Wie einig ist das rechte Spektrum wirklich?

Als bei den Demonstrationen in Chemnitz AfD-Vertreter, Neurechte, Neo-Nazis und wohl auch ein paar Alt-Nazis zusammen auftraten, kam zusammen, was zusammen gehört. Oder?

Vom linken Standpunkt ist die Sache klar. Ob Skinheads, Kameradschaften, Neo-Nazis, Alt-Nazis, die Neue Rechte und die AfD – alles Nazis. Diese einfache Lösung hat einige Vorteile. Man muss sich keine verschiedenen Strategien ausdenken, und je schwammiger die Definition, desto einfacher alles außer sich selbst als Faschisten zu deklarieren.

Es besteht allerdings auch die Gefahr, den Gegner zu unterschätzen. Denn wer glaubt es immer mit demselben zu tun hat, spürt weniger Gefahr, als wenn er wusste, das dort zusammenkam, was eigentlich nur schwer zusammengehören kann. Denn ironischer Weise spiegelt das rechte Spektrum in vielen Dingen tatsächlich das gesamtgesellschaftliche Spektrum wieder.

Gerade links bekommt man schnell Schnappatmung, wenn man die NSDAP auf ihre parteipolitische Ausrichtung hin untersucht und feststellt, dass der Wortbestandteil „-sozialismus“ in „Nationalsozialismus“ mehr als eine hohle Phrase war. Anders als echte Sozialisten hatten sich die Nazis nur die Scheinheiligkeit erspart von so etwas wie eine sozialistischen Internationalen zu reden, wie Stalin etwa – der damit natürlich von Beginn an eher jenes im Sinn hatte, was er dank der Alliierten dann in Form des Warschauer Paktes umsetzen konnte. Wie mühelos manch Nazi-Idee in der DDR wieder auflebte, kann man an Dingen wie den Wehrunterricht in der Schule betrachten oder den Übergang der HJ in die FDJ – man musste nur neue Hemden kaufen, weil die Farbe nicht mehr passte. Freilich haben die Nazis für ihren Krieg den Sozialismus hinten angestellt, weil sie ahnten mit einer freien Wirtschaft eine bessere Kriegsproduktion zu erreichen. Hitler bedauerte das übrigens in seiner letzten Stunde im Bunker, wie man in seinem politischen Testament nachlesen kann.

Die Neue Rechte unserer Tag hat unterdessen keinerlei sozialistische Elemente mehr, sie hat sich dem libertären Gedankengut verschrieben. Ihre Vordenker wie Götz Kubischek  mögen in ihrem Privatleben dem alten Nazi-Idealen mit ihrem Familienleben auf dem Land nacheifern, ihre Definition der Freiheit und vor allem der Wirtschaft ist aber durch und durch libertär. Im dem Sinne, dass hier das Recht des Stärkeren gilt, mag da tatsächlich zusammenkommen, was zusammengehört. Die europäische Neue Rechte geht hier im Prinzip den Weg, den etwa die amerikanischen Republikaner ebenfalls gegangen sind. 

Und wie die AfD sind ist die Neue Rechte auch darum bemüht sich von den Nationalsozialisten abzugrenzen. Ihr ideologisches Weltbild ist so konstruiert, dass sie ohne die eigene Logik zu verletzten dem Staat und den Medien gar Nazimethoden vorwerfen können. Sie missbrauchen die Widerstandskämpfer gegen die Nazis als Helden, und es gelingt ihnen sogar konsequent den Antisemitismus heraus zu definieren. Oft sind gerade sie es, die am lautesten den Staat Israel verteidigen. Der Trick ist so simpel, wie brutal. Statt Juden haben sie den Islam als Feindbild im Blick. Was dazu führt, das der einzige Unterschied zu Nazis schlicht der Austausch des Wortes „Jude“ gegen „Moslem“ zu sein scheint. Insofern ist es tatsächlich kein Widerspruch, wenn die AfD sich mit mehr oder weniger großem Erfolg der Nazis in ihrer Partei zu entledigen. 

Interessanterweise gab es in der Neo-Naziszene dagegen bis vor wenigen Jahren wiederholt den Versuch eines Schulterschlusses mit islamischen Staaten. Schon manch Nazi fand nach 1945 in Ländern wie Syrien oder Ägypten Unterschlupf, während manch Neo-Nazis Unterstützung im Iran suchten. In einem Land, in dem der Hass auf Israel Staatsdokrtin ist, erhoffte man sich Finanziers und ganz praktische Unterstützung. Mit dem Wach- und Machtwechsel im rechten Lager, und dem Fall von Parteien wie NPD oder DVU in die Bedeutungslosigkeit, verflogen solche Bündnisse allerdings schnell wieder. Statt im fernen Moslem Verbündete zu suchen, richtete man menschenverachtenden Hass auf den Moslem im eigenen Land.

Als CSU-Politiker Alexander Dobrindt eine „konservative Revolution“ forderte, fielen den Hobbyhistorikern in diesem Land die Konservative Revolution in der Weimarer Republik ein. In Verkürzung und Umdeutung der Tatsachen erklärte man sie zu den Schuldigen für die Machtergreifung Hitlers, in diesem Fall sollte die Mär dazu dienen Dobrindt besonders zu schaden. 

Die Konservative Revolution firmierte auch unter der Bezeichnung Jungkonservative, was ihre Nähe in einer weltweitverbreitete Bewegung demonstrierte, die in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts in vielen vor allem von Briten oder Franzosen kontrollierten Gebieten entstand. Von Ägypten bis Indien. Bedeutend waren allerdings allein die Jungtürken. Hitler direkt bei der Machtergreifung zu helfen wäre der Konservativen Revolution allerdings schwer gefallen, wie ihr Vordenker Edgar J. Jung lehnten sie den Parlamentarismus an sich ab. Und zwar derart konsequent, dass sie sich nie parteipolitisch firmierten. Jung selbst allerdings versuchte 1933 als Redenschreiber des Vize-Kanzlers Franz von Papen dennoch direkt in die Politik einzugreifen. Er schrieb für den Vize-Kanzler die wahrscheinlich letzte nazi-kritische Rede bis 1945, woraufhin ihn die Gestapo verhaftete und er wenig später ermordet wurde. 

Mitunter sieht die heutige Neue Rechte auch in der Konservativen Revolution ihren Vorgänger, allerdings war deren Bild einer idealen Gesellschaft eher ein Ständestaat und ihr Wirtschaftsmodell war nicht sozialistisch, aber eben auch nicht libertär. Edgar J. Jung sah sich sogar gezwungen seine Hauptwerk Die Herrschaft der Minderwertigen in neuen Auflagen anzupassen, um seine Gönner aus der deutschen Industrie nicht zu vergraulen.

Damals wie heute zeigte sich das rechte Spektrum jenseits des klassischen bürgerlichen Lagers – um es provokant auszudrücken – äußerst bunt. Und eben auch äußerst uneinig. Das man im Zuge der Ereignissen von Chemnitz erstmals sehen konnte, das dort über ideologische Grenzen hinweg der Wille besteht sich für ein gemeinsames Ziel zu einen, lässt diesen Vorgang weit gefährlicher erscheinen, als würde man nur weiter glauben ein dumme braune Masse vor sich zu haben.

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