Erdogan in D – Ein Staatsbesuch der Schande

Man hätte es ahnen können, nein, wissen. Aber auch beim angekündigten Staatsbesuch des türkischen Präsidenten ist wieder einmal niemand aufgestanden, um zu sagen, dass das eine dumme Idee ist!

Es ist ein weiterer Beleg für die Gleichschaltung der türkischen Presse, dass sie den Staatsbesuch von Recep Erdogan schon jetzt als Erfolg vermeldet. Dabei sind die manch Unstimmigkeiten nicht zu übersehen. Zum offiziellen Staatsbankett beim Bundespräsident hagelte es Absagen, nicht genug, aber immerhin. Das Grünen-Politiker Cem Özdemir jedoch im Schloss Bellevue anwesend war, verlangt Respekt. Schließlich gehört Özdemir zu jener wachsenden Anzahl von Menschen, die Erdogan als Terrorist bezeichnet. Das Problem an Erdogans Terroristen-Wahn ist ja, dass dahinter kein Versuch steckt, unliebsame Journalisten, Regimegegner, aufrechte Richter usf. mit einem Scheinvorwurf ins Gefängnis zu werfen, Erdogan scheint tatsächlich überzeugt zu sein, dass es sich bei ihnen um echte Terroristen handelt. Das machte er auch bei seiner Rede in Bellevue klar, als er, wie die Welt berichtet, vom Skript abwich. Das der Bundespräsident zumindest das Minimum an Anstand hatte, inhaftierter Journalisten in der Türkei zu erwähnen, muss Erdogan wirklich sauer gemacht haben. Denn, wie er sagt, er habe das Thema zwar nicht ansprechen wollen, aber er hätte doch am Morgen schon deutlich gemacht, dass es sich um Terroristen handelte. Und überhaupt, er verstehe nicht, wie Deutschland Terroristen wie den ehemaligen Chefredakteur der Cumhuriyet hofieren könne. Ein diplomatischer Eklat, über den die deutsche Seite mal wieder hinwegsah. Man hätte nichts anderes erwarten können, nachdem die Bundeskanzlerin bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Erdogan untätig zusah, wie ein Journalist von Sicherheitsleuten abgeführt wurde, der auf die offenbar seltsam gewordene Idee gekommen war, das Thema Pressefreiheit offensiv anzusprechen. 

Man mag dem Bundespräsidenten anrechnen, dass er in diplomatischer Sprache Kritik übte, aber um diesen Tiefpunkt der Pressefreiheit in Deutschland vergessen zu machen, hätte es einer undiplomatischeren Sprache bedürft. 

Andere waren konsequenter, wie der Besitzer jenes Schloss, indem der NRW-Ministerpräsident Laschet dem türkischen Präsidenten seine Aufwartung machen wollte. Der wehrte sich dagegen vor Gericht. 

Galt der Staatsbesuch überhaupt Deutschland?

Ohnehin kann in Frage gestellt werden, ob Erdogans Visite in Deutschland überhaupt den deutsch-türkischen Beziehungen galt, und nicht der Eröffnung der Ditib-Moschee, die Köln heute in den Ausnahmezustand versetzte. Die halb-staatliche Ditib wird von der Türkei aus gelenkt, und ist ins Visier des Verfassungsschutzes geraten. Das die Regierung einem ausländischen Staatspräsidenten eine Moschee eröffnen lässt, die einem Verband gehört, den der eigene Inlandsgeheimdienst mehr als kritisch sieht, sollte an sich schon nicht passieren. 

Aber es passiert. Und eine große Anzahl der Türken in Deutschland, nimmt es mit derselben Begeisterung entgegen, mit der sie jene Türken im Land einschüchtern, die es zu schätzen wissen in einer Demokratie zu leben. Im Kreise seiner Anbeter dürfte sich Erdogan heute wieder wohl gefühlt haben.

Erdogan ist kein Islamist, er ist mehr Narzisst

Unterdessen deutet der Auftritt Recep Erdogans eher daraufhin, dass er mehr und mehr zu einem selbstverliebten Narzisst geworden ist. Ein Mann, der so sehr von sich selbst eingenommen ist, dass er sich schon mit Donald Trump einen Wettkampf in Selbstverliebtheit liefert. L’état c’est moi – das eigene Versailles in Ankara hat er sich ja schon bauen lassen. 

Kritiker mögen jetzt natürlich wieder einwenden, man müsse ja miteinander auch reden. Ja, aber das geht auch anders. Und wenn in diesen Tagen die deutsch-türkischen Beziehungen gepriesen werden, dann ist auch das richtig. Schon das Kaiserreich war eng mit dem Osmanischen Reich verknüpft, auch unter Atatürk und die Jahre darauf waren die Beziehungen eng – freilich mit der wichtigen Note, dass sich die Türkei nicht auf einen Kriegseintritt auf Seiten Hitlers überreden ließ, und so manch aus Deutschland emigrierter Beamter beim Aufbau der modernen türkischen Staatsverwaltung mithalf. Vor allem auch mit Blick auf diese Phase der Beziehung sollten wir an der Seite des türkischen Volkes stehen, nicht eines Machthabers, der auch dank seiner Propaganda und erfolgreichen Unterdrückung der Meinungsfreiheit das Volk in 50:50 gespalten hat. 

Statt dessen sehen wir zu, wie auch während des Erdogan Besuchs friedliche Demonstrationen von alten Frauen aufgelöst werden (faz.net). Aber letztlich geht es ja nicht um Freiheit, es geht um wirtschaftliche Interessen. Und Geld verdient man in Ländern wie der Türkei nicht an der Seite der Unterdrückten, sondern durch Anschmeicheln an den Unterdrücker. 

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