#unteilbar: Deutschland einig linkes Hipsterland?

Die Teilnehmerzahl der #unteilbar-Demonstration in Berlin war beeindruckend, aber spiegelte sie auch wirklich die Bevölkerung wider?

Es war eine vorbildliche Demonstration, so vorbildlich, dass einige gar giften, es sei eher ein Volksfest gewesen. Statt schwarzer Block, Familienausflug. Organisiert von den Linken, die allein aber wahrscheinlich nicht mal auf die 40.000 ursprünglich angemeldeten Demonstranten gekommen wären. Die Masse bildeten tatsächlich die besorgten Bürger, denen aufgegangen ist, dass sich ihr Leben nicht unbedingt angenehmer gestaltet, wenn die derartigen Entwicklungen so weiter gehen. Wen man dagegen mit der Lupe suchen musste, waren Leute, um die es auch ging: Migranten oder jene, die sich die Mieten in Berlin nicht mehr leisten können. Demonstriert haben bestenfalls jene, die in Sachen Miete erste Probleme sehen und Angst haben, es könnte ihnen bald genauso gehen. Der Berliner Hipster ist diesbezüglich äußerst besorgt.

#unteilbar bildet also letztlich nicht die Bevölkerung ab, sondern die offenbar noch immer bestehende unheilige Allianz einer progressiven Linken und globalisierten Liberalen. Die städtisch geprägte Elite lässt die Muskeln spielen. Damit führt sie zwar vor Augen, dass die ebenso unheilige Allianz aus Neo-Nazis, Neuer Rechten und Rechtspopulisten weniger Menschen auf die Straße bringt, wirklich beruhigend ist das für das Land aber nicht. Eher beunruhigend, denn das Veränderungspotential der Rechten ist trotz aller medialen Hochspielelungen minimal. Das der bei #unteilbar auf die Straße gegangenen Bevölkerungsschicht jedoch eben nicht. Das diese sich als repräsentativ für die gesamte Bevölkerung empfindet, ist Bestandteil des Problems. Im Prinzip ist eher jene kosmopolitische Elite auf eine Wochenend-Demo gegangen. Um für eine bessere Welt zu demonstrieren – und zu hoffen, dass man irgendwo in Berlin noch eine Schule ohne dominierenden Migrantenanteil findet, auf die man den eigenen Nachwuchs schicken kann. Die kosmopolitische Einstellung bezieht sich bekanntlich eher auf das Repräsentative, nicht darauf selbst von den Nachteilen betroffen zu werden. Sich jeden Tag von einem unterbezahlten Lieferjungen ein anderes landestypisches Gericht nach Hause liefern zu lassen, gerne! Aber die Probleme der Migration in der eigenen Nachbarschaft zu haben, lieber nicht!

Politisch neutral geht anders

Ganz so politisch neutral war die Demo im Ganzen übrigens ja dann doch nicht. Schon wenige Tage danach machte das Video zweier Agitatoren die Runde, deren Israelkritik fließend in Antisemitismus überzugehen scheint. Das schien dann selbst den Organisatoren zu deutlich, sie stellten klar, dass diese Rede nicht von der offiziellen Bühne kam.

Und der Versuch Schwarz-Rot-Gold seine demokratische Bedeutung zurückzugeben, wurde von den Organisatoren im Vorfeld unterbunden. Wer die Deutschlandfahne dennoch mit zur #unteilbar-Demo brachte, bekam es schon mal mit der Antifa zu tun. Hier ein Bericht von Leuten, die dennoch eine Deutschlandfahne dabei hatten. Wohl ganz im Sinne der Organisatoren, wie Sprecherin Theresa Hartmann im Berliner Tagesspiegel bestätigte: „Die Deutschlandflagge wollten wir nicht.“ Regenbogenflaggen waren ihnen lieber, aber auch gegen palästinensische und türkische Flaggen schien niemand aufzubegehren.

Während die FDP die Demonstration wohlweislich angesichts manch Mitmarschierenden nicht unterstützte, ist in der Welt zu lesen, dass die Julis dann doch dabei waren. Was allerdings dann auch nicht jedem Teilnehmer zu schmecken schien. Dabei mag es sich nur um Einzelfälle gehandelt haben, das Problembewusstsein der Organisatoren hat es aber jedenfalls ausdrücklich nicht geweckt.

Während der erste Fall nur ein weiterer Beleg dafür ist, das Antisemitismus nie eine rein rechte Position war, sondern auch traditioneller Bestandteil der Linken ist, führen die beiden anderen Fälle vor Augen, dass es mit dem Motto der Demo nicht so ganz ernst gemeint war. „Für Solidarität und gegen Ausgrenzung“ Solidarisch wurde demonstriert, für die nicht anwesenden Migranten und hart arbeitenden und dennoch nicht über die Runden kommenden Teile der Bevölkerung. Was aber die Sache mit der Ausgrenzung anging, schien das Leitmotiv eher zu sein: „Wer nicht ausgegrenzt wird, bestimmen immer noch wir.“

Am Ende setzten die 240.000 Demonstranten kein Zeichen gegen die Zerrissenheit der deutschen Gesellschaft, sondern demonstrierten quasi am eigenen Beispiel, wie wenig bereit die links-grüne Elite ist, für eben diese Zerrissenheit ihren Teil der Verantwortung zu übernehmen. Eine großstädtisch geprägte Elite, die es sich leisten kann ihre eigenen Ideen einer Gesellschaft auf die real existierende Gesellschaft überzustülpen, und gleichzeitig die (finanziell) begründete Flexibilität besitzt, nur die positiven Aspekte davon zu erleben. Während sich der große Teil der Bevölkerung jeden Tag auch mit den negativen Auswirkungen auseinandersetzen muss, und zum Dank beim Marsch nach vorn zurückgelassen wird.

Ein Kommentar zu „#unteilbar: Deutschland einig linkes Hipsterland?“

  1. Solche Demos bilden doch nie „die Bevölkerung“ ab. Ich war nie bei einer dabei. Weder in der nach 68er Zeit, noch in den 80er Jahren. Mir war das immer zu gefährlich. Im Ernst. Ich hatte nie das Gefühl, dass bei irgendeiner Demo (die Friedensdemos vielleicht mal ausgenommen), irgendeine Repräsentanz „der Bevölkerung“ existiert hätte.

    Dass sich Gruppen gegen Teilnehmer mit Deutschlandflagge ausgesprochen haben, ist eine traurige Sache. Und sie hat, wie ich glaube, auch gar nichts mit der Abgrenzung zu der heutigen Rechten zu tun. Viele haben ein gestörtes Verhältnis zu manchen Symbolen. Ich finde das traurig, manchmal auch nur lächerlich.

    Dass wir uns mit so durchsichtigen Sachen so auseinandertreiben lassen, ist schon besorgniserregend. Wir können für etwas oder gegen etwas demonstrieren. Das ist eine Errungenschaft, die viele gar nicht mehr zu schätzen wissen. Das Demonstrationsrecht wird vielmehr für anarchistische und zum Teil leider auf subversive Anlässe missbraucht. Wenn sich viele Menschen versammeln, ist es eigentlich logisch, dass sich darunter auch solche Menschen mischen, die die Veranstaltung eigentlich gar nicht dabei haben wollen. Wie soll man das verhindern? In dem man die Demo gleich wieder auflöst, wenn man solche Gruppen identifiziert hat? Dann hätte es die großen Demonstrationen in unserer jüngeren Geschichte wahrscheinlich nie gegeben. Allerdings gilt diese Annahme natürlich auch für die Demos in Chemnitz. Ich fühle mich auch in diesem Fall jedenfalls nicht in der Lage, die Teilnehmer rauszufiltern, die diese Demo für ihre Zwecke missbrauchen wollten. Ich habe Bachmann und ein paar andere Leute gesehen, die ich vor Augen nicht sehen kann. Aber reicht das aus, um eine Demo zu diskreditieren?

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