Poetry Slam in Speyer – Der kalkulierte Skandal

In Speyer tritt die Tochter einer AfD-Politikerin beim Poetry Slam auf, am Ende wird ihr das Mikro (kurzzeitig) abgeschaltet und gewinnen darf sie auch nicht. Ein Skandal?

Was ist passiert? Nun, das herauszufiltern, ohne wirklich dabei gewesen zu sein, ist wahrscheinlich die einzig wirkliche Herausforderung. Aber versuchen wir es. Ida-Maria Müller, 14 und Tochter der AfD-Bundestagsabgeordneten Nicole Höchst, tritt in Speyer bei einem Poetry Slam als erste auf die Bühne. Bei einem Poetry Slam handelt es sich um eine Veranstaltung, bei der meist junge Leute kurze Geschichten, Gedichte oder irgendetwas in der Art vortragen. In der Regel haben sie dabei nur begrenzt Zeit und am Ende entscheidet der Applaus des Publikums oder eine aus dem Publikum ausgewählte Jury. Ich bin eine ganze Zeit lang gern auf Poetry Slams gegangen, verstehe aber auch Leute, die das nicht so prickelnd finden. Aber ich schweife ab.

Der Poetry Slam in Speyer wurde vom dortigen Jugendstadtrat und Initiative „Speyer ohne Rassismus – Speyer mit Courage“ veranstaltet, mit der Themenvorgabe „Zivilcourage“. Yep, und da klickert es bei manchen schon. Was soll die Tochter einer AfD-Politikerin auf genau diesem Poetry Slam auch anders wollen, außer zu provozieren? So ganz fehlplatziert ist Ida-Marie dann allerdings auch nicht, denn sie ist selbst Jugendstadträtin. 

Was dann folgte, kann man sich in diesem Video der ersten Hälfte der Veranstaltung selbst ansehen. Ich warne nur im Voraus, die Tonqualität ist mies.


Unter anderem fielen in ihrem Text Sätze wie „Multikulti tralala, hurra, die ganze Welt ist da“ oder „Seht im Spiegel die Heuchler und liebt euren Nächsten, den Meuchler“. Das Video zeigt allerdings nur die erste Hälfte, denn erst in Runde 2 wurde es spannend, für die sich Ida-Marie eben qualifizierte.

„Der Neger ist kein Neger mehr, Zigeuner kann man auch nicht sagen. Rassistisch ist das beides sehr, so hört man’s an allen Tagen. Wer es trotzdem wagt, wird ausgebuht“, sollen laut der Zeitung Rheinpfalz ihre ersten Worte gewesen sein. Als sie dann die Zivilcourage als „für’n Arsch“ bezeichnete, wurde sie dann tatsächlich auch ausgebuht. Woraufhin, wie die Junge Freiheit berichtet, das Mikrofon abgeschaltet wurde. Allerdings nur kurz, wie wiederum die Rheinpfalz zu berichten weiß. Einig sind sich beide Zeitungen dann darin, dass einige Jugendliche sogar zu weinen begannen. 

Was danach passierte ist beiden Medien nicht zu vernehmen, aber aus den sozialen Medien lässt sich folgender Ablauf konstruieren. Zur abschließenden Siegerehrung, bei der alle drei Finalisten auf die Bühne sollten, gab es Seitens der Veranstalter Versuche Ida-Marie daran zu hindern. Was diese aber nicht davon abhielt, auf die Bühne zu kommen. Ob sie tatsächlich, wie manche behaupten, dann um ihren Sieg gebracht wurde, das bleibt reine Spekulation.

Wir wussten alle, was da passieren würde

Die Stadt Speyer spricht von einer gezielten Provokation der AfD – und hat damit auch zweifellos recht. Mit Blick auf die Meinungsfreiheit lässt sich aber ebenso berechtigt die Frage stellen, welchen Sinn es hat sich mit einer Thematik auseinanderzusetzen, wenn man nur hören möchte, was einer vorgefertigten Meinung entspricht. Und eine Provokation benötigt schließlich immer zwei Parts. Den Provokateur und jene, die sich provoziert fühlen.

Ob der vorgetragene Text jetzt der Gattung Satire entspricht, wie die Junge Freiheit schreibt, ist an sich eine überflüssige Diskussion. Zum einen ist es zu einfach provozierende und grenzwertige Inhalte mit dem Label „Satire“ reinzuwaschen, zum anderen dürfte das rechts-konservative Blatt schlau genug sein, um zu wissen, das Satire per Definition links ist. Da braucht man sich bei der Jungen Freiheit nur an die Aufregung der ein oder anderen dort erschienen Karikatur zu erinnern. 

Vor allem ist das Geschehen in Speyer aber einmal ein Paradebeispiel für das Spiel der Rechten mit dem linken Mainstream. Man hätte sie bis ins kleinste Detail schon Stunden zuvor vorhersagen können. Das alles ist wie ein Theaterspiel, das keiner Proben bedarf, und bei dem doch jeder seinen Text perfekt beherrscht. Und das Ende ist bekannt, frei nach Brecht entschweben die Götter mit „Und so sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen“. Die eingebübten Mechanismen machen eine Diskussion von Beginn an unmöglich, und am Ende gehen Provokateur und Provozierte nach Hause, in ihrer eigenen Meinung bestärkter als je zuvor.

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