Was ist eigentlich ein Konservativer?

Das Wort mag noch so mächtig sein, es kann sich aber dennoch nicht dagegen wehren von den Falschen vereinnahmt oder verleumdet zu werden.

Sich als Konservativer hat noch immer etwas revolutionäres an sich, auch wenn es in den letzten zwei, drei Jahren auch eine ganze Reihe seriöser Veröffentlichungen von Konservativen gab. Das Bild eines Konservativen scheint in unseren Tagen aber vor allem von jenen geprägt zu sein, die sich selbst als konservativ bezeichnen, aber leicht als Rechtspopulisten oder Vertreter der Neuen Rechten zu enttarnen sind. Mit der Flagge eines demokratischen Deutschlandes in der Hand, demonstrieren sie als selbsternannte – und vor allem letzte – Verteidiger des Abendlandes, und haben von dessen Werten aber ganz offensichtlich nichts begriffen. Und in einer Gesellschaft, in der es seit Jahrzehnten an bekennenden Konservativen mangelt, übernimmt der Mainstream die von links vorgeschriebene Ansicht, was Pegida oder AfD da behaupten, entspräche der Wahrheit. Konservativismus wird in einen Topf geworfen, mit der Neuen Rechten, Rechtspopulisten, Neo-Nazis und Alt-Nazis. Zum Kochen gebracht, zu einem unappetitlichen Eintopf, der es den Köchen leicht macht über ihren Fehler hinwegzusehen. 

Doch was ist konservativ, für was steht ein Konservativer heute?

In seinem kleinen, aber äußerst lesenswerten Konservativen Manifest schreibt Wolfram Weimer seine „zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit“ fest:

  1. Die Person würdigen
  2. Die Familie lieben
  3. Die Heimat lieben
  4. Die Nation ehren
  5. Den eigenen Kulturkreis kennen
  6. Die Tradition hegen
  7. Recht und Ordnung respektieren
  8. Das Eigentum und die Wohlfahrt stärken
  9. Tugenden pflegen
  10. Gott achten

Allein diese Auflistung zeigt, wie Konservativismus zu den Neuen Rechten steht. Es geht nicht um Abgrenzung, es geht darum das Eigene zu kennen und zu lieben, ohne dabei das andere Herabzuwürdigen. Es ist wie die klassische Erklärung des Unterschiedes zwischen einem Patrioten und dem Nationalisten. Der Patriot liebt sein Land, der Nationalist hält es für besser als alle anderen und hasst diese mitunter.

Konservatismus ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt.

Antoine de Rivarol

Aber auch wenn Weimer’s 10 Gebote harmlos klingen, im Jahr 2018 haben sie, lebt man sie wirklich, auch die ein oder andere Sprengkraft inne. Wie sieht es etwas mit der Würde der Person in einem Land aus, in dem Jahr für Jahr über 100.000 Kinder abgetrieben werden? Ist es nicht verwirrend seine Familie zu lieben, wenn offiziell jedes Zusammenleben, egal wie lange, egal mit wem, zur Familie deklariert wird? Heimat ist wieder modern, aber im Grunde sieht der moderne Städter doch mit Verachtung auf die einfachen Menschen vom Land herunter, die in ihren Trachten zum Dorffest gehen, die so ganz anders sind als die schicken Trachten aus dem Geschäft in der Großstadt. Und wer traut sich heute schon offen von der Nation zu sprechen, in einem Land, in dem sein Gegenüber das Wort mit „-alsozialismus“ ergänzt? Und so altbacken die richtige Tracht wirkt, so altbacken wirkt auch der eigene Kulturkreis. Das Fremde ist in, das eigene kennt man schon gar nicht mehr, will es auch nicht. So manch Anhänger des Multikulti will entsprechend lieber gar nicht wissen, was seine Freunde, die ihre eigene Kultur schätzen und pflegen, von seinem Kappen der eigenen Wurzeln hinter vorgehaltener Hand erzählen. Und mit den Traditionen ist es nicht anders. 

Der G20 Gipfel in Hamburg und die Geschehnisse in Chemnitz haben uns unterdessen deutlich vor Augen geführt, dass es mit Recht und Ordnung in Deutschland ebenfalls schlecht bestellt ist. Das Idealbild des deutschen Polizisten ist der Sozialpädagoge geworden, der redet und nicht durchgreift. In Wahrheit ist er oft nur noch ein schlecht bezahlter Prügelknabe, psychisch, wie physisch. Über Eigentum und Wohlfahrt kann man sich vielleicht noch am ehesten einigen, es sei denn Eigentum verpflichtet und Wohlfahrt kostet. Von Tugenden hingegen wird nur geredet. Und Gott? Gott ist nicht modern, das Christentum wenig geschätzt. Da hat es Allah schon leichter, denn während das Verbrennen eines Korans mit Entsetzen beantwortet wird, kräht kaum ein Hahn, würde jemand Bibeln zum Kamin anzünden nutzen.

Konservativ ist nicht links, aber trotz des gerne verwendeten Begriffs des „Liberalkonservativen“ auch nicht liberal an sich, vor allem aber nicht libertär. Der Konservativismus radikalisiert sich stets, wenn er libertäre Elemente in sich aufnimmt. Statt für Werte zu stehen, die die Gesellschaft zusammenhalten, gibt er sich als Deckmantel für einen radikalen Kapitalismus und eine Individualisierung der Gesellschaft her, in der am Ende nur Millionen von Ich-AGs miteinander konkurrieren. Ein echter Konservativer stellt sich libertärem Gedankengut entgegen. Er weiß, dass der Mensch nur mit anderen Menschen existieren kann, nur in einer Gemeinschaft, in der die Menschen zusammenstehen, statt gegeneinander.

Der überzeugte Konservative stellt sich gegen die unheilige Allianz des kapitalistischen Liberalismus und des herrschenden Links-Liberalismus, der erst Ruhe geben wird, wenn selbst die aberwitzigste Wortkonstruktion seine eigene Toilette bekommen hat. Denn es geht ihm um die Menschen, nicht um Ideologien.

Der Mensch wird überschätzt

Und dennoch ist das Menschenbild des Konservativen im Vergleich zum Linken ein negatives. Er weiß, das Idealismus und Sonntagsreden schön klingen mögen, aber selten in der harten Realität funktionieren. Während die Linke seit Ewigkeiten immer wieder aufs Neue überrascht ist, wenn die eigenen Leute etwa im Angesicht der Konkurrenz durch Flüchtlinge plötzlich aus Angst in Xenophobie verfällt, wundert das den Konservativen wenig. Er weiß, die Menschen brauchen keine Ideale, sie brauchen das Gefühl der Sicherheit und will man sie auf einen herausfordernden Weg mitnehmen, braucht es Führung und Überlegtheit.

Es ist auch dem libertären Gift zu verdanken, dass etwa der ursprüngliche zutiefst konservative Wunsch die Natur zu schützen, bei vielen, die sich selbst als konservativ bezeichnen verdrängt wurden. Für die progressive Elite mag die Wissenschaft gottgleich geworden sein, für den Konservativen nicht. Und dennoch ist er bereit ihre Erkenntnisse, so sie den objektiv sind, anzunehmen. Wer von sich behauptet konservativ zu sein, aber etwa den Klimawandel leugnet, ist kein Konservativer, sondern ein Dummkopf. Wer für überkommende Energieformen wie Braunkohle den Wald opfert, hat vergessen, welche Bedeutung die Natur für die Menschen hat. Konservative haben den Auftrag Gottes verstanden, sie machen sich die Welt Untertan, aber sie tun es in verantwortungsvoller Art und Weise. Für sich, ihre Mitmenschen auf dem gesamten Planeten und die künftigen Generationen.

In einer Welt der totalen Flexibilität und der sich überschlagenden Veränderungen, zeichnen sich Konservative nicht durch Blockieren aus. Aber jede Neuerung muss sich zuerst die Frage stellen lassen, welchen Zweck und Sinn sie hat. Der Fortschritt um des Fortschritts willen ist ihm ein Graus. Der Fortschritt, die Wirtschaft, die Wissenschaft, sie alle sind kein Selbstzweck, sie müssen dem Menschen dienen, nicht der Mensch ihnen. 

Wer stark ist, kann sich erlauben, leise zu sprechen.

Theodore Roosevelt

Werte leben, statt sie zu predigen

Nach dem preußischen Motto „Mehr sein, als scheinen“, predigt der Konservative nicht bei jeder Gelegenheit Werte, er lebt sie vor. Pflicht, Anstand, Haltung sind Werte, die eine Gesellschaft zusammenhalten. Jeder muss seinen Teil beitragen, ohne dabei andere zu übervorteilen. Und jeder muss für seine Werte einstehen, auch dann, wenn ihm ein Sturm ins Gesicht bläst. Seine Pflicht erfüllt zu haben, anständig geblieben zu sein und Haltung gezeigt  zu haben, ist für den Konservativen auch dann immer die beste Alternative, wenn man dabei den Kürzeren zieht. Werte sind etwas ewiges und kulturübergreifend, sie unterliegen nicht dem Diktat des Zeitgeistes. Ihr Sinn und Zweck ist es mitunter eben auch die Auswüchse des Zeitgeistes einzugrenzen, dem Zeitgeist zu stoppen, wenn er die Gesellschaft zu zerstören droht.

Der Konservative ist auch bereit dann Haltung zu zeigen, wenn ihm die (veröffentlichte) Mehrheitsmeinung entgegensteht. Er unterscheidet nicht zwischen rechter und linker Gewalt, es gibt für ihn auch keinen guten Terrorismus. Er steht gegen Abtreibung, nicht allein aus religiöser Überzeugung, sondern weil das angebliche Menschenrecht auf Abtreibung dem obersten Prinzip in unserer Gesellschaft widerspricht, der Würde des Menschen. Er erfüllt aus innerlicher Überzeugung seine Pflicht, wenn er Hilfsbedürftigen Obdach und Schutz gewährt, er straft aber auch jene, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen getäuscht haben und die Gastfreundschaft für Verbrechen missbrauchten. Er redet sich die Welt nicht schön und demonstriert auf der eigenen Couch für unrealistischen Pazifismus, sondern weiß, das Menschen in Gefahr geschützt werden müssen – und sei es militärisch. Überhaupt sieht er in den Soldaten und Soldatinnen seines Landes keine Ballerspieler, die mit echten Waffen morden wollen, sondern ist froh, dass es noch Menschen gibt, die auch auf diese Weise bereit sind der Gesellschaft und ihrem Land zu dienen. Den Dienen ist für ihn eine Ehre an sich, kein überkommenes Herrschaftsinstrument, das der individuellen Selbstverwirklichung im Wege steht.

Die Scheu vor Verantwortung ist die Krankheit unserer Zeit.

Otto von Bismarck

Der Konservative muss bereit sein, auch dann Verantwortung zu übernehmen, wenn niemand sonst mehr dazu bereit ist. Hat er selbst einen Fehler begangen, dann läuft er nicht davon, sondern steht zu seinem falschen Tun. Er ist aber auch immer bereit für andere Verantwortung zu übernehmen, sie zu unterstützen, zu leiten, und sich schützend vor sie zu stellen, wenn es nötig ist. Ebenso wie er sich für jene in der Gesellschaft einsetzt, die sich nicht selbst helfen können. Die Armen und Schwachen sind für ihn nicht der Bodensatz der Gesellschaft, sie sind ein Teil der Gesellschaft und als solches haben sie das Recht auf eine helfende Hand.

Und die Freiheit? Die Freiheit gilt es zu verteidigen, sie ist ein Grundwert. Jeder muss das Recht haben, soweit es in seinen Möglichkeiten liegt, über sein eigenes Leben entscheiden zu können. Als Konservativer weiß man aber eben auch, dass die Freiheit des einen, nicht mehr Wert hat, als die Freiheit des anderen. Grenzenlose Freiheit für alle, bedeutet am Ende Unfreiheit für alle. Denn wie bei den Wölfen von Thomas Hobbes, wird dann immer jemand sein, der durch seine Freiheit, die des anderen unterdrückt.

Und die Geschichte? Die Geschichte ist uns eine Lehre, im Guten, wie im Schlechten. Aber die Zeit geht voran, sie lässt sich nicht zurückstellen. Der Konservative verteidigt das Gute aus der Vergangenheit und tut alles, um es in eine Gegenwart zu retten, deren distruptiver Drang alles Bestehende zerstören will, um das eigene Neue zu schaffen. Er weiß aber auch, dass die gute alte Zeit nur eine manipulierte Erinnerung ist, ein Wunschdenken. Deshalb ist er ebenso bereit das Überkommene, das Schädliche und Schlechte zu opfern. Er blickt maßvoll auf die Vergangenheit zurück, ohne sie den eigenen Bedürfnissen nach zu selektieren, er ignoriert nicht, was ihm nicht passt, er überhöht nicht, was seinen Vorstellungen entspricht. Wenn er urteilt, vergisst er nie, dass es eine andere Zeit war. 

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

Helmut Schmidt

Und die Zukunft? Die Zukunft ist ungewiss. Die Zukunftsvisionen der Vergangenheit haben sich allzu oft als Lug und Trug erwiesen, manchmal eignen sie sich zumindest noch zum Amüsement. Mit jeder Minute die wir vorhersagen, verringert sich die Wahrscheinlichkeit im Recht zu sein. Uns bleibt die Gegenwart, in ihr Leben wir und sie können wir gestalten. Hier können wir handeln, nach bestem Wissen und Gewissen. Das ist unsere einzige Möglichkeit die Zukunft zu gestalten. Handeln, statt Visionen!

Fazit:

Wer aus dem konservativen Geist heraus sein Leben führt, der wählt nicht den einfachen Weg. Er ist bereit gegen Widerstände anzukämpfen und seine Pflicht zu erfüllen. Er folgt dem Rat Theodor Roosevelt’s und bittet nicht um die leichte Last, sondern um einen starken Rücken. Er dient der Gesellschaft, statt sie zu seinem Vorteil auszunutzen zu wollen. Er ist bereit, auch Opfer zu bringen, ohne dafür einen direkten Gegenwert zu erhalten. Er erfüllt seine Pflicht! Er zeigt Haltung! Er bleibt anständig!

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