Tag der deutschen Einheit – so what?

Interessanterweise hat die alte Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung nicht ihre eigene Gründung gefeiert, sondern einen Tag, an dem die Bürger der DDR um ihre Freiheit kämpften.

Das ist eine Note der Geschichte, die man auf zwei unterschiedliche Arten deuten kann. Die erste wäre die Übereinstimmung mit dem jetzigen 3. Oktober, der ohne den zweiten Kampf der Ostdeutschen für ihre Freiheit nicht denkbar gewesen wäre. Die zweite würde hin deuten, dass schon die alter Bundesrepublik lieber nicht sich selbst feiern würde. Als misstraue sie mit Blick auf die versagende Demokratie in der Weimarer Republik dem Frieden noch immer. Es erschien irgendwie dem neuen deutschen Wesen nicht angemessen, sich selbst zu feiern.

Und auch heute lässt sich nur schwer leugnen, dass dieses grundsätzliche Problem noch nicht aus der Welt ist. Während andere Länder ihren Nationalfeiertag mit Party und Feuerwerk begehen, Militärparaden oder staatlich organisierten Feiern im ganzen Land veranstalten, ist der Tag der deutschen Einheit ein blasser Staatsakt. Mehr eine Pflicht, als ein Vergnügen, die jedes Jahr ein anderes Bundesland hinter sich bringen muss. 

Auch der 3. Oktober 2018 ist eher ein Tag, an dem das noch immer Trennende betont wird – oder konkreter, wie benachteiligt sich die neuen Bundesländer noch fühlen. Oder es wird fleißig retweetet, wie viele Menschen von Rechtsterroristen seit der Wiedervereinigung ermordet wurden. In der Verknüpfung der Taten mit der Wiedervereinigung soll klargestellt werden, dass man auch ja keinen Grund zum feiern habe. Wer die alten Fernsehbilder der Wiedervereinigung 1990 sieht, der wird sie sicherlich entdecken, die Reichskriegsflagge, die einsam im Meer von Schwarz-Rot-Gold geschwenkt wurde. Eine Warnung. Aber sie kam nicht aus dem Nichts. Letztlich hat die Wiedervereinigung nur auch die Rechtsextremisten Ost und West ebenso wieder zusammengebracht, wie Dackelliebhaber oder Briefmarkensammler – da waren sie in beiden deutschen Staaten aber schon vorher. Und während Briefmarkensammler irgendwann aussterben werden, fürchte ich, dass uns Rechtsextremisten noch viel zu lange erhalten bleiben.

Die bittere Ironie sehe ich darin, dass der gesellschaftliche Unwille den eigenen Nationalfeiertag zu begehen, rechtsextremistische Strömungen eher stärkt, als schwächt. Er bestätigt die Neue Rechte in ihren Ansichten und treibt so manchen Patrioten ins Lager der Nationalisten, wo er für die Linke ja ohnehin schon befindet. 

Dabei dürfte die Wiedervereinigung eigentlich doch als einer der glücklichen Tage in der deutschen Geschichte gesehen werden. Sie geschah friedlich. Sie geschah, weil die Bürger der DDR sich nach Freiheit sehnten. Heute betonen wir dagegen lieber das Schlechte. Die Anfälligkeit der Ostdeutschen für populistische Parteien, die im Westen zwar auch vorhanden, aber nicht so ausgeprägt ist. Beides gilt für den rechten Extremismus, der in ganz Deutschland herrscht, aber in den neuen Bundesländern eben stärker. Mal davon abgesehen, das für den Linkspopulismus genau das gleiche gilt. Das sind unschöne Wahrheiten, die man aussprechen muss. Und das muss man das ganze Jahr über. Aber kann man sich nicht trotzdem an einem Tag im Jahr hinstellen und einfach mal die friedliche Wiedervereinigung des deutschen Volkes in Freiheit feiern? Realpolitisch betrachtet, wohl nicht. In großen Teilen der Gesellschaft und praktisch in der gesamten Elite scheint ein allzu ausgelassenes Feiern der Einheit in Gefahr zu sein, man könne es aus Versehen mit einem Reichsparteitag der NSDAP verwechseln. Oder schlimmer, es sei per Definition ein nationalistischer Akt nur mit bunteren Uniformen. 

Am 3. Oktober zeigt sich Jahr für Jahr, dass Deutschland, wäre es eine Person, jemand ist, der sich mit seinem eigenen Körper unwohl fühlt. Am liebsten würde er ihn komplett verändern, oder gar ganz los werden. Ein glücklicher, zufriedener, in sich ruhender Mensch wird so nicht entstehen. Eher jemand der sich selbst verletzt, demütigt und klein macht. Kurz, jemand, der eine Therapie benötigt, um wieder zu einem gesunden Verhältnis zu sich selbst zu finden.

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