Buchkritik: „Kaisersturz“ von Lothar Machtan

Nicht alles lief immer so glatt, wie es uns die Geschichtsbücher weiß machen wollen. Und nicht alles war unvermeidlich. Wie wenig hätte zum Beispiel gefehlt, und Deutschland wäre noch immer eine Monarchie.

Der Historiker Lothar Machtan gilt als einer der Experten für den anderen deutschen Herbst, jener, in dem das Kaiserreich verschwand und einer Republik Platz machte. Als Autor mehrere Bücher und Biographien zu dem Thema, hat er versucht mit Kaisersturz – Vom Scheitern im Herzen der Macht sozusagen eine Klammer um das bisherige Werk zu schaffen. Er erzählt die entscheidenden Wochen vor jenem 9. November aus der Perspektive drei der entscheidenden historischen Figuren.

Da wäre natürlich der Kaiser selbst. Wilhelm II, auch 1918 ebenso von seinem Gottesgnadentum überzeugt, wie er sich immer noch – oder immer wieder – einredet, der Krieg sei noch zu gewinnen. Nicht minder überzeugt ist er von der Treue der Deutschen, was wenig wundert, wird er von seinem Hofstaat doch so hermetisch von der Realität abgeschirmt, dass kein Murren zu ihm durchdringt.

Da wäre Max von Baden, der letzte Reichskanzler des Kaiserreichs. Ein politischer Novize, beseelt von dem Gedanken das untergehende Reich zu retten. Gar als Reichsverweser will er sich zur Verfügung stellen. Doch am Ende fehlt ihm der Mut, wie ihm überhaupt der Mut zu fehlen scheint, politische Entscheidungen durchzusetzen.

Da wäre als Dritter im Bunde der Führer der (M)SPD, Friedrich Ebert. Später einmal soll er der erste Reichspräsident der Weimarer Republik werden, doch 1918 ist er Vernunftsmonarchist, dem ein reformiertes Kaiserreich lieber ist, als von heute auf morgen in einer Demokratie zu leben. Und dem die Angst vor einem zweiten Russland in ein Zweckbündnis mit Max von Baden treibt.


Lothar Machtan zeichnet die Charaktere dieser drei Männer nach, ohne dabei aber drei Biographien zu schreiben. Es gelingt ihm trotzdem auf diese Weise zu zeigen, das Geschichte am Ende von den Stärken und Schwächen von Menschen gemacht wird. Und das der 9. November 1918 als Tag der Revolution in die deutsche Geschichte einging, hat weniger mit unveränderlichen Weichenstellungen zu tun, als mit der Kombination der Schwächen dieser drei Männer. Ein Kaiser, der auf dem Thron beharrt, obwohl ein Rücktritt die Monarchie hätte retten können. Ein Kanzler, der seinem Kaiser nicht mit der Wahrheit entgegentritt, und sich davon stiehlt, als es auf ihn ankommt. Nur bei Ebert ist man geneigt dem Autor zu widersprechen. Freilich ist der Sozialdemokrat zu zögernd, er wagt nicht den großen Wurf. Aber die Ereignisse der russischen Revolution sind für ihn zu nah, als das er zu forsch voranzugehen wagt. Machtan scheint ihm das übel zu nehmen, immer wieder lässt er seine Sympathien für die USPD durchschimmern, jener Abspaltung der SPD, in der auch Karl Liebknecht und der Spartakusbund ihre politische Heimat gefunden haben. Wo er die Gewissheit erlangt, Deutschland hätte keine zweites Russland werden können, bleibt er dem Leser schuldig. Im Gegenteil, eigentlich müsste man Lobeshymnen auf Friedrich Ebert singen, der am Ende Garant dafür war, dass Deutschland Republik wurde, und keine sozialistische Republik nach Wunsch der USPD.

Trotz dieser Schwächen ist Kaisersturz – Vom Scheitern im Herzen der Macht ein durchweg informatives und gut verständliches Buch geworden. Es beleuchtet einen Übergang von Monarchie zur Republik, den zwar kaum einer der handelnden Personen wollte, der aber unvermittelt kam und seine eigenen Probleme brachte. Freilich endet das Buch an dieser Stelle, wenn es auch auf den letzten Seiten die Frage aufwirft, ob 1933 möglich gewesen wäre, hätten wenige entscheidende Personen 1918 anders gehandelt.

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