Der Nationalstaat gehört nicht in die Mottenkiste

Beim Thema Nation nimmt Deutschland eine Sonderrolle ein, es möchte keine sein. Aber auch im restlichen Westen tut man sich mit dem Begriff schwer.

Die Dankesrede, die Michel Houellebecq anlässlich der Verleihung des Oswald-Spengler-Preises hielt, ist in vielerlei Hinsicht lesenswert. Auch weil unter anderem folgende Worte fielen:

Die westliche Welt in ihrer Gesamtheit bringt sich um, soviel ist sicher, und übrigens werden meine Bücher auf genau dieselbe Weise in der Gesamtheit der westlichen Welt verstanden. Aber innerhalb der westlichen Welt hat Europa eine ganz besondere Form des Selbstmords ausgewählt, welche beinhaltet, die Nationen, die sie ausmachen, zu ermorden.

Michel Houellebecq

Auch wenn man in Deutschland besonders bestrebt ist sich nicht als eine Nation zu verstehen, der Drang nationale Grenzen abzuschaffen ist in weiten Teilen der westlichen Welt weit verbreitet. Einzig die angelsächsischen Länder Großbritannien und die USA haben das Bekenntnis zur eigenen Nation in ihr Art die moderne westliche Gesellschaft zu leben eindeutig übernommen. Behält man den Blick aber auf Europa, ist die Nation von zwei Seiten bedroht. Regional und International.

In Spanien streben die Katalanen nach Unabhängigkeit, in Großbritannien die Schotten. Aber auch Frankreich hat nicht nur mit Unabhängigkeitsbestrebungen auf Korsika zu tun, sondern auch zum Beispiel mit selbstbewussten Bretonen. Auf Sardinien stellen sich viele die Frage, was sie eigentlich zu Italienern macht. In vielen Fällen handelt es sich dabei nicht nur um eine regionale Bevölkerung, die eine sich vom Rest der Nation unterscheidende Kultur und Tradition geprägt hat, sondern auch um Länder, die einst stolz auf ihre Unabhängigkeit waren, wie etwa Schottland, aber auch die Bretagne. Insofern bedrohen diese Entwicklungen zwar die Einheit einer bestimmten Nation, stellen den Grundgedanken des Konzeptes aber nicht in Frage. Auch wenn viele Unabhängigkeitsbestrebungen Unterstützung von der zweiten Bedrohung suchen.

Auf der anderen Seite scheinen viele bestrebt die eigene Nation aufzulösen und aufgehen zu lassen in ein Europa – als Zwischenstufe für eine nationenlose Welt. Die Welt, einig unter der Flagge der UN?

Doch kann das überhaupt funktionieren? Houellebecq wendet ein:

Die meisten fortgeschrittenen Arten sind gesellschaftsbildende Arten. Und in den gesellschaftsbildenden Arten stellen die Verhaltensmuster Solidarität und Altruismus starke selektive Vorteile für die Gesamtheit der Gruppe dar. Der Kampf um das Leben hat sich verlagert: Er findet nicht mehr zwischen Individuen statt, sondern zwischen Herden oder Meuten, die sich um der Kontrolle von Territorien willen bekämpfen.

Michel Houellebecq

Der Mensch war von den Anfängen des Homo sapiens an kein einsamer Wolf, sondern immer auf andere Menschen angewiesen. Das Überleben sicherte nur die Gemeinschaft in der Gruppe. Sie erschuf nicht nur, wie von Houellebecq erkannt, Solidarität und Altruismus als im wahrsten Sinne des Worten lebensnotwendige menschliche Verhaltensmuster. Das Leben in der Gruppe ermöglichte die menschliche Zivilisation an sich. Es wurde nicht nur möglich voneinander zu lernen und die erlernten Fähigkeiten über Generationen hinweg zu erhalten und zu verbessern. Ab einer gewissen Größe begann die Arbeitsteilung, die Spezialisierung und mit ihr ein Quantensprung zur Optimierung einzelner Tätigkeiten, die am Ende dazu führten, dass der Mensch die dominierende Spezies auf diesem Planeten wurde.

Diese Gruppen waren zuerst als Familienklans organisiert, jeweils erneuert durch die Aufnahme neuer Frauen oder Männer, die mit einem Klanmitglied eine dauerhafte Partnerschaft eingingen. Auf diese Weise wuchsen die Gruppen immer stärker an, bis das Familienoberhaupt durch einen Anführer ersetzt wurde, dessen familiäre Beziehungen zu den einzelnen Mitglieder immer schwächer wurde. Ein Erfolgsmodell der Evolution, das jedoch einen Haken zu haben scheint. Denn um zu funktionieren muss sich das Individuum mit der Gruppe identifizieren. Es müssen ausreichend Übereinstimmungen existieren, die den Einzelnen als Mitglied der Gruppe erkennbar machen und es ihm ermöglichen, sich auch als Bestandteil der Gruppe zu fühlen. Das führte aber dazu, dass das Wachstum der Gruppe endlich bleibt. Es entstand nicht eine einheitliche Sprache, keine einheitliche menschliche Kultur, sondern auch dort, wo die einzelnen Gruppen direkten Kontakt hatten, derlei viele. Das Überlebensmodell Gruppe, schien von Beginn an ebenfalls das Gegeneinander von Gruppen zu erfordern.

Heute scheint die Grenze der Gruppengröße endgültig erreicht, und diese größtmögliche Gruppe scheint eben die Nation zu sein. Geeint durch eine einheitliche Kultur und Sprache. Nationen wie Belgien oder Spanien, in denen Volksgruppen mit eigener Kultur und Sprache existieren sind dagegen latent durch ein Auseinanderbrechen bedroht. Es ist also schon fraglich, ob es einem geeinten Europa gelingen würde, ein einheitliches Gebilde für die Europäer zu werden. Wenn Katalanen, Schotten, Wallonen, Korsen usf. schon von ihrer Eigenstaatlichkeit träumen, kann das, was uns als Europäer ohne Zweifel verbindet, dann wirklich ausreichen, um nicht früher oder später bei Franzosen, Dänen, Niederländern usf. eben diese Bestrebungen wieder zu wecken? Eine globale Weltregierung mag der feuchte Traum einer nach Zollfreiheit gierenden Wirtschaft sein, aber scheint mit Blick auf Europa erst recht nicht möglich zu sein. Die Abschaffung der Nation würde nicht zu einer einheitlichen Menschheit führen, sondern zu einer Zersplitterung in weit mehr Einzelgebilde. In dem das einigende Band der Nation verschwindet und die Größe der Gruppe wieder abnimmt. Man würde nicht auf den Klan zurückfallen, aber statt einer überschaubaren Zahl an Nationen ständen sich unzählige Regionen gegenüber. Und jede würde aus der Gruppendynamik heraus das Beste für sich selbst erreichen wollen. Für Deutschland wäre das etwa so, als würde das vor-napoleonische Heilig Römische Reich Deutscher Nation mit seinen vielen kleinen Territorien und einer in der Regel schwachen Zentralregierung auferstehen. Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, weiß, dass mit Ausnahme einiger herausragenden Kaiser, das damalige Deutschland eher ein Spielball (geeinter) ausländischer Mächte war.

Das Konzept einer nationenlosen Welt funktioniert freilich allerdings in den Denkgebäuden liberaler bis libertärer Ideologen, die den Wert der Gruppe an sich in Frage stellen und glauben das Individuum sei das höchste Ziel der Evolution. Die Evolution allerdings hat uns in den letzten zehntausenden von Jahren eben vor Augen geführt, dass der einsame Wolf kein erfolgreiches Modell darstellt.

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