handelte, sondern die Matrosen gemeinsam mit der Arbeiterschaft marschierte. Das Gären hatte geendet, die Novemberrevolution hatte begonnen. Die Revolutionäre forderten die Abdankung der Hohenzollern, freie Wahlen und etablierten jedoch erst einmal Soldatenräte als neue Regierung. Es dauerte jedoch Tage, ehe sich in Kiel wieder so etwas wie ein Alltag einstellte. Tage, in denen der hier gelegte Keim als eine Revolution auf ganz Deutschland übergriff.

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